Zum Kuckuck mit dem Wecker oder wie man ihn im Schlaf überlistet

Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.

Eins, zwei (ich zählte im Halbschlaf mit), drei. Dann kam kein Laut mehr. Hoffentlich hatte ich den ersten Ruf des Kuckucks überhört, sonst wäre es 3 Uhr mitten in der Nacht gewesen.

Ich lag im Bett meiner Projektwohnung in Wolfsburg. Am Kopfende befand sich direkt die Wand, die ich mit der Wohnung meines Nachbars teilte. Dort hing die Uhr. Das war nicht schlimm. Ich mochte es, wenn ich sie ab und zu mal wahrnahm. Vielleicht eine schöne Kindheitserinnerung. Es gab eine Zeit, da kauften meine Eltern tatsächlich eine Kuckucksuhr. Wir Kinder warteten gespannt auf den Auftritt des kleinen Vogels, um ihn »Kuckuck« rufen zu hören, während sein kleiner Schnabel mechanisch auf und zu klappte.

Aber war es wirklich erst 3 Uhr?

Ich war nicht richtig wach, war noch zu sehr im Schlaf versunken, um nach dem Handy zu greifen und auf die Uhr zu schauen. (Bloß nicht zu viel nachdenken.) Ich wusste, würde ich das tun, dann wäre es vorerst vorbei mit meinem Schlaf. Und überhaupt, warum spielte die genaue Uhrzeit inmitten der Nacht eine Rolle. (Nicht aufregen.)

Durchgehend zu schlafen, das schien ein Luxus zu sein, den mein Körper sich ohnehin nicht leisten wollte. Hätte mich der Vogel von nebenan nicht geweckt, wäre ich vermutlich auch so aufgewacht. Mein Schlafrhythmus (das Wort »Rhythmus« ist ein Euphemismus) hatte nämlich folgenden kaputten Takt entwickelt: aufwachen zwischen 3 und 4, ein bis zwei Stunden hin und her wälzen bis zum Einschlafen, dann wieder gegen 6 Uhr aufwachen und je nach Laune ein oder kein erneuter Versuch, um bis 7 Uhr zu schlafen.

Wann immer ich nach dem Muster »Einschlafen und Aufwachen und Einschlafen und Aufwachen« morgens aufstand, fühlte sich mein Kopf an, als hätten Giganten darauf einen Kampf auf Leben und Tod geführt und nur noch ein Schlachtfeld auf meinem Gesicht hinterlassen. Daher entschied ich mich, anstatt mich stundenlang dem Versuch des Einschlafens hinzugeben, ein Buch zu lesen bis ich müde wurde.

Ich griff kurz vor 6 Uhr zu meinem Handy, stellte den Wecker aus und schlug das Buch »Die geheime Geschichte« [Amazon Werbelink] auf. Die letzten Seiten. (Schade.) Ich freute mich sogar auf das Lesen, denn die Geschichte und vor allem die Personen darin waren spannend und faszinierend. Das Ende fand ich – wie bei allen Donna Tartt Büchern, die ich kannte – etwas enttäuschend. Als ich das Buch weglegte, stand ich später auf als ich vom Wecker geweckt worden wäre.

Wach-Duschen. Frühstücken. Anziehen. Zur Arbeit. (Ich funktionierte wie ein schlecht programmierter Algorithmus.)

Als ich vor dem zu grell leuchtenden Monitor beim Kunden im Büro saß, kämpfte ich immer noch gegen den Schlaf an, der in der Nacht nicht wollte und sich in monotonen Momenten in meinen Tag stahl. Ich arbeitete gegen die Müdigkeit an und hätte am liebsten den hellen Monitor wie eine Nachttischlampe ausgeknipst. Unmotivierte Deckenlichter brannten über meinem Platz. Sonst lag noch überall die Dunkelheit über den Arbeitsplätzen der anderen. Kaum jemand anwesend. Es war zu ruhig, keine Ablenkung, keine Ermunterung, keine Eskalation. Das Büro selbst schien noch zu schlafen und dank mir in einem merkwürdigen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachsein zu schweben. Heute fehlten sie, die Aufreger, die meinen Körper zeitweise mit Stress aufputschten und mit Adrenalin überschwemmten.

Und dann tauchte mein Kollege Dennis gegen 10 Uhr auf. Respekt. Er sah unverschämt frisch und munter aus. Wir lächelten uns an, und bevor ich etwas sagen konnte, erklärte er sein spätes Eintreffen. Er hatte verschlafen oder positiver formuliert: Er hatte durchgeschlafen. Ich lachte, schüttelte neidisch und anerkennend meinen Kopf (wenn er wüsste, was ich die Nacht durchgemacht hatte). Die eigentliche Pointe sollte noch folgen, als er mir erklärte, wie er verschlafen hatte.

Er vergaß, seinen Wecker auf dem Handy zu stellen. Und als sein Wecker nicht klingelte, wann es hätte klingeln sollen, da ahnte sein Körper (unbewusst), dass etwas nicht stimmte und vollbrachte einen wundersamen Trick, um seinen Schlaf nicht weiter zu stören: Er träumte davon, wie sein Wecker klingelte, wie er zu seinem Handy griff, wie er es ausschaltete und wie er am Ende aufstand, obwohl sein Körper noch lag und sorglos schlief. (Warum musste ich an die Matrix denken?)

Ich musste laut lachen, so absurd und ungerecht kam mir das vor. Plötzlich schubste mich der Traum eines anderen vom Rande des Schlummerns im Wachzustand ins Tal der Hellwachen und Munteren. So geht es auch.

Ich wendete mich wieder meinem Bildschirm zu. Noch im Umdrehen meines Kopfes huschte ein Gedanke zwischen meinem Bildschirm und meinem Kopf: Sigmund Freud. Ihm hätte diese kleine Anekdote sehr gefallen. Ein latenter Trauminhalt, der den Schlaf zu stören drohte, manifestierte sich als Traum. Und während Dennis durch das Klingeln eines fiktiven Weckers weiterschlafen konnte, weckte mich kein Wecker.

photo credit: Zeit schläft nicht via photopin (license)


2 Gedanken zu “Zum Kuckuck mit dem Wecker oder wie man ihn im Schlaf überlistet

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  • fxhakan

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