Montags, um 9 Uhr 47, der Preis eines Frühstücks

2 Euro 65 sammelten sich in Form eines eigensinnigen Frühstücks auf meinem Tablett, während Menschen unbeachtet am Fenster vorbeiliefen.

Ich saß in der Back-Factory, weil der Buchladen Thalia erst um 10 Uhr öffnete (was ich bis zu diesem Morgen nicht wusste). Statt mit dem Essen zu beginnen, schaute ich immer noch ungläubig auf mein soeben erworbenes Arrangement aus belegtem Brötchen mit Ei, einer Quarktasche und einem Kaffee. Wie kann das so unfassbar günstig sein, fragte ich mich, denn sonst kostete mich alleine mein morgendlicher Kaffee fast so viel. Auf diesen Gedanken folgte der übliche Reflex: Dann schmeckt es nicht.

Gedankenversunken rührte ich den Kaffee um, während ich in diesem kleinen Kosmos aus pulverisiertem Zucker und Milch nach einer Antwort suchte als plötzlich eine grässliche Männerstimme eine „fette Kuh“ gegen die Scheibe schmetterte.

Ich schaute hoch nach rechts. Gleich zwei Sitze weiter saß ein grimmiger Mann mit gekrümmtem Rücken. Mit entblößter Zahnreihe arbeitete er sich an seiner Unterlippe ab und riss krallenförmige Falten an den Rand seiner Nasenflügel, während er etwas da draußen fixierte.

Irritiert und ein wenig neugierig schaute ich nach draußen: Eine junge Frau, dick und sehr gepflegt ging seelenruhig und ohne Notiz von dem Drama um sie an uns vorbei. Ich konnte nichts Anstößiges an ihr entdecken, nur dass der Typ ein Arschloch sein musste. Bevor sich Ärger in meinem Bauch sammeln konnte, wollte es etwas zu verdauen haben.

Mein Brötchen wartete immer noch auf meinen ersten Bissen und mein Geschmacksurteil. Doch bevor ich zubiss, fotografiere ich mein Arrangement wie so ein dekadenter Instagramer – festhalten für die Nachforschungen (am Ende wurde es das Bild des Blogartikels). Irgendwann wird es bestimmt mehr Fotos vom Essen geben als Nahrungsmittel oder Menschen, und wenn wir nicht aufpassen, wird das das einzige sein, was von alldem übrig bleibt. Cool wäre es doch, Fotos von Essen auf eine Plattform hochzuladen und diese würden dann hungernden Menschen zugutekommen.

Merkwürdige Konditionierung in meinem Kopf. Immer, wenn ich etwas Günstiges sehe, dann läuft bei mir automatisch die Assoziationskette günstig – billig – Ausbeutung – arme Menschen ab.

Dann kam der Moment. Ein großes Stückchen mit Ei landete in meinem Mund, getragen von einem Schluck Kaffee und – es schmeckte! Wie machen die das? Keine Ahnung, denn was sprach dagegen, doch bevor meine Gedanken in eine unbestimmte Richtung gingen oder vielmehr verliefen, störte ein herzhaftes „Fresse“ die köstliche Stimmung.

Es war wieder der Ein-Wort-Mann. Doch diesmal richtete sich seine ungezügelte Aggression nach innen.

Ein Baby an einem Tisch in der Nähe hatte zu schreien begonnen. Ich nahm es kaum wahr, es störte mich nicht. Mein sensibler Sitznachbar jedoch hatte seine Schwierigkeiten oder vielleicht suchte sich seine Wut ein neues Hassobjekt. Er drehte sich wieder zum Fenster zurück, und ich schaute offen zu ihm hinüber, er begann mich zu nerven.

„Halt du die Fresse, du Idiot!“, kam es aus seinem Rücken.

Einen kurzen Moment musste ich lachen. Wieder eine Assoziationskette mit Fresse – Fressen/fressen, eine subtile Anspielung auf Mund und die damit verbundene Tätigkeit in einer Esswerkstatt. Für Gourmets fehlte noch ein „leck mich“, vielleicht mit einem angehängten „fett“.

Als der Mann weiter mit sich beschäftigt war und meinen Blick ignorierte, schaute ich mich um. Eine korpulente Frau im schwarzen T-Shirt hatte sich lautstark gemeldet. Sie saß zwischen ihm und der ausländischen Familie mit Kind und schien, ihr Beistand zu leisten. Eine nette Hilfe, denn die Mutter wirkte sichtlich irritiert und peinlich berührt. Andere Mütter hätten zu Recht ganz anders reagiert, denn so waren nun mal Babys: unberechenbar.

Jetzt war er wieder an der Reihe, dachte ich mir und schaute wieder zu ihm rüber. Er brabbelte vor sich hin als wetterte er gegen einen unsichtbaren Feind, während sein Blick unruhig hin und her wanderte. Er wirkte etwas dumm und einfältig. Während ich mir einen Reim darauf zu machen versuchte, entdeckte ich im Versteck seines Körpers eine ihm zugewandte Dame. Zerbrechlich und alt. Ihr bestürztes Gesicht verlief sich in Falten als wollte es sich selbst darin verstecken.

Komisch, plötzlich verflog mein Ärger und meine Gedanken nahmen eine Wendung. Vermutlich konnte er nichts für seine Ausraster. Sein Geist war nicht zu mehr im Stande als zu einfachen Wahrheiten, um sich im Leben zurecht zu finden. Vielleicht hatte er das gemeinsam mit bestimmten normalen Menschen, doch im Gegensatz zu ihnen, vermochte er wohl nicht, anders mit der Realität umzugehen.

Nachdem ich zu Ende gefrühstückt hatte – und es hatte geschmeckt -, hörte ich die Frau in schwarz immer noch aufgeregt reden. Ich ging zu ihr, während sie ausladende Bewegungen machte und etwas wie „Arsch“ sagte.

„Sie sollten das nicht persönlich nehmen. Der Mann scheint nicht gesund im Kopf zu sein.“

„Ich habe einen italienischen Mann!“, platze es aus ihr heraus. Sie lachte. Ok, wieso sie mir das erzählte und was es mit der Situation zu tun hatte, blieb ihr Geheimnis. Vermutlich wollte sie nur ihre Verbundenheit zeigen.

Als ich hinausging, schien der Mann noch immer an etwas zu knabbern. Hatte dieser Mensch selbst Angst, die er nicht verstand und dessen Ursache ihm verborgen blieb; war seine wütende Reaktion nur eine Verteidigung gegen die Störenfriede seiner geordneten Welt – ich wusste es nicht. Er erinnerte mich an ein ungehaltenes Kind.

Ich schüttelte den Kopf, ohne genau zu wissen, ob es ihm oder mir galt. Einmal in Gang gesetzt, ließen meine Gedanken keine Ruhe, und das Frühstück kostete mich am Ende mehr als ursprünglich geplant.


3 Gedanken zu “Montags, um 9 Uhr 47, der Preis eines Frühstücks

  1. Kenne das Gefühl sehr gut. Ebenso das Irritiert sein, wütend sein und dann kommt der gedankliche Umschwung, in dem dir klar wird, du brauchst nicht wütend zu sein. Und ein bedrückendes Gefühl bleibt zurück, während man solch Situation verlässt.

    1. Deine Beschreibung des “gedanklichen Umschwungs” finde ich sehr treffend! Irgendwann habe ich das mal im Kopf gemacht und erinnere mich in bestimmten Situationen daran. Ich glaube, dass der Mensch an sich nicht schlecht sein möchte, daher suche ich nach der wahren Motivation, am Ende entdecke ich vielleicht meine Eigene…:-)

      1. Ja, das glaube ich auch. Und ich bin sicher, dieser Glaube ist der Beste und effektivste für den gesamten Umgang mit Mensch. Und dir selbst natürlich auch. Haben wir da ja gern die meisten Zweifel mit 🙂

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