Die verschlossene Frau

Ich bin ihr wieder begegnet. Wir hatten uns nicht wirklich verabredet. Es war vielmehr ein mehrfaches, beiderseitiges „bist du auch da?“ begleitet von einem Ja, das dem Treffen vorausging.

Wir liefen uns dann wie erwartet in der Disco über den Weg. Sensibilisiert durch die vormalige Erfahrung achtete ich jetzt bewusst auf ihr Äußeres, besonders auf ihre Kleidung.

Sie trägt eine helle etwas weite Hemdbluse. Das überrascht mich. Ich hatte mit dunklen Farben gerechnet. Nur der eigenwillige Gürtel fällt mir auf, der sich um ihre Taille schnürt. Diesmal trägt sie auch eine andere Tasche bei sich. Ich greife danach. Sie ist braun, bestückt mit grell-bunten Ornamenten, wirkt verspielt und „strahlt“ Freude aus. Auch das überrascht mich. Ihre Tasche vom letzten Mal wirkte hingegen altbacken. Während ich die kunstvoll arrangierten Erhebungen auf ihrer Tasche wie ein Blinder mit den Fingern abtaste, schaut sie geduldig zu. Ich würde gerne einen Blick hineinwerfen.

„Eine schöne Tasche“, sage ich ihr. „Die hat was.“ Doch bevor ich weiterreden kann, beginnt sie damit, die Tasche schlecht zu reden. Detailreich und ausführlich! Jetzt bin ich etwas irritiert. Wieso macht sie das? Und, frage ich mich weiter, wieso läuft sie dann mit dieser Tasche herum? Hat sie sich nicht damit gerade selbst abgewertet? Eine Tasche soll doch das genaue Gegenteil bewirken… Ich wechsle das Thema und mache keine weiteren Anmerkungen zu ihrem Äusseren. Dann geht jeder wieder seines Weges.

Wir laufen uns später wieder über den Weg. Stehen beieinander. Sie ist mir zugewandt. Nervös spielt sie an ihrem Getränk. Sie echauffiert sich über eine Bedienung, der scheinbar unfreundlich zu ihr gewesen sei. Ihre Empörung wirkt gespielt und aufgesetzt. Das macht sie absichtlich. Wir unterhalten uns über die Bedienung. Was genau sein Fehler war kann ich nicht heraushören, aber allmählich überstrapaziert sie das Thema. Das hat etwas divenhaftes, finde ich und wechsel das Thema, wieder. Ich will etwas über sie erfahren, sie näher kennenlernen, aber nicht mit Oberflächlichem mich befassen müssen!

„Ich habe mich darauf gefreut, dich wieder zu sehen!“

Sie hält inne. Damit hatte sie anscheinend nicht gerechnet. Dann redet sie einfach weiter als hätte ich nichts gesagt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin irritiert. Wieder. Irgendwie komme ich mir vor wie bestellt und nicht abgeholt. Heute klappt ja gar nichts! Jetzt brauche ich einen Moment.

Mein Blick senkt sich und fällt wieder auf ihren Gürtel. Jetzt weiss ich, woran es mich erinnert: an einen Gurt! Einen Sicherheitsgurt, den man bei einer Reisetasche oder einem Koffer benutzt. Verpackt und fest zugeschnürt, damit sie sich nicht unerwünscht auf der Reise öffnet. Meistens ist dieser nicht nur geschlossen, sondern auch verschlossen. Da will jemand ganz sicher gehen, denke ich mir. Ich frage mich, wann die Tasche gepackt wurde, was sich darin befindet, wie lange er schon unterwegs ist und sein wird… In fast jedem Fall wird zu viel und unnötiges eingepackt, geht es mir durch den Kopf und amüsiere mich gleich über diesen Gedanken, denn das kenne ich von mir selbst!

Ich schaue wieder zu ihr auf. Sehe in ihr Gesicht. Sie ist eine natürliche Schönheit. Blicke in ihre hell-leuchtenden Augen. Ihre Farbe kann ich leider nicht erkennen, es ist zu dunkel…

photo credit: So shy… via photopin

2 Gedanken zu “Die verschlossene Frau

  1. Pingback: Die Schönheit und das ungerechte Körperfett « fxhakan | BLOG

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