Heute Morgen fehlt mir die Muse zu irgendetwas. Die Nacht und ich werden keine Freunde. Ich gehe zum Auto. Gestern hatte ich es weiß und sauber abgestellt. In der Nacht jedoch, unter den hohen Bäumen, scheint es das Ziel von Vögeln mit nervösem Magen geworden zu sein. Monotone Kleckse in gebrochenem Weiß und schmutzigem Grau.
Es gibt bestimmte Filmszenen, die vergisst man nicht so leicht, weil sie aus einem unbegreiflichen Grund sich in deinem Kopf verheddern und dort Unfug treiben. Dann, in einem unpassenden Moment, finden sie den Weg ins Freie, also in dein Leben, um sich dort über dich lustig zu machen. In meinem Fall bist du ich. Und die Szene, von der ich rede, handelt von Tyler Durden aus dem Film Fight Club (Amazon Werbelink).
Ich sehe Tyler Durden mit seinem verächtlichen Lächeln vor mir, wie er mir meine Hausaufgabe aufgibt. Doch anstatt zu sagen, beginne eine Schlägerei und verliere, sagt er: Gehe in einen Kaufladen, lasse dich zwei Stunden beraten und – jetzt schaut er mir direkt in die Augen – gehe wieder, ohne etwas zu kaufen!
Träume, die ungeschützten Blicke in die eigene Seele, so seltsam und beängstigend einige von ihnen in meinem Leben auch anmuteten, einen wie heute Nacht hatte ich noch nie geträumt.
Auf Fotos sehe ich immer so aus als hätte eine Horde wütender Affen sich wild durch mein Gesicht geprügelt und eine völlig verwüstete Landschaft hinterlassen – kurzum: Auf Fotos sehe ich hässlich aus.
Lange Zeit tröstete ich mich mit dem Gedanken, ich sei unfotogen. Irgendwie schien sich das Schöne in meinem Gesicht, das ich in der Realität wiederfand, auf seinem Weg in die Abbildung zum Foto zu verlieren. Und dank Photoshop konnte ich diese wohlgefällige Ausrede eine Zeitlang aufrechterhalten, indem ich weitere Unwahrheiten hinein retuschierte und eine Schönheit hineintäuschte, die sich noch weiter von mir entfernte und irgendwo bei hochglanzpolierten Zeitschriften landete.
Doch mein Spiegel führte mir mit zunehmendem Alter jeden Morgen vor, dass das windschiefe Bild mit einem Segelohr, das ich sah, nichts mit den Fotos zu tun hatte, die ich von mir in der Welt verbreitete. Wäre mein Spiegel ein Zauberspiegel gewesen, hätte es mich mit den Worten »Hier in diesem Raum bist du im Moment der Schönste« trösten können. So jedoch starrte ich auf etwas hinab, das aussah, in das sich der Lattenrost meines Bettgestells kunstvoll durchgearbeitet und ein ästhetisches Drama hinterlassen hatte (die Idee mit den Affen, die eine Party mit meinem Gesicht feierten, erschien mir dann doch zu abwegig).
Ich sagte mir »lächle«, denn ein Lächeln macht jedes Gesicht schöner. Das Lächeln jedoch zog so viel Falten in mein Gesicht als handelte es sich um ein frisch gewaschenes T-Shirt, das nicht gebügelt worden war. Gesichter waschen, das konnte ich, aber wie ging bügeln?
Ich weiß, man selbst ist sich mit seiner überkritischen Haltung der größte Feind und neigt zu übertriebener Verzerrung der Realität. Wenn ich aber die Bilder auf den Hochglanzmagazinen sehe oder all die wunderschönen Bilder auf Instagram oder sonst im Internet, wo Mensch so schön wie Superstars hochgemocht werden und denen genau deswegen Horden von Menschen folgen, da bin ich froh, dass ich nicht mehr zu jener Generation gehöre, die heute jung ist und vor allem weiblich. Wer weiß, vielleicht ist auch nur die Realität hässlich, weil sich darin kein Platz für wahre Gesichter findet.
Was ich durch Photoshop gelernt habe: dass einfache Weichzeichner, also das Glätten von Gesichtern, jedes Gesicht sofort viel schöner erscheinen ließ. Daher glaube ich, dass jedes Gesicht am Anfang schön ist, bis sich das Leben darin niederschlägt.
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