Das Schlimmste wäre…

…, sagt er, wenn sie mir nicht zurückschreibt.

Wirklich, frage ich und muss darüber nachdenken. Irgendwie erscheint es mir nicht schlimm genug.

Am Samstag lernte er in der Disco eine – wie er sagt – umwerfende Frau kennen. Jetzt sitzen wir hier im Café draußen und genießen die Sonne. Um genauer zu sein, ich erfreue mich an den warmen Sonnenstrahlen und dem blauen Himmel, während er seine schützende Hand über sein Smartphone hält und auf das Display starrt, um den Moment nicht zu verpassen, an dem sie seine Nachricht liest. WhatsApp ist schon toll!

Ist das wirklich das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst?

Ja, sagt er, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Zwei blaue Balken, die kein Paar sind und ihr Blau der Anfang einer unschönen Reise markieren kann.

Was wäre, sage ich, wenn sie dir schreibt, dass sie sich nicht an dich erinnert? Wenn sie dich einfach vergessen hat?

Er blickt hoch.

Auf der Suche nach der verlorenen Wartezeit der Patienten

Patient kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: geduldig warten im Wartezimmer.

Wusste ich auch nicht, obwohl ich Latein in der Schule hatte. Aber das ist der Unterschied zwischen Theorie in der Schule und der Praxis im Leben bzw. beim Arzt.

Was ich auch nicht wusste: Zu der Arztuntersuchung gehört ebenso das unabdingbare Ritual des Wartens. Quasi das Vorspiel. Ein kontemplativer Moment des Auf-sich-Besinnens und In-sich-Kehrens.

Es ist eine Art Meditation. Das wissen nur ganz wenige.

Ich meine, mein Arzt kennt mich besser als ich mich selbst. Er weiß, dass ich im Herzen gerne länger im Wartezimmer sitze, um mich zu entspannen. Stressiger Job und so. Daher bekomme ich häufig einen Termin weit vor meiner Behandlungszeit. Wenn ich all die anderen Patienten im Wartezimmer sehe, dann sehe ich, ich bin nicht alleine. Das ist gut zu wissen. Vermutlich auch eine versteckte Kapitalismuskritik.

Es ist eine Art Therapie. Das weiß eigentlich keiner.

Natürlich ich auch nicht. Vor allem als undankbarer Mensch weiß ich diese kleine Oase der Entspannung fernab allen Alltagsstresses nicht zu schätzen. Da ich nun so ein Mensch bin, führe ich wunderliche Diskussionen mit den Angestellten des Arztes. Die eine ging so. „Auf der Suche nach der verlorenen Wartezeit der Patienten“ weiterlesen

Dich entschlüsseln

Deine Nachricht öffnen. Wieder.

Lesen und leise verzweifeln.

Und das Smartphone verärgert wieder weglegen.

Und es trotzdem nicht loslassen können.

Dann wieder danach greifen, als würde es mich hinüber zu dir retten.

Wieder deine Nachricht öffnen und im hellen Schein des Displays die Worte eingehend studieren.

Zwischen deinen Textzeilen die eigenen Wünsche und Hoffnungen hineinlesen (und die Angst auslassen).

Das Smartphone wieder weglegen, aber diesmal energisch, als wollte ich dem Smartphone etwas beweisen.

Und wieder deinen Text lesen und den Worten eine neue Wendung geben (nein, das passt auch nicht).

Das Gerät weglegen, um sofort wieder danach zu greifen, als hielte es mein Herz am Leben (und doch bringst du es aus dem Takt).

Ich lese wieder deine Nachricht – eigentlich kann ich sie schon auswendig, und doch schwebt auf dem Display die vage Hoffnung, dass sich hinter deinem Text eine verborgene Botschaft verbirgt (für mich). Es ist, als enthielten die leuchtenden Buchstaben deiner Worte den Schlüssel zu einem geheimen Code, der sich unbewusst in deinen Text hineingeschlichen hat und dich entschlüsselt. Doch du bleibst mir ein Rätsel.

Das Display geht aus.

Doch ich schaue immer noch auf die Stelle, wo das Licht einst war, während die Worte auf meiner Netzhaut nachleuchten. Und dann wird es dunkel. Ich starre in die Dunkelheit. Dort lauert etwas… Als plötzlich das Display mit seinem Aufleuchten und Vibrieren mich aufschrecken lässt – eine Nachricht von dir.
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