Lass dich nicht anstecken

Das mit den Vorurteilen ist so eine Sache. Ich selbst habe keine, denn als Ausländer mit Migrationsvordergrund kann ich sie mir nicht leisten – wo kämen wir sonst hin.

So früh am Morgen sind die Fahrten viel entspannter. Normalerweise. Also fuhr ich viel zu früh am Morgen des Mittwochs dieser Woche zur Arbeit – genauer, zu meinem Kunden. Der Mittwoch, das ist der Tag in der Wochenmitte ab dem die Arbeitstage und Stunden abnehmen. Daher war ich fast schon gut gelaunt. Diese gute Laune verbarg sich jedoch tief in mir, sprich, sie schlummerte noch. Meinem Gesicht erging es nicht anders. Es wusste noch nichts von dieser bevorstehenden Laune und hätte es davon gewusst, wäre es trotzdem zu müde, irgendeine Form von Laune darzustellen.

In diesem Guten-Morgen-Gesicht starrten meine beiden Augen auf die Schnellstraße und folgten dem morgendlichen Spiel zwischen den Blättern der herumstehenden Bäume von Licht und Schatten auf dem Asphalt. Der Tag war also auch nicht so richtig wach.

Doch am Rande braute sich etwas zusammen. An der Peripherie meines Blickes weckte ein kleiner, weißer Wagen im Rückspiegel meine Aufmerksamkeit.
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Scheiß italienischer Schiri oder wie Vorurteile entstehen

Ein beunruhigender Gedanke, dass in einen emotional hoch geladenen Moment ein achtlos dahingerotztes Wort viel Unheil anrichten kann, vor allem in Gegenwart eines Kindes.

Als die Mannschaft im Halbfinale gegen Frankreich »Scheiß Schiri!« am Verlieren war, »Der ist doch nur sauer, weil wir gegen Italien gewonnen haben!« wer von uns war da nicht stinksauer und hat das nicht gedacht oder sogar ausgesprochen…? »Jetzt rächt er sich dafür!« „Scheiß italienischer Schiri oder wie Vorurteile entstehen“ weiterlesen

Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest
Manche Männer finden das bei einer Frau sexy. Eine Nase mit der Attitüde von oben herab in die Höhe gemeißelt, die zeigt, hier nach oben, da gehöre ich hin, nur mein Kopf beschränkt mich dabei. Jenes Exemplar stand vor mir. Wunderschön zum Anschauen und Bewundern.

Wie ich es geschafft hatte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Doch bevor ich meine Freude kaum fassen konnte, begann eben jene ausgewählte Schönheit, mir mit ihrer selbstgefälligen und -gerechten Art auf den Sack zu gehen. Jedes ihrer Worte, die um Bedeutungslosigkeit rankten, stocherte wie ein Haken in meiner Wut und entfachte sie mehr und mehr. Jetzt war ich sauer. Sie raubte mir das Vergnügen mit ihr!
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Das Verhör

Das Verhör

Der Anruf
Samstag. 10:00 Uhr.
Computershop. Bielefeld-Innenstadt.

Samstags arbeitete ich gerne im Computerladen. Murat, Ibo, Frank, Andreas – alle waren sie da. Es war wie ein familiäres Treffen bei mir zu Hause, wenn wir hinten im Reparaturraum quatschten, während wir ein paar Rechner auseinander schraubten und reparierten. Wir alle waren Studenten und kaum auf den Nebenverdienst angewiesen. Ich ahnte nicht, dass mich gleich eine andere technische Errungenschaft aus der Bahn bringen sollte – der Anruf der Polizei.

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Beraubt!

radioher by proserpina

Als Jugendlicher war ich ein Ausländer und schüchtern. Ich ging ungern in Läden hinein, um zu stöbern, weil mich mit Sicherheit irgendwann eine Verkäuferin ansprach. Aber der Buchladen, das war ein Ort, den ich immer gerne aufsuchte. Meine Aufregung war dann ganz anderer Natur.

An jenem hellen Sommertag freute ich mich wieder auf den Buchladen. Ich hatte wieder ein Buch zu Ende gelesen und wollte mir jetzt ein Neues aussuchen. Mein Herz schlug bei der bevorstehenden Entdeckungsreise höher. Im Gegensatz zu allen anderen Einkäufen, die sehr zielgerichtet waren, ließ ich mir hierbei immer Zeit. Nahm jedes Buch einzeln in die Hand, wog es genussvoll, wendete es ein paar Mal hin und her. Ich atmete den Duft aus frischem Papier ein, blätterte gewollt ziellos darin und schlug dann irgendeine Seite auf. Nur diesmal kam alles anders.

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