Mit Tinder über Gesichter wischen

Ein junger Mann, groß und schlank, steht lässig vor mir. Hält sein Smartphone locker in seiner linken Hand und wischt darüber mit seinem rechten Zeigefinger, als würde er gönnerhaft virtuelle Scheine auf dem Büroflur verteilen. Über ihm leuchtet ein grünes Notausgang Schild mit einem Pfeil rechts. Das Szenario wirkt surreal auf mich. Sein Smartphone hätte ebenso ein Colt in einem Western sein können, mit ihm als aus der Hüfte schießendem Cowboy. Das hätte mich nicht mehr irritiert.

In dieser triumphierenden Pose zeigt er mir seine Tinder-App. Man könnte meinen, er hätte etwas entdeckt und etwas Besonderes geleistet, als sei er ein Held in einem selbst inszenierten Film – vielleicht doch kein Western, eher ein Film über Eroberungen. Und ich habe das eigenartige Vergnügen, diesem jemand, der für mich in Wirklichkeit ein niemand ist, denn ich kenne ihn nicht, dabei zuschauen zu müssen.

Das habe ich häufiger, diese unfreiwilligen Begegnungen einseitiger Natur mit Menschen, mit denen ich nicht rede. Ich habe dazu seit längerem eine Theorie: Mein Gesicht spricht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus. Meine geheime Superkraft.

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