Himmel und Hölle

Grausam verunstaltete Wesen mit herabhängenden Hautfetzen in einem qualvoll zerrissenen Gesicht auf einem abgeschlachteten Körper, der wundrot pulsierte und in verfaultem Dunkelbraun schimmerte.

Als Kind fürchtete ich mich vor der Hölle. Nicht, weil ich ein schlechter Mensch war oder Angst vor den schrecklichen Strafen hatte. Nein, ich fürchtete mich vor eben jenen Gestalten.

Und wenn ich sie sah, wusste ich, jetzt kennen sie auch mich und wissen, wo sie mich finden werden.

Dann schlichen sie sich nachts durch meine Gedanken hindurch in mein Zimmer und lauerten auf mich. Ich zog die dünne Decke über meinen Kopf und versuchte, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken.

Jetzt bin ich erwachsen. „Himmel und Hölle“ weiterlesen

Der Beneider

Menschen, die sich selbst schlechter und andere besser darstellen, um am Ende sich selbst in ein besseres Licht zu rücken, werfen dunkle Schatten auf andere Menschen.

War ich unachtsam in diesem Moment gewesen oder sprach mein Gesicht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus, bei mir ihren geistigen Müll abzuladen?

Vielleicht wirkte ich einen flüchtigen Moment lang freundlich, weil ich an etwas Schönes gedacht hatte – das mir jetzt nicht mehr einfiel. Ich weiß es nicht. Leider gab es eine Steigerung des Voll-Quatschens in Form von wehleidigem Klagen – besser: Das Anklagen von anderen Menschen, die für den eigenen Mist im Leben verantwortlich gemacht werden. „Der Beneider“ weiterlesen

Vorgegauckelte Freiheit

Joachim Gauck stellt sich nicht für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident zur Verfügung, und ich finde das gut.

»Freiheit«. Wenn ich an Gauck denke, erscheint das Wort sofort in meinem Kopf.

An sich ist Freiheit etwas Gutes, doch wenn ich Joachim Gauck von »Freiheit« reden höre, muss ich unweigerlich an einen anderen Mann aus dem Osten denken. Vor Jahren stolperte ich nämlich per Zufall über ein Interview, in dem ein Ostdeutscher sinngemäß sagte:

»Ja, wir dürfen jetzt überall hinreisen, aber haben kein Geld dafür. Also können wir nirgends hin.«

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Die Entführung der Madame H.

Madame Hoch von Oben-Herab war von edlem Gestüt und hatte eine unglaublich große Nase – und jeder weiß, was man über Frauen mit großen Nasen sagt. In der Gesellschaft nannte man sie respektvoll »Madame Grandessa«, was französisch klang, aber in Wirklichkeit italienisch war und »Übergroßer Zinken« bedeutete.

Und jedes Jahr, wenn sie im Sommer am Strand auf dem Rücken schwamm, löste sie einen panischen Hai-Alarm aus. Man hätte annehmen können, dass sie ausgestattet mit dieser grandiosen Nase hätte riechen können, dass etwas an den beiden Männern, die ihr überraschend über den Weg liefen, faul sein müsste. „Die Entführung der Madame H.“ weiterlesen

Das hässliche Dorf

Einst gab es ein Dorf, das hässlich genannt wurde. Aber von wem, das wusste keiner. Ebenso wenig wusste man, ob das Dorf hässlich war. Eines war aber sicher: Dort lebten erstaunlich viele hässliche Menschen. Ob das eine Laune der Natur war oder eine Strafe Gottes oder die Einwohner selbst daran Schuld hatten, das konnte keiner sagen. Aber, es beschäftigte die Dorfbewohner nicht so sehr, wie es ein Außenstehender hätte annehmen können. Vielleicht wussten sie es nicht oder hielten sich doch für schön – bis eines Tages etwas geschah. „Das hässliche Dorf“ weiterlesen