Ein Geschenk an die Mutter

Als wir Kinder waren, achteten unsere Eltern genau darauf, dass wir die richtigen Freunde hatten. Die Falschen würden einen schlechten Einfluss auf uns ausüben. Raul hatte nicht die falschen Freunde – er war der falsche Freund. In der Unterstufe bezeichnete ihn seine Lehrerin als »böses Kind«, während sie ihn aus dem Gymnasium schmissen.

Als das Wort »Schwul« den Mund eines Mitschülers verließ, machte sich dessen Schneidezahn auf denselben Weg nach draußen. So leicht ihm das eine Wort fiel, so schwer folgte ihm sein Zahn. Dabei hatte er doch nur das gesagt, was auch sein Vater immer wieder sagte: wer »Raul« heiße, der sei auch schwul oder werde es irgendwann. Weder er noch sein Vater mussten sich dafür rechtfertigen.

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Die Wassermelone

Wassermelone Erfrischend - © berwis / pixelio.deErfrischend – © berwis / pixelio.de

Als er die saftige Wassermelone auf dem reichhaltigen Buffet sah, erinnerte er sich, wie Ira erst kürzlich erwähnte, dass sie sich im Sommer besonders auf die Wassermelonen freue. Daraufhin hatte er sich fest vorgenommen, diese Woche auf den Markt zu gehen, um sie damit zu überraschen. Aber das hatte er zeitlich nicht geschafft.

Jetzt also stand er hier, mit zwei kleinen Teller in den Händen und schnitt zwei große Scheiben von der Melone ab. Dann suchte er noch etwas dekoratives, drapierte den Teller liebevoll und blickte sich dann um. Ira saß wenige Meter von ihm entfernt auf einem kargen Holzstuhl, die Beine übereinander geschlagen und unterhielt sich angeregt mit Frida, die auch zu Gast auf dieser Party war. Er lächelte. Das tat er immer, wenn er sie sah. Auch freute er sich auf ihr überraschtes Gesicht. Auf dem Weg zu ihr griff er noch nach zwei Servietten.
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