Lass dich nicht anstecken

Das mit den Vorurteilen ist so eine Sache. Ich selbst habe keine, denn als Ausländer mit Migrationsvordergrund kann ich sie mir nicht leisten – wo kämen wir sonst hin.

So früh am Morgen sind die Fahrten viel entspannter. Normalerweise. Also fuhr ich viel zu früh am Morgen des Mittwochs dieser Woche zur Arbeit – genauer, zu meinem Kunden. Der Mittwoch, das ist der Tag in der Wochenmitte ab dem die Arbeitstage und Stunden abnehmen. Daher war ich fast schon gut gelaunt. Diese gute Laune verbarg sich jedoch tief in mir, sprich, sie schlummerte noch. Meinem Gesicht erging es nicht anders. Es wusste noch nichts von dieser bevorstehenden Laune und hätte es davon gewusst, wäre es trotzdem zu müde, irgendeine Form von Laune darzustellen.

In diesem Guten-Morgen-Gesicht starrten meine beiden Augen auf die Schnellstraße und folgten dem morgendlichen Spiel zwischen den Blättern der herumstehenden Bäume von Licht und Schatten auf dem Asphalt. Der Tag war also auch nicht so richtig wach.

Doch am Rande braute sich etwas zusammen. An der Peripherie meines Blickes weckte ein kleiner, weißer Wagen im Rückspiegel meine Aufmerksamkeit.
„Lass dich nicht anstecken“ weiterlesen

Wochenrückblick 24|2018 – Ein junger Mann in einem alternden Körper

»Du willst doch nur mit mir schlafen!«
»Ich bin so müde, ich würde auch ohne dich schlafen.«
Twitter

Donnerstag. Ich stehe sehr früh auf, um ein wenig mehr beim Kunden zu arbeiten, bevor mein Kollege und ich zum Team Meeting unserer Firma in Berlin aufbrechen. Dann fahren wir erst von Gütersloh nach Bielefeld, meinen Wagen abstellen. Anschließend Weiterfahrt nach Hannover, um einen weiteren Kollegen abzuholen.

Berlin is calling. Fünf Stunden Fahrt im Luxusauto bei Hitze. Aber mein Körper ist nicht für Luxus gebaut. Und so erkennt das Auto mich als Fremdkörper. Die Klimaanlage wütet gegen meinen Körper. Mein Nacken versteift sich. Zum Schutz umspannt ein feines Netz aus roten Äderchen meine Augen. So also fühlt sich Essen im Dampfgarer an: außen kühl, während es innen hart gart.

Das alles wäre gar nicht so schlimm gewesen, hätte ich nicht zu wenig getrunken. Und dennoch war mein Weg mit Hoffnung gepflastert – denn abends gingen wir mit den Kollegen essen. Aber wie sagte einst ein weiser Mann: Hoffnung ist ein Ort in Sehnsucht gleich links neben den Träumen. Denn so lecker das Essen auch in dem gemütlichen Berliner-Restaurant war, das Personal schien einem reservierten Ansturm von über 50 Beratern nicht gewachsen zu sein.
„Wochenrückblick 24|2018 – Ein junger Mann in einem alternden Körper“ weiterlesen

Auf der Heimfahrt

An beiden Rändern der Berliner Straße reihen sich Bäume zu einer schönen Allee auf. Dazwischen stehlen sich Sonnenstrahlen hindurch und bilden auf der Straße kleine Pfützen aus Licht. Ich bin auf der Heimfahrt von Gütersloh in Richtung Bielefeld-Brackwede als ich zwischen diesen versprengten Lichtern eine Frau mit Kinderwagen und einem Grundschuldkind sehe. Sie steht dort auf der Gegenseite mitten im Nichts wie angewurzelt und wartet auf eine Gelegenheit, die Straße zu überqueren. Die Straße, auf der 70km/h gefahren wird und auf der zu diesem Zeitpunkt starker Feierabendverkehr herrscht.
„Auf der Heimfahrt“ weiterlesen

Grundlos Stress oder Wohin führt dein Weg?

Es ist sehr einfach, sich in Stress zu versetzen.

Bei mir beginnt es mit dem ersten Schritt beim Gehen.

Ich kann nicht normal gehen. Das habe ich letzte Woche wieder auf dem Heimweg bemerkt. Mit jedem Schritt werde ich schneller, einfach so, als würde ich gegen etwas anlaufen. Und während ich, ohne den Grund zu kennen, schnell gehe, wirkt sich das auf meinen Körper aus. Erhöhter Puls, schnelleres Atmen, verengte Augen, zusammengezogene Augenbrauen. Ein Gesicht, das in sich zusammen gezogen ist.
„Grundlos Stress oder Wohin führt dein Weg?“ weiterlesen

Der Gestank des Kunden

Haircut by fxhakan
Haircut

Sie nähern sich dir unsichtbar und lautlos. Penetrieren dich dann und katapultieren dich sofort durch die Zeit in die Vergangenheit oder direkt ins Hier und Jetzt: Gerüche.

Gestern. Noch bevor mein Körper den Raum betrat, hatte ich diesen markanten Geruch des türkischen Eau de Colognes Kolonya, den ich noch sehr gut aus meiner Kindheit kannte, in der Nase. Ein scharfer, zitronenartiger Duft, der auch in dezenter Form so stark roch, als könnte es als Desinfektionsmittel alles Leben auslöschen oder Tote wiederbeleben.

Als Kind fand ich diesen Geruch belebend, als Erwachsener eher unangenehm. Dieser Geruch verkroch sich nun in meine Nase und kitzelte Erinnerungen aus meinen Hirnwindungen, noch ehe ich an diesem sonnig-heiteren Tag den türkischen Friseurladen betrat.
„Der Gestank des Kunden“ weiterlesen