Buch: Donna Tartt – Die geheime Geschichte


Nie ticke ich so, wie ich sollte. Aber nur zu bestimmten Zeiten.

Ein Frühling in Wolfsburg, 2015. Das grelle Licht auf meinem Display lässt die Ziffer 5 in der Dunkelheit aufleuchten. Es still, kühl und ist viel zu früh. Ich muss erst in zwei Stunden aufstehen, duschen, frühstücken und kann dann zur Arbeit. Dennoch bin ich wach wie an den meisten Tagen der Woche.

Ich versuche erst gar nicht, wieder einzuschlafen. Meistens nicke ich dann kurz vor dem Aufwecken ein, und dann bin ich wie ausgekotzt. Wandle wie ein Untoter ohne Orientierungssinn, und nur die Wiederbelebungsversuche mit literweise Kaffee halten mich auf den Beinen (mit der Nebenwirkung, dass ich dann wie ein Eichhörnchen auf Speed bin, aber irgendwas ist immer).

Ich könnte mich darüber ärgern oder mich darüber beschweren – ich mag die Bedeutung dieses Wortes, »es sich schwer machen«, denn darin drückt die Last, die man sich unnötig aufbürdet. Und was soll’s? All das Jammern nützt eh nichts. Ja, glaub mir, ich habe es versucht, ehrlich, aber gegen die innere Uhr kommt man nicht an, egal, was dir die Realität da draußen vorschreibt oder wie auch immer sie dich versucht, auf irgendeine Weise wieder in den Takt zu biegen.

Es gibt nur eins, was ich wirksam dagegen tun kann. Ich greife zu dem Buch an meinem Kopfende. Knapp 600 Seiten dick. Diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Lesen.
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Andere Seiten oder »Woanders ist es auch schön«

Nach meiner großmündigen – besser großmäuligen – Ankündigung, dass ich mehr schreiben muss, also mindestens 2x die Woche, verdränge ich das Schreiben so weit wie möglich nach hinten. Samstage und Sonntage, die beiden letzten Tage der Woche.

Es ist wie mit dem vollen Kleiderschrank: Ich habe genug Schreibmaterial im Kopf, aber nichts Wirkliches zum Schreiben. Das eine passt jetzt nicht. Das andere gefällt mir nicht… Die Liste füllt sich schnell und wird langweilig lang.

So paradox es klingen mag, wenn ich schreibe gleicht es manchmal eher einer Flucht vor dem Schreiben. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Die Begrenztheit meiner Sprache oder Unklarheit meiner Gedanken. Nur ein diffuses Gefühl oder eine selbstgefällige Illusion, dass etwas Wahres meiner Formulierung anhaftet. Dann schließe ich frustriert das Word-Dokument, denn darin schreibe ich, und begebe mich auf andere Seiten, um mich dort von anderen Bloggern inspirieren zu lassen und die Aussicht zu genießen.
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Peinlich oder doch nur falsche Höflichkeit

Der Frühling trägt seltene Blüte an einem Esstisch zu Mittag in einer Kantine beim Kunden. Das Grün einer Petersilie oder einer Brokkoli – so genau weiß ich es nicht mehr – schimmert die Illusion einer Lücke zwischen den beiden Vorderzähnen, während der Arbeitskollege mit seinem breitesten Grinsen uns anlächelt. Immer wieder lächelt er als wäre er stolz auf dieses zarte Pflänzchen, das dort dekorativ die einfallenden Sonnenstrahlen genießt. Irgendwann muss jeder dieses dunkle Grün auf seinen Zähnen gesehen haben. Aber jeder, mit dem er spricht oder die mit ihm sprechen, übergehen das wuchernde Grün.

Ich sitze am anderen Ende des runden Tisches, bis mir das Grün kotzend auf die Nerven geht – oder es ist diese Art, alles Störende oder nicht ins Bild passende einfach zu ignorieren, um so den Schein zu wahren. Man möchte doch nicht unhöflich sein!
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