Wieder ein Paar beim Fitness

Sonntag, 14.04.19. Bielefeld.

Ich weiß nicht, ob es an meinem gestrigen Artikel über Paare beim Fitness liegt oder der Art, wie sich der junge, schlaksige Kerl dem Nebenraum beim Fitness annähert. Zaghaft wie ein scheues Reh, das bereit ist, sofort die Flucht zu ergreifen, blickt er in diesen Raum hinein, das vorwiegend für das Training der Beine benutzt wird. Squats bis zum Erbrechen.

Ich hingegen bin an der Flachbank und rudere gerade mit den Armen in der Luft durch den Raum. Aufwärmen fürs Brusttraining. Dann sehe ich, wie er erfreut jemanden entdeckt und einen Moment zögert, bevor er losgeht.

Obwohl ich wieder keine Brille trage, nehme ich zu viel wahr – oder bilde es mir ein. Eine junge Frau hält eine mit großen Gewichten bestückte Langhantel vor sich und macht Kreuzheben. Auf sie geht er zu.

Ich rudere jetzt in die andere Richtung und gehe zurück zur Flachbank. Langsamer als sonst. Erstaunlich, obwohl mich andere nerven, bin ich doch neugierig. Eine ziemlich merkwürdige Mischung oder es ist dieses seltsame Phänomen wie bei einem Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann. Also schaue ich dort hin.

Sie reagiert nicht auf ihn. Ok, ohne Brille sehe ich ihren Blick und Gesichtsausdruck nicht. Dennoch erkenne ich, dass sie ganz auf ihr Training konzentriert ist, das sie anscheinend erfolgreich durchführt. Ihre Beine und ihr Po sind gut geformt und definiert. Das Ergebnis intensiven Trainings, richtiger Ernährung, Durchhaltevermögen und vor allem eines starken Willens.

Er hingegen scheint das Gegenteil auf diesem Gebiet darzustellen. Nähert sich ihr an, macht dabei merkwürdige Bewegungen, vermutlich um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und versucht sie zu küssen, als sie kaum mit den Wiederholungen fertig ist. Timing ist auch nicht seine Stärke.

Dann bin ich an meinem Trainingsgerät und sie beide aus meinem Blickfeld.

Mein zweiter Satz. Fertig. Die Gewichte fühlen sich heute schwer an. Ich muss das Training langsam angehen, d.h. ich steigere meine Gewichte langsamer und mache daher auch mehr als meine üblichen drei Sätze. Manchmal braucht mein Körper mehr Zeit, um wach zu werden.

Jedes Mal, wenn ich fertig bin und meinen Körper durch anmutige Ruderbewegungen im Raum aufzuwecken versuche, sehe ich, wie der hochgewachsene, dünne Mann zum Nebenraum läuft und sich vor ihr aufbaut. Dann steht sie kerzengerade. Sie wirkt stark. Zeigt keine Regung – zumindest keine, die ich ohne Brille erkennen könnte –, also tänzelt er. In der Disco wäre das bestimmt eine gute Strategie, mit komplementären Signalen auf sie zu reagieren, aber hier… Wieder ein Kuss. Sie lässt es zu.

Beim nächsten Dehnen meiner Brust sehe ich, dass sie in den gleichen Raum gewechselt ist, wo ich auch trainiere. Sie trainiert jetzt ihre Waden. Jetzt kann ich nicht mal wegsehen, auch wenn ich es wollte.

Wieder kommt er an.

Ich erkenne ohne meine Brille ihren Gesichtsausdruck nicht. Freut sie sich? Ärgert sie sich? Ich wäre bereits genervt.

Auf jeden Fall finde ich ihre Körperhaltung wieder dominant. Sie steht gerade, während er sich direkt vor ihr aufbäumt, um an sie heranzukommen. Sie weicht ihm nicht. Kein Zeichen der Schwäche oder des Nachgebens. Ich sehe nur, wie sie ihre Arme verschränkt. Da sie ihm nicht weicht oder weichen will, beugt sie ihren Oberkörper nach hinten, weg vom ihm, als sie lacht. Ein Lachen, das sich in meinen Ohren wie ein Pah! anhört.

Mein vierter Satz. Parallel dazu mache ich Dips so schräg es geht für meine Brustmuskeln und Trizeps. Danach wieder Rudern im freien Raum. Hält übrigens die Achseln frisch. Und was sehe ich nicht zu meiner Überraschung?! Ihn. Jedoch nähert er sich ihr diesmal von hinten, während sie vornüber gebeugt an der Wadenmaschine etwas macht.

Ich glaube, er fast ihr an den Hintern und versucht sie zu umarmen. Irgendwie wirkt er auf mich unbeholfen und unreif. Es ist nicht diese starke Geste Baby, du gehörst zu mir und jetzt nehme ich dich! Ich würde nicht darauf wetten, dass sie beiden noch lange zusammenbleiben. Mir scheint er dieser Frau nicht gewachsen zu sein.

Sie richtet sich schnell auf, dreht sich zu ihm und wieder stehen sie dicht voreinander. Parallel. Wieder sagt er ihr etwas. Wieder verschränkt sie ihre Arme und wieder dehnt sie ihren Oberkörper nach hinten, weg von ihm, aber weichen tut sie ihm nicht – ja, das ist es: Sie weicht ihm keinen Millimeter.

Um ihre Barriere zu durchbrechen, küsst er sie wieder. Sie macht mit. Das scheint sein letztes Mittel zu sein.

Wieder drehe ich mich um und rudere in die andere Richtung. Ich bin mehr als sieben Meter von ihnen entfernt, als ich sie laut und deutlich sagen höre: »Ich kann auch zu Fuß nach Hause gehen.«

Oh, denke ich mir, ob das mit den beiden noch lange gut geht? Sie sprach es nicht als Drohung aus. Ich glaube, sie ist pragmatisch und ihr Training ihr wichtig. Er jedoch scheint sie andauernd beim Training zu stören und engt sie vermutlich auch noch ein. Ist er nur hier so und sonst anders? Und – fällt mir noch ein – wohnen sie zusammen?

Eigentlich drehen sich meine Fragen nur um die eine Frage: Wieso ist sie mit ihm zusammen?

Ich mache meinen letzten, fünften Satz. Weniger Gewichte, so viele Wiederholungen wie möglich. Klingt dramatisch anstrengend, wäre es auch, ich schaffe aber nur zehn Wiederholungen. Hatte schon Mal bessere Tage.

Als ich die Gewichte zurückstelle, sehe ich ihn neben ihr sitzen. Das gibt es doch nicht! Was ist das für ein Loser! Tut mir leid, ich kenne ihn nicht, aber ich erkenne in seinem Verhalten Fehler wieder, die ich selbst gemacht habe. Aber den nächsten Move, den er macht, den hätte ich nie getan. Für mich hätte es etwas Erniedrigendes.

Sie steht von der Wadenmaschine auf, nimmt eine Scheibe und legt sie zur Seite. Wieder beeindruckend, wie viel Gewichte sie schafft.

Er steht auf und setzt sich an die Wadenmaschine. Ja, jetzt trainiert er an demselben Gerät wie sie.

Eigentlich will ich wieder Dips machen, aber ich kann nicht glauben, dass er das tatsächlich tut. Ich weiß zwar nicht, wie Frauen denken, aber wirkt ein Mann, der so handelt, nicht schwach, unselbstständig, so… unterwürfig?

Und was macht sie?  Sie ist nicht an seiner Seite, stattdessen dreht sie in dem Raum ihre Runden und wirkt auf mich wie eine Wildkatze. Ist sie genervt? Unruhig? Ungeduldig? Fühlt sie sich gestört?

Mir fallen nur ihre Kopfhörer auf. Sie hat sie nicht abgenommen. Sie stecken noch in ihren Ohren. Vielleicht sollte ich die beiden mit diesem Paar bekannt machen…

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