»Ich habe gekündigt.«

An einem beliebigen Tag stehlen sich Sonnenstrahlen durch die spitzhackengroßen Löcher in der Wolkendecke und funkeln auf dem Asphalt so greifbar schön wie Münzen. Man möchte sich bücken.

»Ich habe gekündigt.«

Ich stoppe die Gabel mit dem Klumpen, der ein Nugget von einem Chicken sein soll, vor meinem offenen Mund, während sich das Messer angespannt in meiner rechten aufrecht hält – für uns Berater ist das Kantinenessen die größte Herausforderung. Normalerweise.

Rick lächelt mich ein wenig spitzbübisch an. Er scheint diese Reaktion erwartet zu haben. Ich bin anscheinend nicht der Erste, dem er es erzählt. In seinem blauen Anzug mit weißen Hemd und Seitenscheitel hat er etwas von einem BWLer mit Karriereambitionen. Nur seine Krawatte mit verspieltem goldgelben Muster tanzt aus diesem Bild.

Ich dachte, ich kenne ihn gut genug, weil er trotz allem bescheiden und freundlich in seinem Auftreten gegenüber anderen ist. Eigentlich hatte seine Freundlichkeit nichts mit dem Folgenden zu tun, aber als Mensch neigt man dazu, andere Menschen in leicht erreichbare Schubladen zu stecken. Wichtig ist nur, am Ende diese Schubladen ab und zu aufzuräumen.

»Wann und zu welcher Beratung wechselst du?«

Die Frage kommt wie aus der Pistole geschossen. Es ist die übliche Frage, die jeder Berater seinem Beraterkollegen stellt, wenn es soweit ist. Die Fluktuationsrate bei Beratungsunternehmen liegt nämlich bei ca. 20% pro Jahr. Auf fünf Jahre hochgerechnet bedeutet das eine komplett neue Mannschaft im Unternehmen.

»Ich habe keinen neuen Job.« Wieder blitzt ein dezentes Lächeln auf.

Das Nugget schwebt immer noch vor meinem Mund als könnte es auch ohne Flügel fliegen. Ich lege den Brocken wieder auf den Teller, zurück zu den anderen uninspirierten Stückchen mit goldbrauner Panade, die etwas wie leckere Knusprigkeit darstellen sollen.

Ich bringe ein professionelles »Äh?!« heraus.

Sein Lächeln wird breiter.

»Ich mache mich selbstständig.«

»Als Freelancer?« Ok, das muss es sein. Ich beiße ein Stück vom Nugget ab. Zu wenig Dip. Das Geheimnis leckeren Essens ist die Soße und bei Nuggets der Dip.  

»Nein.«

Wieder bin ich irritiert, wieder liege ich falsch. Das halbe Chicken landet mit der angebissenen Seite vollmundig im pastellrotem Dip. Es ist kein Ketchup, sondern eine eigenwillige Mischung aus Majonäse und… Ketchup?

Egal, ich schaue ihn an. Und dann erzählt er mir eine völlig unerwartete Geschichte über das letzte halbe Jahre seines Lebens.

Während er als Berater beim Kunden arbeitet, hat er sich nebenbei – außerhalb seiner Arbeitszeit – in ein völlig neues Themengebiet eingearbeitet.

Er beschäftigte sich intensiv mit den Themen Krypto-Währung, Bitcoin und dem Mining. Das führte dazu, dass er erst einen, dann zwei, dann drei, vier und jetzt fünf Rechner zusammengeschraubt hatte, die jeweils mit sechs bis acht Grafikkarten bestückt seien und im Keller so viel Wärme produzierten, dass er das ganze Haus im Winter warmhalten könne.

Jetzt ist er soweit, dass er sich ein Lagerraum mieten möchte, wo die Stromkosten geringer und Platz für sehr viele Rechner sind.

»Ähm, was?« Dieses Huhn schmeckt komisch. »Bist du sicher, dass du deinen sicheren Job und Einkommen aufgeben willst?«

»Ja.«

In diesem kurzen, zurückliegenden halben Jahr hätte er mehr verdient als in einem ganzen Jahr als Berater.

Ohhhkey. Das Nugget schmeckt trotz Dipüberzug trocken. Ich muss etwas trinken.

»Hast du das Geld auf deinem Konto?«

Ich wusste nicht viel über Bitcoin. Für mich ist das ein aktueller Trend, der überbewertet wird. Das klingt für mich alles sehr spekulativ.

Er verneint.

Ha, endlich habe ich einen Punkt!

Dazu müsste er die Bitcoins einlösen. Er erzählt mir noch weitere Einzelheiten, die ich mir nicht merken kann. Was ich jedoch merke ist, dass ich überhaupt keine Ahnung habe im Gegensatz zu ihm.

Wow, denke ich mir, ich programmiere seit meinem 13ten Lebensjahr und habe während meines Studiums in einem Computerladen reihenweise Rechner zusammengeschraubt und jetzt sitze ich hier und frage Rick. Nein, ich frage ihn aus, auf der Suche nach dem schwachen Punkt, an dem ich seine Idee zerlegen könnte.

Innerhalb kürzester Zeit gingen mir so viele Einwände durch den Kopf. Spekulativ. Gibt unnötig Sicherheit auf.  Will schnelles Geld machen. Dann folgten weitere. Wäre er verheiratet, hätte er eine Familie mit Kindern, hätte er ein Haus gebaut, hätte, hätte, hätte.

Ich komme mir wie ein Bedenkenträger vor. Als sei ich der unangenehme Part bei einem Eltern-Kind-Gespräch, wobei ich der uncoolere von beiden bin – wann ist das mit mir passiert?! Wann wurde ich bequem, zufrieden, so unflexibel und langweilig! Ich kenne die Antwort: Es geschah zu jenem Zeitpunkt, an dem ich unbemerkt alt wurde, im Kopf. Ich bin nicht mehr hungrig, sondern satt.

Da fällt mir etwas ein! Ich schaue auf meinen Teller runter: leergegessen.

***

Das Gespräch und die Rohfassung dieses Textes liegen jetzt über ein Jahr zurück und so ganz Unrecht hatte ich nicht. Kürzlich erfuhr ich, dass Rick wieder für seine alte Firma arbeitet, allerdings auf freiberuflicher Basis. Das Krypto-Geschäft sei hart und die Margen sehr gering, hörte ich.

Ich bewundere Ricks Mut oder Kühnheit immer noch und beneide ihn um seinen »jugendlichen Leichtsinn«. Mit zunehmendem Alter scheint meine eigene Risikobereitschaft abzunehmen (und vielleicht die Zukunftsängste zuzunehmen). Vor Jahren schrieb ich mal:

Das Leben, gelenkt in wohlgefälligen Bahnen, mit winzigen Ausreißern nach oben und gefühlt häufiger nach unten, stagniert in Variationen des Immergleichen. Als sei sie sorgfältig festgekettet an ein imaginäres Band, das nur einen kleinen Bewegungsspielraum zulässt und mit der wir uns zufriedengeben, denn dort haben wir uns sorgfältig eingerichtet.

Nicht ohne Grund fiel mir dieses Gespräch mit Rick wieder ein.

Vor kurzem habe ich meinen Job als Berater gekündigt und wechsle bald auf die Kundenseite. Das klingt nicht spektakulär, aber wie schrieb mir ein geschätzter Kollege, es sei ein Job bis zur Rente und das klingt doch gar nicht mal so schlecht…

2 Gedanken zu “»Ich habe gekündigt.«

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