Die Verwandlung der attraktiven Frau in drei Sätzen

Freitag, 05.04.19. Bielefeld.

Trippel, trippel, trippel.

Es ist nicht leicht, andere zu ignorieren. Beim Training kann ich zumindest meine Brille im Spint wegschließen und schon verblassen alle anderen zu verschwommen Gestalten. Es ist wie ein Filter für meine Augen, der die Welt ein wenig dämpft und ich unter Leuten ein bisschen für mich alleine sein kann.

Vielleicht genau wegen dieses unscharfen Filters fallen mir Dinge auf, die bei höherer Auflösung im Detail untergehen würden, weil mich das Äußere wie bei dieser attraktiven Blondine ablenken würde.  Erstaunlicherweise kann man anhand der Silhouette, der Haltung und am Gang erkennen, ob eine Frau attraktiv ist bzw. sich für attraktiv hält.

Da ich keine Details sehe, fällt mir etwas anderes an ihr auf. Sie dackelt ihrem Freund hinterher und irgendetwas erscheint mir daran seltsam. Läuft sie zu dicht hinter ihm als würde sie ihm auf die Pelle rücken? Wirkt er genervt? Zumindest scheint er konzentriert zu sein und geht zielstrebig auf das Trainingsgerät ein paar Meter von mir entfernt zu.

Schrägbankdrücken. Ich lege mein Handtuch auf das Polster und wärme mich ohne Gewichte auf. Viele Wiederholungen in schneller Abfolge. Stehe auf und packe jeweils eine bescheidene Hantelscheibe auf jede Seite als ich ein lautes, schneidendes Tzzz höre.

Ich drehe mich in die Richtung, aus dem dieser unerwartete Laut kam. Sie sitzt auf der Fensterbank vor ihrem trainierenden Freund.

…Musik aus den 80ern!

Es klingt abfällig und sofort höre ich auf die Musik, die aus den Lautsprechern tönt. Klingt tatsächlich wie aus den 80ern. Ok, was ist das Problem? Eine Reaktion ihres Freundes sehe ich nicht.

Ich setzte mich hin und mache meine 12 Wiederholungen. Stehe wieder auf, hole weitere Gewichte.

…so ein Waschlappen!

Wieder unappetitliche Brocken aus ihrer Richtung. Ich schaue dezent rüber. Irgendwie passt ihre aggressive Ausdrucksweise nicht zu ihr. Warum redet sie so?

Ihr Freund sitzt immer noch. Ich sehe kontrollierte, saubere Ausführungen am Gerät.

Wieder setze ich mich hin. Mein dritter Satz. 12 langsame Wiederholungen. Und dann fertig. Das ging auch schon mal besser! Aufstehen und die Gewichte paarweise wieder zurückbringen. Ich schaue dezent in ihre Richtung. Sie steht jetzt vor ihm. Redet sie weiter auf ihn ein? Zumindest höre ich nichts.

Während ich die letzten Scheiben zurückbringe, steht er auf und geht.

Sie dackelt ihm wieder hinterher, dicht an seinen Fersen. Seltsam, aber das sagte ich bereits. Wäre dies ein Film, stelle ich mir vor, könnte man sie aus dieser Szene herausschneiden und niemand fiele es auf. Er wirkt so, als sei er für sich alleine und sie, als sei sie ein Anhängsel.

Stört sie sein Training oder ihn?

…Schwächling! Wieder ein abfälliges Wort. Kennt sie nur den Motz- oder Ablästermodus?! Können sie sonst nicht mit einander kommunizieren? Oder buhlt sie um seine Aufmerksamkeit? Oder ist er das Ziel ihrer verbalen Attacken? Und wieso trainiert sie nicht unabhängig von ihm? Warum hat er sie überhaupt mitgenommen?

Wie es so häufig der Fall bei mir ist, schwirren für einen Moment einige Fragen durch meinen Kopf. Es ist ein kurzes, schnelles Aufflackern. Und innerhalb von drei Trainingssätzen verwandelt sich eine attraktive Frau in etwas Unschönes.

Nachtrag. In der Zwischenzeit habe ich unfreiwillig noch ein Paar beim Training beobachtet.

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