Über das wir nicht schreiben

Donnerstag, 14.03.19. Bielefeld.

Heute wieder »Manhunt: Unabomber« auf Netflix weitergeschaut. In der Miniserie geht es unter anderem um den FBI Agenten Jim Fitzgerald, der anhand der Texte des Unabombers mittels forensischer Linguistik ein Profil von ihm erstellt. In Folge 5 der 1sten Staffel fragt sich Jim Fitzgerald sinngemäß:

Was sagt das über ihn aus, worüber er nicht schreibt?

Die Frage fand ich sehr interessant, so dass sich sie mir notierte. Ich mache mir überall und jederzeit Notizen, die kaum das Licht der Online-Welt erblicken, aber dieser eine Satz hat es geschafft.

Stell dir doch mal vor: Was für ein Bild hat jemand von dir, wenn er oder sie alles von dir liest?

Seit genau neun Jahren schreibe ich schon Artikel in meinem Blog.

Was also würde jemand über mich denken, der alle meine Artikel hintereinander liest?

Es gibt Vieles, über das ich nicht schreibe oder nur in verschlüsselter Form, manchmal auch erst nach langer Zeit.

Dabei geht es nicht nur um unangenehme oder sehr persönliche Dinge. Es ist erstaunlich, wie viel man von sich preisgeben kann, nur weil man alleine vor einem Bildschirm sitzt. Ich glaube, einige meiner Texte hätte ich nie veröffentlich, wenn ich sie vor einem Publikum laut vortragen müsste.

Bei mir selbst bin nicht so rücksichtsvoll wie bei anderen.

Für mich ist es wichtig, dass die beschriebenen Personen, zu denen ich persönlichen Kontakt habe/hatte, nicht ohne ihr Einverständnis erkannt werden und so persönliche Dinge unfreiwillig preisgeben.

Daher verfälsche ich manche Details. Oder schreibe Jahre später darüber (und verfälsche immer noch Details).

Wenn ich nur über Geschichten schreibe, die sehr lange zurück liegen, dann konterkariert dies meinen Versuch, eine Art Tagebuchblogger zu sein/werden.

Freunde kennen meinen Blog und wissen, dass sie manchmal darin eine Rolle spielen. Daher lesen sie ab und an einen Artikel. Das macht die Sache für mich nicht einfacher. Ich würde nicht – zumindest versuche ich es – etwas über sie schreiben, was ich ihnen nicht zuvor direkt gesagt habe bzw. sagen könnte.

Neben dem Privaten gibt es natürlich das berufliche Umfeld. Auch da ist die Sache bei mir nicht so einfach. Ich arbeite als Berater, bin also in verschiedenen Unternehmen.

Dort gilt eine weitere Pflicht zur Verschwiegenheit. Interna einer Firma darf ich nicht preisgeben. Und sollte sich ein Mitarbeiter auf den Schlips getreten fühlen, kann der Kunde meinem Arbeitgeber auftragen, mich gegen einen anderen auszutauschen.

Ich schreibe also restriktiv über willkürlich herausgerissene Ereignisse, die ich überarbeite. Möchtegern Versatzstücke meines Lebens, aufgehübscht für die große Bühne, die sich Internet nennt.

Natürlich interessiert es mich, welches Bild mein Leser von mir hat, wenn er oder sie meine(n) Text(e) liest.

Bei Google kann ich indirekt darauf schließen. Eines meiner erfolgreichsten Artikel hat den Titel »Männer und die Unsicherheit«.

Der Titel ist ironisch. Ich mag Ironie und schmunzle beim Schreiben und Lesen vieler meiner Artikel. Ich nehme mich selbst nicht zu ernst und auch mal auf die Schippe. Humor allerdings kommt bei einigen nur an, wenn sie gegen andere gerichtet ist. Es gibt tatsächlich humorblinde Menschen.

Du merkst schon, ich habe meine Frage, die bestimmt dein Interesse geweckt hat, nicht beantwortet, weil ich es nicht kann.

Das Bild, das ich glaube, dass vielleicht du von mir hast, wäre ein schief zusammengesetztes, in das ich nicht hineinpasse. Ja, es klingt wie Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile, also bescheuert.

Aber sind die Teile wirklich echt?

Soweit es geht, ja. Manchmal halt satter, farbenprächtiger, heller. Manchmal auch düsterer. Manchmal opulenter oder dramatischer als es in Wirklichkeit war oder ist.

Wenn ich schreibe, denke ich nicht darüber nach, welches Bild ich von mir vermittle, sondern, wie ich es am besten schreiben kann.

Was ist mit dir?

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