Retrospektive

Montag, 04.03.19, Gütersloh.

Stürmische Nässe prasselt an mein Bürofenster. Dieses dramatische Schauspiel steht im krassen Widerspruch zu der gähnenden Langweile vor dem Bildschirm.

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Rückblende Wochenende. Mein fast dreijähriger Neffe hängt an einer unsichtbaren und schier unerschöpflichen Energiequelle. Meinem Argument, dass er durch seine Aktivitäten den CO2-Ausstoß unnötig erhöht und damit zur Erderwärmung beiträgt, überzeugt ihn nicht. Also muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, denn meine Akkus sind leer bzw. befinden sich noch im Aufbau.

Ich greife zu dem gelben Plastikkoffer mit dem Sichtfenster, in dem sich das Biene Maja Würfelpuzzle befindet. Leere sie und klappe sie dann wie ein Notebook auf.

»Lass uns fernsehen!«

Er schaut sofort rüber, sieht aber das Plastikteil, was ihn für einen Moment irritiert.

Ich greife zu dem flauschigen Spielzeug-Meerschweinchen und platziere es mit den Worten »Seid ihr auch alle da?!« hinter das Plastikschaufenster.

Sofort jetzt er sich auf das Sofa vor die »Mattscheibe« und ruft: »Jaaa!«

Wir spielen eine ungewöhnliche Mischung aus Kasperletheater und Fernsehen, bei dem er auf eine Zauberfernbedienung drückt und das Meerschweinchen verwandelt. Mal ist es ein Ganzkörper-Waschhamster, der die Plastikscheibe auf und ab und ab und auf von innen reinigt. Dann fliegt der dicke Brummer als Biene durchs Programm, um dann wieder als Meerschweinchen-Kasper weitere Albernheiten zu veranstalten.

Für ein paar Minuten hat es wirklich funktioniert, bis mir schließlich die Ideen ausgingen und die Wiederholungen ihn zu langweilen begannen. Jetzt muss ich mir nur noch ein abendfüllendes Morgenprogramm für dieses Wochenende ausdenken.

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Netflix. Nach dieser kräftezehrenden Improvisation suchte ich auf meinem Sofa zu Hause mit Hilfe von Netflix Erholung. Als ich meine Liste durchging, fiel mir ein, dass ich auf meiner Serien-Aufzählung »Better Call Saul« vergessen hatte. Die Serie schaute ich als eine der ersten an. Sie war nicht nur überraschend gut, sondern auch zu schnell zu Ende. Sie lag also zu lange zurück. So ist das mit dem Gedächtnis bzw. wenn man zu viele Serien schaut.

Dafür konnte ich die 2te Staffel »Punisher« zu Ende schauen. Ich war schon ein wenig traurig, wieder eine gute Serie beendet zu haben. Erstaunlich. Schaut man sich eine Serie regelmäßig hintereinander über einen längeren Zeitraum an, dann wird sie unmerklich Teil des eigenen Alltags.

Trotzdem bin ich von der 2ten Staffel des Punishers etwas enttäuscht. Sie ist übertrieben brutal und ich fand darin immer wieder unglaubwürdige Szenen, die so offensichtlich konstruiert wurden, um die Handlung in eine bestimmte Richtung zu lenken und fortzuführen, dass ich mich aufregte. Beispielsweise als jemand ohnmächtig ohne gefesselt zu sein hinten in den Wagen gelegt wird, war klar, dass diese Person sofort wach wird und Ärger macht. Dann gab es so viele Szenen, in denen so viel geschossen wurde, dass sogar ein Blinder jemanden hätte treffen müssen. Schade aber auch, dass die Serie auf Netflix abgesetzt wurde.

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Zurück zum Bildschirm in meinem Kundenbüro. Ich muss ins Meeting. Retrospektive.

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