Mein Start in den Tag oder Verunstaltungsorte: mein Gesicht und das Bad

Freitag, 22.02.19. Bielefeld

Eigentlich wollte ich meine Zeit beim Duschen stoppen und dann rutsche ich in diesen Artikel ab. Und der beginnt mit einem gefrorenen Hühnchen – nein, eigentlich mit der Vermeidung des Bilds vom besagten Hühnchen, denn morgens bin ich so geschmeidig wie ein tiefgefrorenes

Daher eine Warnung vorweg: Der Text enthält verstörende Bilder und handelt von einem nackten Männerkörper!

Das Bild ist wichtig, um mein morgendliches Verhalten und damit auch das Duschen zu verstehen.

Um aber mein Bild vom Hähnchen im Tiefkühlfach nicht überzustrapazieren, obwohl ich die Beine dazu hätte, bediene mich eines anderen Bilds. Hat auch etwas mit bzw. im Kühlschrank zu tun. Statt Hähnchen eignet sich für meine morgendliche Geschmeidigkeit genauso gut ein Stück Papier, das über Nacht stark zerknüllt ins Tiefkühlfach gelegt wird (an manchen Nächten erscheint mir mein Schlafzimmer so kalt, dass der Kühlschrank als ein wärmerer Ort in meinem Kopf geistert).

Egal.

Was passiert also, steckt man so ein zerknittertes Stück Papier in eine heiße Dusche?

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Matsch kommt heraus.

Aber von vorne.

Meine Zeit im Bad mit Vorspiel beträgt heute 24:58,74.

00:00,00. Start.

Schlafzimmer. Auf der Suche nach Unterwäsche.

02:03,42. Ich betrete das Bad. Huch, irgendwie frisch.

Ausziehen. Wäschekorb füttern. Duschkabinentür öffnen. Programm »Heißwäsche« beginnt. Wasser laufen lassen. Ich taste ich mich langsam in die kalte Dusche hinein. Erst eine Zehenspitze, dann behutsam den rechten Fuß auf den kalten Duschboden aufsetzen. Stück für Stück wandert mein Körper in die Kabine, während sich das Wasser warmläuft und die Dusche aufheizt.

Die Dusche heiß drehen und ein wenig darunter die Hitze absorbieren, um wach und warm zu werden. Ist wie ein Ganzkörperkaffee.

Dann das Übliche.

Haare schamponieren. Für mehr schmeidigen Glanz und Vitalität – vielleicht sollte ich meinen Körper ganz damit einreiben? Nicht zu vergessen die Superfrüchte und der exotische Duft und die Antioxidantien. Das klingt so lecker – ich habe Hunger! Doch wegen meines Intervallfastens werde ich erst in ein paar Stunden frühstücken.

Dann Spülung rein. Kopfhaut massieren. Meine Haare, zumindest die wenigen, die noch übrig sind – denn jedes Haar zählt! –, erhalten eine besondere Pflege zur Regeneration und Stärkung bis in die Spitzen. Ja, jetzt habe ich butterweiche und wundervoll duftende Haare!

Welch ein traumhaftes Wellness-Erlebnis! Manchmal beneide ich mich selbst um meinen gelebten Traum und wünschte, ich würde mein Leben leben.

Aber nein, ein gedankenversunkener, fataler Griff zum falschen Duschgel und alles ist dahin. An einem kalten Morgen eignet sich Duschgel mit Minzfrische und Teebaum nicht. Ich erlebe die unerwartete Erfrischung als Kälte. Mein Oberkörper fühlt sich plötzlich wie ein zuckerfreier Lutschbonbon gegen Kratzen und andere Beschwerden im Hals und Rachen an.

Immerhin bin ich jetzt weit vom tiefgefrorenen Hühnchen entfernt, das ich nicht erwähnen wollte. Außerdem dusche ich am Ende eh kalt, damit mir nicht wieder kalt wird, wenn ich die Dusche verlasse. Frostköddel. Also kaltes Wasser los und währenddessen alle Muskeln anspannen. Dieser kleine Kälteschock ist wie ein Defibrillator, der mich wieder ins Leben zurückholt.

Schnell zum Handtuch greifen (duftet wie eine Sommerbrise!) und die Duschtür wieder schließen. Nur nicht die Wärme aus der Duschkabine verlieren. So abgehärtet bin ich dann doch nicht. Ich trockne mich in der Dusche ab bzw. vor.

13:01,17. Raus aus der Dusche. Weiter trocknen.

Ich blicke in den Spiegel.

Ich sehe eine zerklüftete Landschaft um die Augen, einen Truthahnhals und kahle Stelle. Ich sehe also genauso bescheuert wie vorher aus, nur in Nass. Dieser Wellness-Kram, den hätte ich mir ersparen können. Ein nasser Lappen mit einem Schuss Zitrone und Essig hätten es auch getan!

Ok. Frisch-gewaschene Wäsche sieht auch nicht besser aus, wenn man sie aus der Waschmaschine holt. Ziemlich zerknittert. Riecht aber dafür auch gut! Da muss man trotzdem nacharbeiten.

Fangen wir oben an.

14:33,01. Starte Programm für kosmetische Reparaturen.

Schütteln der Dose. Ein Aufschäumen in meiner linken Handfläche. Volumen für die Haare. Ein langanhaltender und trotzdem flexibler Halt, sichtbar auch am 2ten Tag. Volumen ist wichtig, um die Lücken zu verdecken. So tun, als hätte man noch eine tolle Frisur.

Dann heiße Luft um den Kopf verteilen und die Haare nach oben stylen. Durch die fehlenden Haare wirkt mein Gesicht dicker und alt, also föhne ich es schlank und jung, indem meine Haare Volumen und Länge vorgaukeln. An manchen Tagen wünsche ich mir, eine Kopfbedeckung tragen zu können oder einfach eine Glatze zu rasieren.

Zwischenstand. Ich schaue wieder in den Spiegel. Hm, mein Gesicht hatte schon Mal besser performt.

Weiter im Programm: Spachteln, zukleistern, dübeln und zur Not tackern.

Nach dem Föhnen beginnt meine Haut an den Haarrändern zu trocknen. Also Hände waschen und die Finger in die Creme für das Männergesicht tauchen. Dann Spachtelmasse gleichmäßig verteilen und dabei das Gesicht sanft mit kreisenden Bewegungen massieren. Bitte Duckface nicht vergessen! Soll gut für die Durchblutung sein. Gegen die Falten hilft es leider nicht. Man sieht aber danach besser aus!

Jetzt kommt der große Rest. Mein Körper, untenrum.

Keine Body-Lotion, sondern Body-Milk mit doppelt so vielem Mandelöl wie zuvor. Ich streiche die intensive Feuchtigkeit zart über meine Arme. Oh, fühlt sich das gut an! 48 Stunden soll die Pflege halten. Wieder diese zwei Tage. Warum dusche ich überhaupt jeden Tag?!

Meine Hände gleiten hinunter über meinen Bauch. Der fühlt sich so, so – fett an! Dieser Bauch, der kein Sixpack sein will (vielleicht habe ich sogar einen Eightpack?!). Da gibst du ihm so viel Liebe und verwöhnst ihn mit leckerem Essen und raffinierten Süßigkeiten und was bleibt ist eine füllige Erinnerungsstätte statt Dankbarkeit.

Ich schaue in meinen Ganzkörperspiegel. Geschickterweise ist der schmal (ohne Kurven!), aber mir macht er nichts vor. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, was ich anziehen soll, um das ein wenig zu kaschieren. Ich muss ein Hemd tragen, das könnte schwierig werden.

Warum tragen wir kein langes, hemdartiges Gewand wie die Männer in den Arabischen Emiraten? Steckt die Freiheit unter dem verhüllenden Gewand, weil sie weg vom Oberflächlichen geht oder, weil wir unserer eigenen durch eine Scheinwelt aufgepimpten Ansprüche von Schönheit nicht mehr gerecht werden? Sich keine Gedanken über Frisur, Gesicht und Körper machen müssen. Vielleicht würde ich weniger Zeit im Bad verbringen und dennoch sauber und gepflegt herauskommen. Klingt wie eine Waschanlage.

Als ich mir dessen bewusst werde, wie ich mich an seltsamen Fragen zu meinem Körper und Kleidung abarbeite, frage ich, was Frauen nicht alles machen müssen. Sind sie nicht viel schlechter als wir Männer dran?

Vielleicht habe ich zu heiß geduscht. Bin aber nicht eingelaufen!

20:19,27. Deodorant leckt an meinen Axeln. Kleine Parfümwolken betten sich dezent als Tröpfchen auf meine gut durchbluteten Körperstellen. Verführerisch! Unterhose und T-Shirt anziehen und passende Socken dazu überstreifen. Sexy! Jetzt fehlt nur noch das Zähneputzen. Vollautomatisch, elektrisch. Zwei Minuten.

Manchmal rasiere ich mich, obenrum. Heute jedoch nicht.

24:58,75. Raus aus dem Bad.

Anzahl der benutzten Beauty-Produkte nach dem Verlassen der Dusche (ohne Rasur): 11

  1. Shampoo
  2. Spülung
  3. Duschgel
  4. Haarschaum
  5. Gesichtscreme
  6. Body-Milk
  7. Deodorant
  8. Parfüm
  9. Zahnpasta
  10. Mundwasser
  11. Reinigungstablette für meine Schiene

Mein Körper ist ein Pflegefall! Oder eine kostspielige Dauerbaustelle…

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