Mit wie vielen Menschen redet man eigentlich auf der Arbeit?

Freitag, 18.01.19. Gütersloh.

Heute Morgen überrasche ich wieder meinen Wagen aus einem verträumten Winterschlaf als ich mit meiner Plastikkundenkarte unsanft – ich habe immer noch keinen Eiskratzer – die dünne, widerspenstige Eisschicht abkratze. Darauf waren wir beide nicht vorbereitet, denn ich habe mich entschlossen, heute zum Kunden zu fahren. Wir Berater sind freitags meistens nicht beim Kunden, sondern im Office bzw. Homeoffice (ja, wir leben den Traum!).

Ich würde auch lieber zu Hause bleiben, bin jedoch etwas im Verzug mit einem Arbeitspaket und will etwas Zeit gut machen, die ich diese Woche für zusätzliche Aufgaben verbraucht habe. Wir haben Tester im Haus, die die neueste Version der SAP CRM & ERP Software prüfen (nennt sich User Acceptance Test).

Beim Testen zu unterstützen ist ok. Was ich allerdings nicht mag, sind Defects. Also Fehler, deren Fehlerbeschreibung ich verstehen, dann analysieren und, wenn nötig, korrigieren muss. Jedes einzelne für sich eine Herausforderung. Das Bugfixing an sich ist besonders unangenehm, lästig und eine Art Beleidigung, als würde deine Mutter unangemeldet in dein Zimmer kommen und sagen, du musst aufräumen, obwohl dein Zimmer bereits unbeschreiblich ordentlich ist.

Ich sitze also heute an einem wichtigen Arbeitspaket, für das ich einen Prototyp erstellen muss und am Montag einen Statustermin habe und ignoriere alles andere – ich bin ja freitags eigentlich nicht da. So ganz klappt es mit dem ungestörten Arbeiten natürlich nicht. Die Mitarbeiter meines Kunden können sehen, dass ich im Büro sitze. Also kommen einige vorbei, um mit mir über ihre oder gemeinsame projektrelevante Inhalte zu sprechen. Manchmal geht es schnell, manchmal dauern sie länger, so dass ich mich manchmal bei der Frage erwische, woran ich gerade sitze oder machen will. Der Fragende lässt den Gefragten mit einer Frage im Büro zurück.

Das Schöne an Arbeiten mit Unterbrechungen ist, dass die Zeit überraschend schnell vergeht. Plötzlich ist es Mittag. Zeit, nach Hause zu fahren. Vorher buche ich meine Stunden und grüble darüber nach, an welchen Themen ich trotz Planung zusätzlich saß und inwieweit ich meinem Ziel, dieses eine Arbeitspaket voranzubringen, nähergekommen bin. Mir fällt auf, dass ich für einen Freitag, an dem es eigentlich sehr viel ruhiger zugeht und an dem ich nur bis zum Mittag gearbeitet habe, unerwartet viele Interaktionen mit Mitarbeitern hatte.

Ich gehe die Personen, mit denen ich heute gesprochen habe, im Geiste durch und komme auf acht Personen. Für einen Vormittag finde ich diese Zahl beachtlich. Es handelt sich nicht um Plaudereien, sondern um projektbezogene Inhalte, wo ich teilweise um Rat gefragt werde. Wenn ich mit jeder Person im Durchschnitt fünf Minuten gesprochen hätte, ergäbe das 40 Minuten. Dazu würden an anderen Tagen E-Mails und Meetings hinzukommen.

Warum ich das erwähne? Als Berater bekommt man ein Budget für ein Arbeitspaket, das an einem festgelegten Stichtag abgegeben werden muss. Meistens sind diese Zusatzaufwände für – nennen wir es – Kommunikation nicht im Arbeitsumfang. Was das Ganze noch erschwert: Meistens sind diese Arbeitspakete auch noch knapp bemessen.

Wenn ich also mein Budget überziehe, kann es passieren, dass ich diese Zusatzstunden dem Kunden nicht in Rechnung stellen kann, so als sei es ein reines Privatvergnügen, den Kundenmitarbeitern im Projekt zu helfen. Natürlich kann ich niemanden (bzw. nicht allen) die Hilfe verwehren mit dem Hinweis, dafür bezahlt ihr mich nicht (das weiß auch der Kunde). Es hilft mir ja manchmal auch. Den einen oder anderen werde ich auch mal etwas fragen. Vor allem aber ist es für einen Berater wichtig, als kompetent wahrgenommen zu werden, dem sich der Kunde vertrauensvoll zuwendet, wenn er einen Rat braucht (nennt sich Trusted Advisor).

Zum Glück muss ich mir bei diesem Kunden keine Gedanken über solche Ablenkungen machen. Es ist sogar der ausdrückliche Wunsch des Kunden, dass ich (in einem akzeptablen Rahmen) die Mitarbeiter im Projekt unterstütze.

Mein Grübeln liefert zwei erfreuliche Antworten: Ich habe beim wichtigen Arbeitspaket gute Fortschritte gemacht und ich habe jetzt Wochenende!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.