Mit Tinder über Gesichter wischen

Ein junger Mann, groß und schlank, steht lässig vor mir. Hält sein Smartphone locker in seiner linken Hand und wischt darüber mit seinem rechten Zeigefinger, als würde er gönnerhaft virtuelle Scheine auf dem Büroflur verteilen. Über ihm leuchtet ein grünes Notausgang Schild mit einem Pfeil rechts. Das Szenario wirkt surreal auf mich. Sein Smartphone hätte ebenso ein Colt in einem Western sein können, mit ihm als aus der Hüfte schießendem Cowboy. Das hätte mich nicht mehr irritiert.

In dieser triumphierenden Pose zeigt er mir seine Tinder-App. Man könnte meinen, er hätte etwas entdeckt und etwas Besonderes geleistet, als sei er ein Held in einem selbst inszenierten Film – vielleicht doch kein Western, eher ein Film über Eroberungen. Und ich habe das eigenartige Vergnügen, diesem jemand, der für mich in Wirklichkeit ein niemand ist, denn ich kenne ihn nicht, dabei zuschauen zu müssen.

Das habe ich häufiger, diese unfreiwilligen Begegnungen einseitiger Natur mit Menschen, mit denen ich nicht rede. Ich habe dazu seit längerem eine Theorie: Mein Gesicht spricht eine mir unbekannte Einladung gegenüber nervigen Menschen aus. Meine geheime Superkraft.

»Schau mal«, sagt er und bevor ich schauen kann, schwupps, ist das Bild schon weg.

»So«, führt er fort und dirigiert – alles muss raus – mit seinem beweglichen Zeigefinger ganze Menschenmassen aus dem Display, »kannst du auswählen.«

Wieder ein Schwupps, schneller als ich schauen kann.

Warum zeigt er mir das?

»Nach rechts wischen bedeutet, die gefällt mir und nach links«, seine Schultern gehen hoch und zerknautschen sein Gesicht zu etwas Traurigem, »Daumen runter.«

Ich schaue auf sein Display und sehe Gesichter von schönen Menschen. So viel kann ich erkennen.

Schwupps. Die nächste Kandidatin. Ein Gruppenbild. Lachende Gesichter nach oben schauend. Mitten unter Freunden. Mitten im Leben. Seht her, ich hab ein tolles Leben. Mit mir hat man Spaß und nie Langeweile.

»Wieso hat sie ein Foto mit ihren Freundinnen?«

»Keine Ahnung.« Wieder gehen seine Schultern hoch. Diesmal schnell.

Es interessiert ihn nicht. Warum auch. Er hat mit ihrem Foto nichts zu tun. Nur, wie kann jemand Fotos von Freundinnen mit auf eine Flirtseite posten?! Wissen ihre Freundinnen das? Und was würden sie dazu sagen? Es wäre bestimmt eine tolle Überraschung, wenn eines Tages irgendjemand eine der anderen im realen Leben mit den Worten anspricht: »Hey, ich kenn dich von Tinder.«

Er schaut ein paar Sekunden länger als sonst auf das Bild und vielleicht beginnt er mit seinem Kopf zu denken. Welche von denen sucht überhaupt?

Ich schaue genauer hin und kann auch dieses Rätsel nicht lösen. Doof nur, wenn die Freundinnen hübscher aussehen als sie und der Froschprinz ein wenig enttäuscht bei ihrem Treffen reagiert. Und dann fällt es mir wieder ein: Es ist der Cheerleader-Effekt. Ein Mensch wirkt in einer Gruppe attraktiver als für sich alleine. Das Gehirn bildet aus allen Gesichtern zusammen ein Durchschnittsgesicht, das wir attraktiv finden.

Schwupps. Da ist es wieder. Weggewischt. Er hinterlässt eine Fettspur auf dem Glas des Displays seines Smartphones.

Warum erklärt er mir, wie diese App funktioniert? Noch so eine Frage. Hält er mich für blöd? Mein Kopf hat in den Frage Modus gewechselt. Doch bevor ich mich über ihn ärgere, beginne ich über die Tinder-App nachzudenken.

Hätte ich meine Freundinnen auf diese Art ausgewählt, frage ich mich, wie viele von ihnen hätte ich wirklich kennengelernt?

Alle, wenige, keine? Und was würde das über mich aussagen?

So oberflächlich es auch klingen mag, ich bin eine Photoshop Schönheit, bei dem die wahre Schönheit es nicht aufs Foto schafft, denn mein ganzes Gesicht lebt von meiner beweglichen Mimik und zeugt von Charakter.

»Kuck dir die an, die sieht scharf aus!«

Er freut sich und scheint stolz auf sich zu sein, als hätte er eben eine Eroberung gemacht. Als sei er ein toller Hecht und könne sie wirklich auswählen. Sind wir hier beim Online-Shopping?! Warenbestellung am Fließband.

Ich sehe, dass er vorwiegend nur in eine Richtung wischt.

»Warum wischt du dauernd nach rechts?«

»Ja«, er lacht, »du nimmst erst mal alle und dann suchst du dir später die Besten aus. Alter Profi-Trick.« Er zwinkert mir zu. Ich denke darüber nach, ob ich ihn für ziemlich dumm oder gerissen halten soll. Hängt natürlich davon ab, was für ein Ziel er verfolgt. Vielleicht reicht ihm ein Match wirklich, als sei es ein »Like«, ein Zuspruch, eine Bestätigung. Das Sammeln von Profilen als die Illusion seines Erfolgs bei Frauen mit dem Irrglauben: Wenn ich wollte, dann könnte ich bei ihr landen, aber ich will ja nicht, weil <platzhalter/>.

Vor Jahren las ich ein Buch von Jason Zweig über Neuroökonomie (hier der Werbelink zu dem Buch »Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht« auf Amazon). Damals interessierte ich mich für Aktienhandel und irrationale Fehler, die Anleger gegen jede Logik begehen und dadurch ihr Geld verlieren, weil das menschliche Gehirn halt so funktioniert.

Eines der Dinge, an die ich mich immer noch zu erinnern glaube, da ich diese Episode aus dem Buch in verschiedenen Gesprächen mit Frauen erwähnte, handelt von einem Phänomen bei Männern. Ich habe es natürlich zweckentfremdet und will damit in keiner Weise Frauen mit Aktien vergleichen. Doch das beschriebene Phänomen kam mir bekannt vor und erscheint mir heute noch als eine gute Erklärung.

Eine frisch verliebte Frau erzählte mir, dass sie ein wenig enttäuscht von einem Mann gewesen sei, der ihr dauern hinterherlief. Zunächst hatte sie kein Interesse an ihm. Aber er ließ nicht locker. Das Blatt wendete sich zu seinen Gunsten und, wie es schien, zu ihren Ungunsten.  Sie sagte, als er wusste, sie interessiere sich auch für ihn, schien er kein Interesse mehr an ihr zu haben, als verlöre er jeden Antrieb. Das überraschte sie und sie verstand es nicht.

Ich versuchte es mit dieser Erklärung, sinngemäß aus dem Buch: Zu wissen, man könne siegen, fühlt sich (fast) genauso an, wie der Sieg selbst. Das scheint einigen zu reichen. (Im Buch lautete es weiter, dass diese Menschen Verluste machen würde, weil sie den Gewinn nicht realisieren. Eigentlich überflüssig zu erwähnen.)

»Ein Match!«

Er triumphiert als hätte er etwas Großartiges geleistet und zeigt mir das Profil einer jungen Frau, lächelnd mit Grübchen.

Ich ziehe meine beiden Augenbrauen gleichzeitig hoch. Ich könnte sie auch unabhängig voneinander bewegen, aber das würde Aufmerksamkeit oder Überraschung bedeuten.

Ich presse etwas aus, das nach einem Lächeln klingt. Er nickt mir schelmisch zu, während seine Augen zu leuchten versuchen. Vermutlich fasst er es als Zustimmung oder Bewunderung auf.

Bestimmt alle, beantworte ich meine eigene Frage, die ich mir eben über meine Freundinnen gestellt habe und fast vergessen hätte. Ich würde sie wahrscheinlich alle auswählen. Immerhin konsequent.

Aber – und hier beginnt vielleicht die eigentlich spannende Frage –  was wäre im umgekehrten Fall?

Was, frage ich mich, und korrigiere mich sofort, wie, führe ich meinen Gedanken präziser aus, hätten sich meine Freundinnen damals entschieden, hinge unsere Begegnung von einem Wisch auf einem Display ab.

Meine Unterlippe kräuselt sich. Ich schaue ihn an.

»Was ist, wenn sie nicht wirklich will?«

»Dann gibt es genug andere.«

Plötzlich erscheint mir der Gedanke, Gesichter mit dem Finger wegzuwischen, sehr reizvoll. Im Alltag unbezahlbar. Dieser Mann, wer hätte das gedacht, hat mich am Ende voll überzeugt.

***

Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Vielleicht ist das auch gut so. Trotzdem bleibt eine gewisse Verärgerung über diese gespielte Coolness. Oberflächlichkeit. Vielleicht stört sie mich, weil ich über die Jahre bei mir selbst eine Tendenz zum Oberflächlichen feststelle. Vielleicht auch ein Hang zur Bequemlichkeit.

Früher war doch der Weg zum Ziel ebenso schön. Und mit den Jahren wurde der Weg immer lästiger, bis er zu stören begann. Also rennt man schnell durch oder versucht ihn zu umgehen. Das ist doch so, als würdest du den Mount Everest nicht selbst besteigen, sondern mit dem Fahrstuhl auf die Spitze hinauffahren. Wahrscheinlich würden zu viele dort auf der Spitze von sich ein Selfie machen und es veröffentlichen. Hauptsache, ein Punkt in der Liste der Sehenswürdigkeiten abgehakt und es sieht cool aus.

***

Ein paar Tage später. Ein Kollege und ich. Vielleicht Zufall oder auch nicht, erzählt der Kollege etwas über diesen jungen Mann.

Vor kurzem machte seine langjährige Freundin mit ihm Schluss. Seitdem treffe er sich jedes Wochenende mit einer Menge Frauen, die er über Tinder kennenlerne. Und in der Woche erzähle er ihnen, wie viele wieder flachgelegt habe.

Natürlich hat jeder oder jede die eigene Art, mit Beziehungsschmerz umzugehen. Ich lege motivierende Musik auf und beginne mit meinem Training. Das hilft. Man erkennt schon, dass ich trainiert habe, aber es nicht übertrieb. Falls jemand also findet, ich sei zu wenig durchtrainiert, kann ich anführen, dass ich leider an die falschen Frauen geraten bin. So ein Pech aber auch.


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