TRY. FAIL. REPEAT.

Mittwoch, 21.11.2018. Ich bin verstimmt wie ein Instrument und klinge nach Gejammer. Mein Körper brütet eine Anomalie in Form einer Erkältung aus. Und ein anderer flimmert auf meinem Monitor.

Manchmal kann Software so gemein sein und die Liebe, die man all die Jahre in sie hineingesteckt hat, nicht erwidern.

Gut, Software wird von Menschen gemacht.

Wie auch Fehler.

Menschen sind eh an allem schuld.

So, genug verbal gerotzt und das Hirn freigepustet als wäre sie eine verstopfte Nase voller trockenem Schleims.

Konzentriertes Starren auf hochfrequente Pixel. Ein Flimmern. Müde Augen. Dahinter die Netzhaut, verbunden an ein Hirn in Hochbetrieb. Ich sitze immer noch an dem Softwarefehler vom Donnerstag. Dazwischen lagen ein glamouröses und kräftezehrendes Firmenevent und ein hartes Wochenende, aus dem ich die beklagte Erkältung mit nach Hause nahm. Ein ungebetener Gast, der mir reizend um den Hals fällt.

Während mein Verstand sich wie ein Skalpell schärft, treibt mein Körper die Temperatur ein wenig nach oben und dieser Fehler kitzelt meine Nerven am falschen Ende. Mein Kopf nähert sich mehr und mehr dem Monitor, als könnte ich tiefer eindringen und sehen, was sich hinter der Oberfläche verbirgt.

Fokussierter Blick. Verspannter Nacken. Am Abend wird sich mein Körper bei mir auf seine spezielle Weise bedanken – aber das ist mir an jenem Moment egal.

Dieser dumme Fehler stellt sich hartnäckiger als gedacht heraus. Auf meine beeindruckende Korrektur, die ich innerhalb weniger Minuten hervorzauberte, antwortete die Software mit einem unauffälligen Folgefehler. Ein Folgefehler, der es bei all seinem Understatement in sich hat, bei dem ich wie ein Chirurg aus dem Mittelalter ohne Anatomie-Atlas tief in das Innerste des Codings heute eindringen musste.

Ein Treiben auf dem Meer ohne Kompass. Langsames vorantasten. Lokalisieren. Ausprobieren. Einen Moment fluchen. Dann innehalten. Ein neuer Versuch und alles von vorn, nur mit einem Unterschied: Ich bin ein wenig schlauer als vorher. Und je tiefer ich eindringe, desto schwieriger wird es.

Den Fehler aufzuspüren und ihn immer weiter eingrenzen, bis ich die Stelle gefunden habe. Es gleicht einem Katz-und-Maus Spiel oder detektivischer Arbeit. Manchmal entdecke ich dabei Codestrecken, die hinzugefügt, dann Teile davon gelöscht, dann wieder erweitert und auch mal komplett wieder auskommentiert wurden, als seien sie Wucherungen eines Lebewesens oder Narben vergangener Operationen. Manche der »Chirurgen« waren Meister ihres Faches, lieferten elegante Lösungen. Andere hingegen tackerten widerwillig mit Büroklammern Lücken zu und rissen dabei andere Wunden auf.

Irgendwann finde ich die Stelle. Dort also, wo der Fehler zur Wirkung kam, befindet sich nur das Symptom, aber nicht die Ursache. Nun heißt es, vom Symptom mich schrittweise zur Ursache herantasten. Gleicht fast einem Rückwärtsgehen.

Und dann, ganz plötzlich, ist der nervenaufreibende Fehler gelöst.

Natürlich traue ich dem System nicht. Es könnte ja ein Schutz vor Veränderung sein. Ein Bluff, um mich in loszuwerden. Oder noch schlimmer, ich könnte dem System einen Folgefolge eingepflanzt haben, der sich noch besser versteckt als der Vorherige. Also wieder verschiedene Wege ausprobieren und genau beobachten, wie sich die Software verhält.

Und dann ist es ausgestanden.

Tja, ich wünschte, ich könnte meine Erkältung ebenso einfach korrigieren – oder noch besser, zurück zu dem Zeitpunkt, wo ich mir diese unnötige Erkältung eingefangen hatte.

Ja, mit dem heutigen Wissen hätte ich mich am vergangenen Samstag anders verhalten. Ich wäre nicht raus in die Kälte zu den Rauchern gegangen, obwohl nicht rauche. Hätte dort nicht fast schreiend mich mit ihnen unterhalten, weil es dank der Boxen so laut war. Das war quasi eine Einladung an die Bazillen.

Aber ehrlich gesagt wusste ich es schon damals™ besser. Ich dachte mir, ich wäre fit und stark genug, weil ich seit Jahren nicht mehr wirklich krank wurde, weil ich seit Jahren auf mich achtete.

Gut, warum mich beschweren, wenn es eh zu spät ist. Einfach positiv denken: Mein Körper trainiert im Moment mit den bösen Bazillen, um gestärkt daraus hervorzugehen. Das Immunsystem braucht ja auch mal Abwechslung, sonst kommt es auf dumme Ideen und spielt an sich selbst herum.

Aber der Gedanke klingt reizvoll: Zurück in die Vergangenheit, zu jenem Zeitpunkt, an dem das Leben eine falsche Wendung nahm und abbiegen in das bessere.

So funktioniert es jedoch nicht (sofern es keine heftigen Ereignisse betrifft). Denn, solange man nur den Weg ändert und nicht sich selbst, landet jeder früher oder später wieder bei sich selbst bzw. bei einem ähnlichen Leben wie jetzt.

Daher muss Marty McFly aus »Zurück in die Zukunft« noch zwei weitere Fortsetzungen durch die Zeit irren, bis sich ein Umdenken bei ihm einstellt. So ähnlich ist es bei »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Darin durchlebt der arrogante TV-Wetteransager Phil Conners den gleichen Tag immer wieder von Neuem, bis er sich zum Besseren ändert. Ich glaube, seine Verwandlung dauert Jahre. (Ja, wir Männer brauchen immer sehr lange, bis wir uns Verwandeln, so steht es in den Grimms Märchen. Ohne eine Prinzessin klappt das auch nicht.)

Also, wenn mir jemand sagt, hätte ich mal vor Jahren dies und das gemacht, so wie neulich bei einer Fahrt mit einem Kollegen, antworte ich: »Dann fang doch jetzt damit an!«

Ich weiß, das ist gemein. Vielleicht liegt es an meiner Erkältung oder die Bugs färben auf mich ab. Doch wahr ist es schon. Was spricht denn dagegen, jetzt damit zu beginnen? Jahre später wird eben dieser Moment auch zu einem »Hätte-ich-mal-damals™«.

Ich habe mich selbst beim Schwelgen in der Vergangenheit ertappt, wie ich mich an jene Orte sprachlich katapultierte und meinte, wäre es jetzt damals, dann…! Der Gedanke geistert immer noch in meinem Kopf herum. Ist so zeitlos wie ein Evergreen. Obwohl ich es jetzt besser weiß, neige ich zu konservativem Verhalten –  ich ändere nichts, außer wieder mal zu jammern. Zu bequem. Das ist vermutlich der Grund, warum ich emotional bei anderen reagiere.

Und ich konnte es mal besser – nicht das Jammern. Als Schüler wachte ich mehrere Jahre wie meine Eltern um 5 Uhr auf. Lag bis 6 Uhr wach, bis sie zur Arbeit fuhren und ich mich an meinen Computer setzen konnte. Mir blieb eine Stunde, bis der Wecker für die Schule klingelte. Ich freute mich jeden Abend auf diese eine Stunde am Morgen. Später ging ich vor der Arbeit, die um 8 Uhr begann, zum Fitness und trainierte dort eine Stunde.

Vielleicht liegt es an der Angst, Fehler zu machen, zu scheitern oder was auch immer. Ich finde es nicht schlimm, Fehler zu machen, solange jemand daraus lernt. Ich versuche, andere Fehler als zuvor zu machen. Und mir sind Menschen lieber, die etwas falsch machen, als Menschen, die nichts versuchen. Vermutlich teilen diese Meinung nicht alle Menschen.

Wir durchleben unsere Tage sehr ähnlich und die meisten Tage unterscheiden sich meisten durch die Wochenbezeichnung. Wir gehen jeden Tag morgens zur Arbeit und fahren abends nach Hause. Wir wiederholen Vieles als wären wir wie Phil Conners gefangen in einer gemeinen Zeitschleife, die wir als solche nicht erkennen. Und je häufiger wir etwas machen, desto tiefer brennt sich dieser Ablauf in unser Handeln wie Pfade, die immer tiefer getrampelt werden.

Ich könnte jetzt viele Gründe nennen, warum dies und das so ist. Und diese Gründe nehmen berechtigterweise im Alter zu. Doch ich versuche diese Gedanken mit einem Satz zum Schweigen zu bringen: Wer nicht will, sucht nach Gründen. Wer will, findet Wege.

Manchmal bewirkt es ein Umdenken bei mir. Und vielleicht geschieht dies häufiger, je mehr ich mein Denken in andere, gewollte Bahnen lenke, statt wohlgefällig beim bewährten Alten zu bleiben. Es sind kleine Trippelschritte und irgendwann größere…

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