Lasst mich arbeiten

»Siri! Wie spät ist es?«

Ich brülle die Frage in die Nacht hinein, obwohl mir dunkel schwant, dass es recht früh ist, denn noch immer sickert das künstliche Licht von den Laternen an der Straße dünn durch die Jalousien.

Heute bin ich wieder ohne fremde Hilfe aufgewacht. Keine rollenden Mülltonnen. Keine aufheulenden Motoren in wartenden Autos. Keine grölenden Nachtwanderer. Keine aufputschenden Schuldigen, auf die ich sauer sein könnte, und die man als Ausrede braucht?! Die waren nie da, wenn ich sie brauchte. Nur ich im Bett. Wach. Auf der Suche nach der verlorenen Schlafenszeit. Wie viel Zeit habe ich verloren?

Siri antwortet nicht. Ich vergaß. Sie muss aufgeweckt werden. Also greife ich in die Dunkelheit und ein Display leuchtet auf: 4 Uhr 24.

Verdammt!

Was soll ich machen? Weiterschlafen, um dann wie ein Untoter aufzuwachen? Ich brauche nicht auf die Antwort zu warten. Ich bin schon wach. Das ist aber nicht schlimm, ich fühle mich nicht müde.

Also, denke ich mir, bin ich heute schon um 6 Uhr auf der Arbeit beim Kunden.

Aber auch das ist nicht schlimm. Ich arbeite gerne in der friedlichen Ruhe des Morgens, abseits aller störenden Interaktionen. Ich habe festgestellt, dass meine Produktivität abnimmt, je mehr Kollegen eintreffen. Je mehr Kollegen, desto mehr Fragen, Gespräche (bzw. Kaffeeklatsch, Smartphones zählen nicht ;-), Emails, Meetings – allesamt Unterbrechungen meiner Arbeit.

Vielleicht sollte ich diesen Zusammenhang das Hakansche (Büro-)Gesetz nennen. Und es lautet so:

Die eigene Produktivität verhält sich reziprok proportional zur Anzahl der anwesenden Kollegen.

Im Klartext bedeutet das, je mehr Kollegen auf der Arbeit sind, desto weniger kommt man selbst zu seiner eigentlichen Arbeit.

Natürlich gibt es Kollegen, die sehr hilfreich sind, denen ich gelegentlich eine Frage über den Zaun werfe und eine schnelle Antwort bekomme. Ebenso umgekehrt. Davon profitieren auf lange Sicht beide. Ein Geben und Nehmen.

Aber dann gibt es die Menschen, die nur nehmen oder etwas über den Zaun werfen, das so schwer ist, dass es viel Zeit und Kraft kostet, aber selbst nur kleine Brocken annehmen, wenn überhaupt.

So bildet sich der größte Haufen bei den netten Kollegen.

Der Haufen, an dem ich arbeite, ist auch nicht klein, dabei bin ich eigentlich nicht nett. Aber ich vergaß. Ich bin Berater, also ein externer Dienstleister, der nicht »Nein« sagen kann/darf/soll. Hier habe ich eine Ausrede. Hilft mir aber auch nicht.

Was heute schön war*. 15 Uhr. Bei strahlendem Sonnenschein wie an einem Sommertag fahre ich nach acht Stunden Nettoarbeitszeit heim. Heute keine Überstunden. Die Straßen sind fast leer.

Zuhause angekommen sammle ich meine Sportkleidung auf und hüpfe wieder ins Auto. Ab zum Fitness. Auch dort gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Trainierenden auf der Trainingsfläche und der eigenen Trainingsdauer. Diesmal proportional. Und im Gegensatz zu der Verteilung der Menschen auf der Fläche beispielsweise in Bussen oder am Pissoir mit maximalem Abstand, sammeln sich die Mengen bei den üblichen Trainingsgeräten. Vielleicht bilden Menschen gern Haufen.

Aber ich habe Glück, auch dort kaum Menschen. Belebendes Training.

Antizyklisch. Ich sitze gegen 18 Uhr gemütlich auf meinem Sofa, als mir etwas dämmert. Je früher ich arbeite oder vor anderen beginne, desto weniger Zeit benötige dafür. Wenn ich also jeden Tag etwas früher zu arbeiten anfange, komme ich irgendwann im Gestern an, während die anderen noch im Heute – ich wache auf. War kurz eingedöst.

Vielleicht gehe ich heute früher ins Bett, nicht, weil ich müde bin, sondern wegen der Produktivität…

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