Kleines Fenster am Kopf zum Menschen

Von den Bäumen lassen sich goldgelbe Blätter auf die Straße niederfallen und die Sonne schimmert durch die lichtgewordenen Baumkronen wie meine Kopfhaut durch die nusseckengroßen Geheimratsecken. Insgeheim hoffe ich, dass meine verlorenen Haare wie Blätter oder Zugvögel im Sommer wiederkehren. Das wäre so wunderschön wie der heutige Herbstsonntag, hätten wir nicht schon Winter.

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Ein freudloser Schwarm von nicht ganz frischen Zombies schleppt sich träge durch die Gegend auf der Suche nach konsumierbarem Material. Sie sind wohl auch müde so wie ich und suchen Nahrung oder anders formuliert: Motivation.

Ich schalte die Episode aus der 8ten Staffel »The Walking Dead« ab. Die reden mir so viel. Nicht die Zombies. Das wäre spannend. So spannend, dass man sie auf YouTube festhalten sollte. Und vielleicht entwickelt sich das weiter und ein Schminktutorial taucht auf YouTube auf.

Zombies als Influencer mit Tipps & Tricks gegen zerfallende Gesichter: Wie schminke ich mein Gesicht natürlich menschlich. Oder wie verstecke ich unvorteilhafte Körperpartien mit dem richtigen Outfit. Oder wie erobere ich das Herz oder auch andere Teile eines Menschen, wobei das etwas für gesunde Ernährung oder Soziale Netzwerke bzw. Tinder wäre.

Ich glaube, wir hätten eine komplett neue, kaufkräftige Zielgruppe, die regelrecht nach Konsum giert. Für die Wirtschaft wäre das bestimmt ein Segen.

Als YouTuber würde ich an dieser Stelle sagen: »Wenn dir mehr zu Zombie-YouTube-Videos einfällt, dann schreibt das doch in die Kommentare (ein Daumen zeigt noch unten).«

Neuerdings schaue ich mir, gelangweilt durch meine Serien wie »The Walking Dead«, auf YouTube Videos an, auf denen andere Menschen sich andere YouTube Videos anschauen und Menschen kommentieren. Jetzt weiß ich, dass sich diese Videos »Meine Reaktion auf« nennen, so verzweifelt bin ich.

Amüsant und irgendwie niedlich fand ich hingegen eine amerikanische Version der YouTuberin Milana Coco. Ich schaute mir ihre Reaction auf die »Don’t Judge Me Challange« verschiedener Nationen an, weil ich Milana so süß fand und nicht wusste, worum es geht. YouTube muss schließlich wissen, was gut für mich ist.

Nein, weiß es nicht! Klar wollte ich sehen, wie sie auf türkische Jungs reagiert, schließlich bin ich immer noch ein bisschen turkish by nature. Leider tauchte ich aber nicht in dem Video auf, was vermutlich daran liegt, dass ich solche Videos nicht mache (nein, das liegt nicht an meinen mangelnden Haaren!). Aber bild dir deine eigene Meinung. Hier das Video:

Dieses Video ansehen auf YouTube.

 

Als ich erstmals von dieser Art Videos hörte, fragte ich mich, welche bescheuerten Leute sich so etwas anschauen. Jetzt weiß ich es: Leute wie ich oder anders formuliert: jeder! (Sorry für die Beleidigung)

Irgendwie verrückt. Aber dann doch nicht. Allzu schnell vergesse ich, dass ich mich für die Gedanken und die Sicht anderer Menschen interessiere (Rand: »anderer« bedeutet nicht »jeder«).

Während ich also ein Video sehe und mir meine Gedanken mache, höre ich zugleich, wie ein anderer das Gesehene wahrnimmt. Das alleine ist schon interessant. Interessanter wird es, wenn ich etwas erfahre, was ich nicht oder völlig anderes gesehen habe. Also ein kleines Fenster in den Kopf eines Menschen.

Vielleicht, kichert der gemeine Teil in meinem Kopf, ist dein Gehirn auch nur seeehhhhhr träge und denkt sich, bevor ich mir Gedanken mache, lass ich andere für mich denken. Outsourcing des Denkens.

Die Wahrheit bewegt sich irgendwo dazwischen.

Ich vergesse allzu schnell, was mich an Büchern, Texten oder auch Videos interessiert. Es sind die Gedanken, das, was im Kopf eines anderen Menschen vorgeht. Das ist mitunter ein Grund, warum ich blogge.

Das Bloggen als Versuch, in die Gedankenwelt eines anderen einzutauchen. Dabei landet man in der eigenen. Eines meiner ersten Artikel in dieser Hinsicht ist »Die Schönheit und das ungerechte Körperfett« mit der Fortsetzung »Die verschlossene Frau«, die zu unerwarteten Reaktionen bei meinen Leserinnen führte (Männer interessiert das nicht, außer sie sind verzweifelt).

Obwohl ich die dort beschriebene Frau (immer noch) nicht verstehe und mein Text den Versuch darstellt, sie auf irgendeine Weise zu durchdringen, schrieben mir viele Leserinnen, dass sie diesen Typ Frau bestens kennen würden.

Andere fragten mich scherzhaft, ob ich sie auch analysieren würde. Als ich dies verneinte, denn ich bin kein Psychologe, sondern ein Suchender oder Irrender, baten jene mich, sie doch zu analysieren. Da ich nicht alle von ihnen persönlich kannte, sollte ich meine Analyse doch bitte anhand des mitgeschickten Fotos durchführen.

Warum ich das hier schreibe? Um mich selbst daran zu erinnern, was mich interessiert, denn ich beklage mich, dass ich zu wenig schreibe. Das tue ich, weil ich meine eigenen Gedanken für zu uninteressant halte (denn ich kenne sie) oder nicht relevant genug. Was dazu führt, dass ich über Dinge schreibe, die eine Ausnahme in meinem Leben darstellen.

Damit gibt – und daran hatte ich bisher nicht gedacht – mein Blog ein völlig verzerrtes Bild von mir wieder.

Zumindest sieht es so aus, wenn ich schaue, wie Google mich »bewertet«. Jeden Tag schickt mir Google viel Traffic zu meinen Artikeln wie »Männer und die Unsicherheit« oder »Die Kunst, per WhatsApp cool zu schreiben« rüber. Beide Artikel sind stark ironisch gebrochen. Eine übertriebene und verzerrte Darstellung der Realität. Während ich sie schrieb, amüsierte ich mich köstlich.

Wenn Google eine eigenwillige Bewertung hat, was denkt sich der geneigte Leser?

Also muss ich doch mehr schreiben und vielleicht auch öfters über mein langweiliges Leben, natürlich dramatisch aufgehübscht! Gibt es da etwas Ähnliches wie Photoshop?

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»Ich bin ja nur bei Twitter, weil ich zu klug für Facebook und zu hässlich für Instagram bin.«
literally_nice auf Twitter

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Ich hauche meinen Haaren ein wehmütiges »Lebewohl!« hinterher. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. »Natürlich kommen sie wieder«, kommentiert der gemeine Teil in meinem Kopf. In den Ohren, aus der Nase, auf den Schultern, am Rücken – an all den Stellen, wo du Haare nicht haben möchtest. Immerhin, sage ich mir, bekomme ich so meinen Kopf ein wenig frei!

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