WhatsApp und die Meta-Ebene der emotionalen Kommunikation

Gleichsam wie durch einen Kuss aus ihrem Dornröschenschlaf aufgeweckt, bemerkten einige meiner »Kontakte« auf WhatsApp einen eingebildeten bitteren Geschmack in ihrem Mund. Vielleicht hätte ich zuerst eine Zahnbürste oder gleich eine Badewanne reichen sollen (was viel zu selten in Märchen geschah – es ist doch erstaunlich, wie bezaubernd die angehenden Prinzessinnen aus ihrem langen Schlaf erwachen). Aber das hier war kein Märchen, sondern die reale Welt, wo Menschen nicht gerne aufgeweckt werden (der Wecker singt jeden Arbeitstag sein Lied davon).

Der Weckruf erreichte einen Teil meiner »Kontakte« in Form eines überraschend verschwindenden Profilbilds. Mein charismatisches Gesicht wurde durch einen grauen Kreis mit weißem Kopf ersetzt. Ich hatte meine WhatsApp Einstellungen geändert und teilweise sie gelöscht. Im ersten Moment muss das ein Schock gewesen sein, sonst hätte ich nicht emotional aufgeladene Nachrichten bekommen.

Natürlich verstehe ich das und ich alleine trage die Schuld daran, denn ich hatte ohne darüber nachzudenken, mein Profilbild bei WhatsApp unter dem Datenschutz nur für meine Kontakte sichtbar gemacht. Nachgedacht hatte ich schon darüber, denn ich fand es befremdlich, dass jedermann ohne mein Wissen alleine nur mit meiner Nummer Einsicht in mein Profil nehmen konnte.

Doch ich vergesse allzu schnell, dass WhatsApp mehr ist als nur Nachrichten zu verschicken – ich vergaß die Meta-Ebene!

Jede Nachricht enthält eine Metamitteilung. Dank der Funktionen »Zuletzt Online«, die beiden blauen Häkchen oder auch die Datenschutzeinstellungen teilte ich meinen »Kontakten« mehr mit, als mir lieb war (und noch ist).

Die Metamitteilungen, die man unfreiwillig mitsendet, sagen etwas über uns aus. Sie verraten manchmal, wie wir zu einem anderen Menschen stehen und was wir von diesem Menschen halten. Der Empfänger glaubt also, neben dem Inhalt der Nachricht auch anhand der Metamitteilung, beurteilen zu können, in welcher Beziehung wir zueinanderstehen.

Kommunikation ist immer ein Verhandeln über Nähe.

Und manchmal wollen wir diese Nähe nicht oder nur in begrenztem Maße. Leider ist es wie im richtigen Leben: Stellt man plötzlich fest, dass sich jemand entfernt, scheinen einige reflexartig, Nähe zu suchen und verlieren dabei jede Distanz. Der oder die »Verlassene« intensiviert seine bzw. ihre Handlungen.

Bei WhatsApp bedeutet das, man schreibt mehr und häufiger und arbeitet sich zur eigentliche Frage durch, dem Pudels Kern:

  • Hat er oder sie meine Nachricht schon gelesen?
  • Wann war sie oder er online?
  • Warum antwortet er oder sie noch nicht?
  • Wurde ich geblockt?
  • (Bitte diese Liste mit nervigen Fragen fortsetzen)

Warum schreibst du mir nicht?!

Eigentlich sind das keine Fragen, sondern Vorwürfe.

Natürlich schaue ich mir diese Informationen auch an, denn auch ich beherrsche die Kunst, per WhatsApp cool zu schreiben (ironischerweise eines der meistbesuchten Seiten über Google). Doch ich würde diese Informationen nie als Vorwurf benutzen. Jetzt mal ehrlich, selbst mit solchen Vorwürfen konfrontiert, würde ich die Person für nicht ganz richtig im Kopf halten. Es hat also viel Konfliktpotenzial.

Zu meinem Glück gibt WhatsApp bisher nicht preis, ob mein Profilbild verschwunden ist, weil ich den Kontakt gelöscht oder nie als Kontakt gespeichert hatte. – Erstaunlich, wir wollen kaum etwas über uns selbst preisgeben, hingegen alles über den anderen herausfinden. Preisgeben scheint etwas wie zu verlieren zu sein. Wer mehr »zahlt« als er oder sie erhält, der verliert. Pokerface.

Doch mein Glück währte nicht lange. Ich meine, die »Kontakte«, mit denen ich oberflächlich bis gar nicht Nachrichten austauschte, waren mir egal, sonst hätte ich sie als Kontakte hinzugefügt. Also vergaß ich diese im Nachhinein amüsante Form der Metakommunikation und schritt zum nächsten Level voran: Ich löschte bestehende Kontakte.

Das mache ich regelmäßig. Kontakte, mit denen ich eine Weile nicht mehr geschrieben habe oder von denen ich weiß, dass wir uns nicht mehr schreiben werden. Frauen sind da das beste Beispiel.

Manchmal kann man zwischen den Zeilen das »was will er von mir« oder ein »oh nein, der schreibt schon wieder« greifen.

So bin ich eigentlich gar nicht, aber mach das mal bitte Frauen klar, die durch einen bestimmten Schlag von Männern WhatsApp geschädigt sind. Ich finde mich nicht gerne in dieser Gesellschaft wieder.

Da ich mich kenne, versuche ich manchmal die Dame davon zu überzeugen, kein Mann von jener Sorte zu sein. Was aus ihrer Sicht ihre Meinung über mich bestärkt, denn ich schreibe ihr ja wieder. Ein Teufelskreis und ein weiterer Herd, um Gemüter aufzukochen.

Also, was bleibt mir übrig?

Ich lösche auch solche Kontakte und denke mir nichts dabei. Warum auch, denn hätte einem von uns dieser Kontakt etwas bedeutet, wären wir nicht an diesen Punkt gelangt.

Das erzählte ich auch mal meiner kleinen Schwester, die prompt zu lachen begann, weil sie mein rigoroses Löschen überraschte und sie es als kühn empfand. Meistens, so kannte sie es, hörten die Männer einfach nicht auf, zu schreiben und damit nerven. Eine Art Zermürbungstaktik. Und dann überraschte sie mich.

»Sie werden denken, dass du bei ihnen eine Reaktion hervorrufen willst.«

Darüber hatte ich nicht nachgedacht. Wieder vergaß ich etwas: Jede Aktion ist zugleich eine Metamitteilung.

Nach kurzem Nachdenken sagte ich: »Dann sollen sie das denken. Das ist mir egal. Ich habe für mich die Sache abgeschlossen.« Und muss nicht erwartungsvoll auf WhatsApp starren, ob nicht doch noch eine Nachricht von ihr eintrifft. Aber das sage ich nicht. Man muss nicht alles von sich preisgeben.

Tatsächlich bekam ich kurz darauf einige Nachrichten. Ein paar davon beleidigt, ein paar erklärend, vielleicht versöhnlich.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt eine neue und effektive Variante der Kommunikation mit WhatsApp für mich entdeckt habe. Sicherheitshalber habe ich mein Profilbild für jeden sichtbar gemacht und verweise darauf auf meinen Blog. Alle anderen Einstellungen sind für niemanden sichtbar.

Ich bin gespannt, was WhatsApp sich noch einfallen lässt, um seine User auf die App zu bringen, denn 2019 soll es Werbung auf WhatsApp geben. Ein paar Ideen, um die User zu animieren, hätte ich schon:

  • Stute89 ist online und spricht mit Deckhengst79 über das Reiten. Überrasche sie doch mit einem Erlebnisgutschein für Reitstunden auf dem Ponyhof: Jetzt günstige Angebote bei XYZ!
  • Oder WhatsApp schlägt dir nach eingehender Analyse deiner Nachrichten einen VHS Kurs vor: »Über den sparsamen Umgang mit Emoticons«. Vielleicht eignet sich auch ein Rechtschreib- und Grammatikkurs
  • Oder WhatsApp analysiert dein Profilfoto und sendet dir eine Liste von hervorragenden Schönheitschirurgen oder macht gleich einen Termin bei deinem Hausarzt

Ich glaube, mein letzter Punkt mit der Bildanalyse birgt unglaubliches Potenzial (Fotos von Essen, Kleidung, Einrichtung, Personen, nackten Körperteilen etc.).

Da fällt mir noch etwas ein: Was würde WhatsApp bei den Männergruppen einfallen?! Für alle, die es nicht wissen, diese Gruppen sind sehr versaut und anstößig (daher bin ich natürlich in keiner dieser Gruppen!).

Nachtrag: Wenn du wirklich schlau bist, also so wie ich, dann portierst du von deinem alten Smartphone deine WhatsApp Kontakte und Chats basierend auf einem alten Backup auf dein neues Smartphone. Dann schaffst du es nämlich, gelöschte Kontakte und Chats wiederzubeleben und neuere Kontakte zu löschen.

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