Urlaub und die immer gleiche Frage: Wohin geht die Reise

Ich glaube, ich ticke anders als die Menschen in meinem Umfeld. Nicht falsch oder richtig, nur anders. Das ist keine Bewertung, nur eine Beobachtung. Das merke ich an vielen Kleinigkeiten. Bei einer davon handelt es sich um Urlaub, um das sich immer die gleichen Fragen drehen.

Die erste Frage lautet immer: Wohin fährst du?

Ist es nicht erstaunlich, dass auf die Ankündigung, man mache Urlaub, direkt diese Frage folgt?

In die Heimat, sage ich scherzhaft.

Die zweite Frage lautet dann immer: In die Türkei?

Diese Frage finde ich ebenso erstaunlich. Ich meine, die Menschen, die mich das fragen, wissen, dass ich in Deutschland geboren bin und einige unterstellen mir ja – zu Recht –, richtig deutsch zu sein, was manchmal so klingt, als sei ich deutscher als ein deutscher (was immer das zu bedeuten hat).

Türkei ist das Land meiner Eltern, also ist es mein Elternland, denn mein Vater und meine Mutter sind dort geboren.

Mit Heimat meine ich mein Zuhause in Bielefeld. Meine Wohnung. Warum muss man von zu Hause weg, um sich zu erholen? Ich finde das eine schreckliche Vorstellung. Ich komme da ganz nach meiner Mutter. Am besten erhole ich mich in meinen eigenen vier Wänden.

Ich weiß, Tapetenwechsel, raus aus dem Alltag, andere Luft schnuppern, andere Kulturen und Menschen kennenlernen. Befreie dich aus dem aktuellen Trott und erlange Freiheit, natürlich innere Freiheit. Klingt wie der Pfad nach Erleuchtung.

Wie sieht die Realität aus? Gemeinsam mit allen anderen Bürgen in den Stau. Ob auf der Autobahn oder auf dem Flughafen oder wo auch immer. Dann in einem All-Inklusive-Hotel logieren. Und später am Strand liegen, und manchmal auf einen Basar, um Imitate eines erfolgreichen Lebens zu erwerben. Man läuft zwar synchron in seinen Aktivitäten mit vielen anderen Urlaubern, hängt trotzdem nur mit einer Handvoll Menschen gemeinsam ab, was schön sein kann.

Im Prinzip wiederholt man die gleichen Muster von Zuhause an einem anderen Ort als würde man auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten. Damit ist der Tag geschafft und der nächste kann kommen.

Dann bist du an einem grauenvollen Montag auf der Arbeit (Montage sollten grundsätzlich abgeschafft werden). Nach spätestens fünf Minuten verpufft die gesamte Wirkung deines Urlaubs, und der Alltag hat dich wieder. Oder hatte er dich niemals losgelassen?

Ist der Urlaub vielleicht das rettende Ufer aus einem Alltag, der einem Schiffbruch gleicht? Nein, natürlich nicht. Urlaub als Flucht vor den Problemen? Blödsinn! Oder eine Belohnung, ein Versprechen für bessere Tage am Ende des Arbeitslebens? So ein Quatsch!

Urlaub zu Hause zu machen scheint ein wenig verpönt zu sein, als könnte man sich keinen Urlaub leisten. Dabei sollte es doch einen zu denken geben, oder?

Wenn ich Urlaub habe, dann freue ich mich auf meine freie Zeit, weil ich viele Bücher lesen kann (ob ich es mache, ist eine andere Sache). Mehr, als ich im Alltag schaffe. Ich dehne also etwas aus, was ich ohnehin häufig mache, und das halte ich für sehr wichtig. Die meisten Tage meines Lebens verbringe ich zu Hause (oder in einem Hotel, da ich als Berater häufig unterwegs bin). So kann ich immer ein Stück Urlaub überallhin mitnehmen. Wenn ich doch mal verreise, dann lasse ich immer mehrere Tage am Stück für zu Hause übrig.

Am Strand lesen funktioniert leider bei mir nicht. Ich brauche die Abgeschiedenheit eines Zimmers. Die Welt um mich herum abschalten. Und ein bequemes Sofa. Mehr nicht. Dann kann ich komplett in diese Welt. Manchmal stehe ich dann auf und laufe gedankenversunken hin und her. Am Strand könnte das ein wenig irritierend auf die anderen wirken. Laufe dann zum Schreibtisch, greife nach einem Stift und schreibe etwas auf. Oder gehe zu meinen anderen Büchern und schlage dort etwas nach. Zwischenzeitig etwas essen, einschlafen (ja, ich bin im Alter, wo ich auch mal einnicke), weiterlesen und, um nicht zu atrophieren, mache ich dann etwas Sport – ja, das, was mir beim Urlaub fehlt, ist das Meer! Das ausgedehnte Schwimmen im warmen Meerwasser des Mittelmeers und sein salziger Duft…

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