Störende Blicke und die attraktiven Frauen

Bielefeld heute. Die Sonne lächelt in den frischen Tag hinein.

Ich blicke aus dem Fenster in den Morgen, während ich mich gerade auf einem Crosstrainer beim Fitness aufwärme. Der andere Arm zurück. Überkreuzt die Beine. Und wiederholen. Morgens bin ich so geschmeidig wie ein tiefgefrorenes Huhn. Dann muss ich mich durch Bewegung langsam auftauen und auseinanderfalten.

Am liebsten würde ich mich in eine Mikrowelle legen und mich ein paar Runden kross drehen. Leider geht das nicht, weil ich höchstwahrscheinlich dabei einschlafen würde. Also muss ich mich mit dem Crosstrainer begnügen. Laufband wäre zu hart. Ich werde halt alt. Schon die ganze Zeit. Früher fand ich diesen Satz schlimm. Jetzt halte ich daran so lange es geht fest, denn am Ende bin ich einfach nur alt.

Egal, dann dauert das Warm-Up halt länger.

Und das ist gar nicht so schlimm. Morgens gleicht das Fitnessstudio einem kleinen, geheimen Club, in das sich nur wenige Verlaufen. Daher mag ich die Ruhe, die unverbrauchte Luft und den maximalen Abstand zu den anderen Fitnessen (sagt man das so?).

Also weiter mit den Armen schwingen. Schwubb, schwubb, schwubb. Als sei dies ein Lockruf, nähern sich zwei Damen und – wie soll es anders sein – steigen auf die Geräte neben mir. Natürlich darf ich das nicht überbewerten, nur weil nahezu alle Geräte frei sind. So süß bin ich dann doch nicht.

Trotzdem sehe ich am Rande meines Blickfelds einen dezent ausgestreckten Hals der einen Dame über die Dame, die zwischen uns ist, mit auffälligem Blick in meine Richtung. Ich trage keine Brille, daher sollte ich nicht annehmen, die Welt drehe sich um mich, aber im Moment dreht sie sich unter meinen Füßen. Schwubb, schwubb, schwubb.

Eigentlich sollte ich mich über diese kleine Aufmerksamkeit freuen. Ein Kompliment. Doch ich mag diese Art nicht. Auffällig, zu gewollt und irgendwie verzweifelt. Ihr Blick gilt nicht wirklich mir. Wäre ein anderer an meiner Stelle, hätte sie ebenso geschaut. Anderer Typ, gleicher Ort, gleiche Reaktion. Oder anderer Ort, gleiche Reaktion. Ich bin austauschbar.

Bella, meine beste Freundin (ja, Männer haben das auch), hatte sich vor geraumer Zeit mit einer Frau verabredet, die beim Treffen nichts Anderes tat, als den Männern ständig hinter zu schauen. Betrat jemand den Raum, schaute sie sofort zu dem Mann hinüber. Verließ jemand den Raum, schaute sie sofort ihm hinterher. Bella traf sie nie wieder mit ihr.

Und während ich mich an diese Episode erinnere und mir innerlich lachend denke, die springt jeden Mann an, hüpft die Dame vom Crosstrainer. Abrupte Bewegungen an der Peripherie lenken automatisch den Blick des Menschen auf sich. Also drehe ich meinen Kopf zu ihr rüber und finde sie, ohne zu suchen, in den Armen eines Mannes.

Der Mann wirkt souverän, selbstbewusst. Durchgestreckter Oberkörper. Hände in den Hüften. Das Lachen erscheint mir zu aufgesetzt. Mir scheint, sie will mehr als er. Erstaunlich, wie viel man doch zu erkennen glaubt, wenn man emotional nicht involviert oder gar ein bisschen genervt ist.

Natürlich sehe ich nur das, was ich sehen will. Daher kann ich völlig falsch liegen. Trotzdem drehen sich meine Gedanken weiter um dieses unfreiwillige Paar. Ich hoffe, nicht im Kreis wie das Schwungrand unter mir. Das geht ganz schnell und unfreiwillig. Ein Gedanke schubst den anderen an. Eine Kettenreaktion in den Bruchteilen einer Sekunde.

Sie ist vom Crosstrainer runtergesprungen, blitzt es auf. Sie unterbricht einfach ihr Training! Das überrascht mich am meisten. Noch offensichtlicher kann sie ihr Interesse doch gar nicht ausdrücken. Merkt sie selbst nicht, wie offensichtlich sie handelt?

Der Typ weiß, dass sie interessiert an ihm ist. Was wird er also tun? Wird er die Situation irgendwann für sich nutzen? Oder hält er sie eher auf Distanz, weil er fürchtet, dass sie zur Klette wird.

Sofort habe ich beide kategorisiert. Und vielleicht in eine bekannte Schublade gesteckt.

Eigentlich macht sie nichts Schlimmes und wie gesagt, ich kann völlig danebenliegen, und das tue ich bestimmt auch. Aber ich kann nichts gegen meinen ersten Eindruck und meine Gedanken machen, als sie im ersten Schritt wahrzunehmen.

Ich wende mich wieder meinem Aufwärmen zu.

Nach zehn Minuten höre ich auf. Jetzt bin ich aufgetaut genug, um mit meinem eigentlichen Training zu beginnen. Also schnell das Gerät saubermachen und ab zu der Flachbank. Bankdrücken. Dabei komme ich an den beiden vorbei, die immer noch beieinanderstehen.

Im Vorbeigehen kann ich sehen, wie sie wieder zu mir blickt.

Wie unhöflich, denke ich mir. Was ich wirklich nicht leiden kann, ist, wenn jemand im Gespräch offensichtlich zu einer anderen Person hinüberschaut, so dass es für alle ersichtlich ist.

Ich blicke sie kurz an. Ein wenig zu ernst. Blickkontakt. Sie ist wirklich hübsch.

Vielleicht ist sie einfach nur ein netter Mensch. Offen und kontaktfreudig. Vielleicht ist sie einfach mit sich zufrieden. Vielleicht – das sind mir eindeutig zu viele »Vielleichts«. Ich meine, wir alle haben doch so ein Bauchgefühl. Und ist es denn nicht so, dass wir meistens damit richtigliegen?

Beim Gehen schüttele ich den Kopf als könnte ich diese dummen Gedanken herausschleudern wie ein Hund die Nässe.

Ich lege mein Handtuch auf die Flachbank.

Jetzt liege ich endlich richtig.

Aber mein Kopf ist eine kleine Nervensäge und ruft die Erinnerung von letzter Woche auf, als ich ebenso hier lag.

Damals trainierte ungewohnter Weise eine Frau direkt hinter mir auf der zweiten Flachbank. Zunächst beeindruckten mich die Gewichte, die sie auf die Hantel packte. Sie war nicht muskulös. Im Gegenteil, sie war schlank, jung und sehr attraktiv.

Sie bemerkte, wie ich auf ihre Hanteln schielte, tat aber so, als würde sie mich nicht wahrnehmen. Vielleicht spielt sie in einer anderen Liga?

Der Gedanke kam schnell. Eigentlich wollte ich nicht mehr ins Negative abgleiten mit meinem Möglichkeitsdenken. Also lenkte ich meine Gedanken in eine andere, für mich bessere Richtung.

Vielleicht hat sie einen Freund, oder vielleicht will sie einfach nur trainieren. Da waren sie wieder, diese »Vielleichts«. So einfach konnte ich meine Gedanken nicht abwimmeln, denn, wenn einem etwas einmal auffiel, konnte man es nicht mehr einfach ignorieren. Ich merkte, wie sie mich aktiv ignorierte.

Aber ich wollte nichts Negatives denken, also dachte ich mir, dass sie vermutlich die Erfahrung gemacht hatte, schnell angesprochen zu werden. Sie kannte die starke Wirkung ihrer Gestik, Mimik und ihres Handelns auf andere. Auch die Wirkung, eines zufälligen, ungewollten Blicks. Vor allem auf Männer. Daher vermied sie Situationen, die Männer zur ihren Gunsten missinterpretierten konnten.

Also kombinierte ich: Für sie musste ich einer dieser Männer sein! So fühlt es sich also in einer Schublade an.

Dann fiel mir auf, dass nahezu alle Männer, die in der Nähe trainierten oder an ihr vorbeiliefen, zu ihr hinüber schielten. Ihr war also bewusst, dass sie offen oder heimlich angeschaut und vermutlich auch über sie geredet wurde. Daher habe ich seit Jahren folgende Theorie: Der schreckhafteste und häufigste Gedanke im Kopf einer Frau im Moment, in dem sich ihr ein Mann nähert, ist: »Hoffentlich spricht er mich nicht an!«.

Ein Lachen.

Ich packe die Gewichte auf die Langhantel. So sollte ich mich beschweren und nicht anders. Mir ist es lieber, jemand schaut mich nett an als jemand, der mich bewusst ignoriert.

Die Stange ist schwer und presst die störenden Gedanken aus meinem Kopf. Ich merke, dass ich meinen Muskelkater trainieren werde.