Kann man anhand der Augenfarbe des Kindes die Vaterschaft ausschließen?

Als Kind wollte ich immer Detektiv werden und Fälle lösen, so wie Die drei ???. Dann, beeindruckt von Dr. Hannibal Lecters Fähigkeiten, andere Menschen wie offene Bücher zu lesen, ein Psychiater. Später träumte ich davon, ein Profiler zu sein und mittendrin auch mal ein Shaolin Mönch wegen des Kung Fus.

Von alledem ist die Faszination geblieben, aus simplen sichtbaren Information etwas über einen Menschen herauszufinden. Äußere Merkmale, die etwas über sie oder ihre Beziehung zu anderen Menschen verraten. Eines dieser Merkmale kreuzt immer wieder meinen Weg, wie auch kürzlich in der Folge 7 »Mittel und Wege« der ersten Staffel von »Elementary«: Die Augenfarbe.

In dieser Folge schließt Sherlock die leibliche Vaterschaft aus, weil das Kind blaue Augen hat und seine Eltern braune.

Damit die Frage: Kann man anhand der Augenfarbe des Kindes die Vaterschaft ausschließen?

Etwas Vererbungslehre mit Mendel

Bevor ich diese Frage beantworte, ein wenig Vererbungslehre, die den meisten von uns als die Mendelschen Regeln aus der Schule bekannt sein dürften, denn wir erben von jeweils einem Elternteil die Hälfte unserer Erbinformationen. 50% stammen von unserer Mutter und 50% vom Vater.

Damit verfügen wir über doppelte Informationen.

Beim Merkmal der Augenfarbe erben wir also die Augenfarbe von der Mutter und vom Vater. Das führt zu der Frage, welche Augenfarbe gewinnt. Anders formuliert:

Welches Merkmal dominiert und ist damit sichtbar?

Dazu muss man Folgendes wissen. Bei den Augenfarben gibt es eine Dominanzreihenfolge:

  1. Braun
  2. Grün
  3. Blau
  4. Grau

Von oben nach unten nimmt die Dominanz ab und die Rezessivität zu. Wenn ein Kind von einem Elternteil die Augenfarbe blau und vom anderen braun erbt, dann wird das Kind braune Augen haben, weil braun dominanter als blau ist (braun und blau = braune Augen).

Allerdings gibt es noch etwas Wichtiges zu beachten.

In dem Beispiel erbt das Kind die Information braun und blau. Die Eltern haben ebenso wie das Kind auch Eltern und verfügen somit auch über doppelte Informationen.

Nun kann ich mit der Beantwortung der eigentlichen Frage beginnen.

Eltern braune Augen und Kind blaue

Was ist also, wenn beide Eltern wie im Fall von Elementary braune Augen haben? Kann das Kind dann blaue Augen haben?

Ja, dazu muss ein Elternteil zusätzlich das Merkmal blau haben und das andere Elternteil blau oder grau, aber kein grün, denn grün und blau ergeben grüne Augen. Beispiel:

  • Mutter: braun und blau = braune Augen
  • Vater: braun und grau = braune Augen

Für das Kind ergeben sich diese möglichen Kombinationen:

  • Braun(Mutter) und braun(Vater) = braune Augen
  • Braun(M) und grau(V) = braune Augen
  • Blau(M) und braun(V) = braune Augen
  • Blau(M) und grau(V) = blaue Augen

Es ist also nicht möglich, aus den dominanten Augenfarben der Eltern auf die Augenfarbe Blau des Kindes zu schließen, weil das rezessive Merkmal (blau oder grau) nicht sichtbar ist.

Daher kann man nicht sagen, dass Eltern mit braunen Augen keine Kinder mit blauen (oder grünen oder grauen Augen) bekommen können.

Kind braune Augen und Eltern blaue

Gibt es trotzdem nicht eine Möglichkeit, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Vaterschaft für ein Kind anhand der Augenfarbe auszuschließen?

Das kann jeder mit ein wenig Logik bzw. Kombinatorik selbst herausfinden.

Also kurz nachgedacht.

Wenn ich ein dominantes Merkmal habe, kann ich nicht auf das rezessive Merkmal schließen. Was ich aber kann, ist von einem rezessiveren Merkmal die Dominanten ausschließen!

Oder anders formuliert: Wenn das Kind ein dominantes Merkmal zeigt, muss eines der Eltern dieses dominante Merkmal auch besitzen.

Wenn das Kind also braune Augen hat, dann müsste (ich schreibe hier »müsste« anhand »muss«, dazu gleich mehr) eines der Eltern braune Augen haben (zur Erinnerung: Ein dominantes Merkmal kann man nicht verstecken und sieht es sofort).

Diese Farbreihe kann man anhand der Dominanzreihenfolge fortsetzen: Hat das Kind grüne Augen, muss eines der Eltern mindestens grüne Augen haben. Mindestens bedeutet grün oder braun, denn neben der braunen Augenfarbe könnte eines der Eltern auch die grüne Augenfarbe haben. Damit »versteckt« sich das Grün hinter dem Braun.

Warum schreibe ich immer wieder »müsste«?

Jede Regel hat die berühmte Ausnahme, wenn es sich beispielsweise um eine seltene Mutation oder Krankheit handelt. Genauso kann bei der komplexen Melaninherstellung* ein Schritt anders ablaufen als vorgesehen. Dann kann es passieren, dass bei einem Elternteil das dominante Merkmal nicht zum Vorschein kommt.

Also kann man auch in diesem Fall nicht mit Sicherheit sagen, dass ein Kind mit braunen Augen mindestens einen Elternteil mit blauen Augen haben muss.

Fazit

Anhand der Augenfarbe kann man auf gewisse Informationen schließen, doch sie sind nicht stichhaltig genug, um auf die leiblichen Eltern (im Besonderen auf den Vater) zu schließen oder umgekehrt, sie auszuschließen. Daher sollte niemand voreilige Schlussfolgerungen ziehen. Denn was im Fernsehen oder im Kino funktioniert, lässt sich nicht einfach ins reale Leben übertragen.

Ich würde sagen, Mr. Holmes, Sie liegen falsch!

Schade, das war’s dann mit meiner Detektiv- / Profiler- / Psychiater-Karriere. Vielleicht klappt es mit dem Shaolin Mönch. Meine Haare tendieren eher dahin.

photo by Jenna Hamra on Unsplash

* Das Modell von Davenport hat seine Schwächen. Hat ein Kind braune Augen, aber die Eltern nicht, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Vaterschaft angezweifelt werden kann, denn der Prozess der Melaninherstellung ist komplex. Es kann passieren, dass bei einem (Zwischen-)Schritt etwas fehlschlägt. Dann würde man die Augenfarbe braun nicht sehen, obwohl das Merkmal vorhanden ist.