Hunger!

Ein namenloser Vater streift mit seinem Sohn durch eine Welt, die eingehüllt ist in ein düsteres Grau. Die Sonne scheint nicht mehr, weil der Himmel durch Asche verdunkelt wird, weil die Asche als Regen fällt und weil die Asche alles auf der Erde mit einem schmutzigen Grau verdeckt. Darunter alles ausgestorben. Eine Welt verlorener Vergangenheit und ohne Zukunft. In dieser trostlosen Welt kämpft der Vater mit seinem Sohn gegen Kälte, Hunger und menschliche Bedrohungen.

Eine Welt, die ich mir kaum vorstellen kann. Nur vage, weil in meiner Vorstellung Bilder aus Welt der Serie »The Walking Dead« auftauchen. Ich lese gerade Cormac McCarthys Buch »Die Strasse« (Amazon Werbelink).

***

Es ist seltsam, wenn ich mit Hungergefühl etwas sehe, höre oder auch – wie in diesem Fall – lese, das vom Essen handelt (riechen ist eine ganz andere Dimension). Wenn ich Hunger habe und länger nichts esse, dann nimmt mich der Gedanke ans Essen in Beschlag und versucht mich, die ganze Zeit mit leckeren Bildern zu verführen. Dann grollt mein Magen mürrisch, um mir zu zeigen, wie ernst es mein Körper meint.

Seitdem ich intervallfaste, hat sich meine Wahrnehmung geändert. Zuvor belanglose Nebensächlichkeiten wie Essen, die im Hintergrund verloren gingen, drängen sich jetzt nach vorne in mein Bewusstsein. Lenken meine Aufmerksamkeit auf die verführerischen Köstlichkeiten.

Mit Hungergefühl im Bauch (und im Kopf) Filme und Serien zu schauen oder ein Buch zu lesen, ist eine ganz neue Erfahrung. Mir fiel zuvor nicht auf, in wie vielen Filmen und Serien oder auch in Büchern oder im eigenen Umfeld gegessen wird. Und wie häufig das geschieht. Ja, ständig. Vielleicht spielt mir meine Wahrnehmung dann einen Streich und vergrößert diese Szenen wie ein Mikroskop unwirklich im Augenblick. Drängt alles andere aus dem Blickfeld. Vereinnahmt einen. Frisst sich in meine Gedanken.

Ich glaube, es geht Rauchern oder Trinkern ähnlich, die sich ihre Last abzugewöhnen versuchen. Natürlich ist Essen nicht die Art von Last. Aber ich glaube, die Art, wie ich esse, kann ich verbessern: zu viel, zu häufig, zu süß, zu fett, zu unausgewogen, zu fleischlastig etc. – also irgendwie ungesund.

Bevor ich zu fasten begann, kann ich mich nicht erinnern, bewusst gehungert zu haben (ich meine damit nicht die paar Minuten bis zum Essen, sondern mehrere Stunden warten oder auch Warten bis zum nächsten Tag). Ich erinnere mich lediglich an zwei Erlebnisse, in denen ich bewusst gehungert hatte bzw. musste.

Das eine Mal fastete ich während des Ramadans. Ich dachte, als Student bekomme ich das hin. Doch ich dehydrierte ständig und bekam Kopfschmerzen. Während des Tages darf man beim Ramadan nämlich auch kein Wasser trinken. Das eine Mal hielt ich durch und beließ es dabei.

Beim zweiten Mal fastete ich, wenn man es überhaupt fasten nennen konnte, unfreiwillig. Campylobacter beglückte mich mit Durchfall. Es hatte sich als blinder Passagier mit meinem Essen aus einem Imbiss gepaart.

An jenen Tagen weigerte sich mein Körper, einen Schluck Wasser aufzunehmen und mit gnadenlosem Durchfall zu beantworten. So vergingen meine Tage mit teelöffelgroßen Schlückchen, dürren Salzstangen und der Angst, nichts in meinem Körper aufbewahren zu können. Während mein Körper nach Nahrung gierte, entledigte es sich von allem Irdischen abrupt und gnadenlos. Mein Körper führte Krieg gegen alles. Zwei Wochen lang konnte ich kein richtiges Essen zu mir nehmen, vor allem nichts Süßes!

Als ich dann eine kleine Tasse Tee mit Zucker trinken konnte, erlebte ich einen unbeschreiblichen köstlichen Moment, in dem meine Geschmacksknospen multiple Orgasmen feierten. Nie im Leben zuvor machte mich so etwas Einfaches so glücklich! Ich war so dankbar.

Als ich kürzlich wieder abends (also während des Zeitraums, in der ich nichts esse) vor dem prallgefüllten Regal eines Supermarktes stand und mir voller Freude ausmalte, was ich davon am nächsten Tag essen werde und mir der Speichel im Mund zusammenlief, überraschte ich mich mit dem Gedanken: Ich bin privilegiert!

Mit dem Intervallfasten denke ich häufiger an Hunger, an Essen, an hungernde Menschen und erinnere mich an diese beiden Episoden aus meinem Leben. Nichts dramatisches und eher Luxusproblem, also ein First World Problem, denn haben wir genug essen oder häufig auch zu viel davon. Denn jeder von uns kann nahezu jederzeit und überall in einen Laden gehen und sich nahezu alles kaufen, was er oder sie möchte. Ich zumindest kann es. Nichts schränkt mich wirklich ein. Welch ein Luxus!

***

Was würde passieren, wenn der namenlose Vater und der Junge sich plötzlich in einem dieser Supermärkte mit dem überwältigenden Essensangeboten wiederfinden würden?

Sie wären vielleicht im ersten Moment sprachlos und ein wenig skeptisch. Könnten ihr Glück vermutlich kaum fassen. Bis sie dann feststellen würden, dass sie sich kaum etwas davon leisten könnten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.