Einkaufen offline

Es gibt bestimmte Filmszenen, die vergisst man nicht so leicht, weil sie aus einem unbegreiflichen Grund sich in deinem Kopf verheddern und dort Unfug treiben. Dann, in einem unpassenden Moment, finden sie den Weg ins Freie, also in dein Leben, um sich dort über dich lustig zu machen. In meinem Fall bist du ich. Und die Szene, von der ich rede, handelt von Tyler Durden aus dem Film Fight Club (Amazon Werbelink).

Ich sehe Tyler Durden mit seinem verächtlichen Lächeln vor mir, wie er mir meine Hausaufgabe aufgibt. Doch anstatt zu sagen, beginne eine Schlägerei und verliere, sagt er: Gehe in einen Kaufladen, lasse dich zwei Stunden beraten und – jetzt schaut er mir direkt in die Augen – gehe wieder, ohne etwas zu kaufen!

Vielleicht liest du das ein wenig heraus, weil ich es so subtil andeute, quasi zwischen den Zeilen. Ich mag Einkäufe nicht. Ich mag keine Orte, wo ich mit »Kann ich Ihnen helfen?« angesprochen werde. Ich fühle mich dabei unwohl und unangenehm unter Druck gesetzt, sofort etwas zu kaufen oder einfach zu gehen. Woher dieses Gefühl stammt, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich ungern Nein sagen kann oder an Kindheitserfahrungen wie diesen.

Am liebsten würde ich neue Kleidung online bestellen, aber da gibt es ja dieses Offline-Ding, das sich Anprobieren nennt. Das muss ich beim allerersten Mal tun, wenn ich etwas Neues anprobiere. Dann kann ich die Ware auch online bestellen. Bei Schuhen, Socken, Hemden, Unterwäsche etc. geht das auch, aber bei einem neuen Anzug? Nein. Das lässt sich nicht vermeiden. Ich mag es trotzdem nicht (und vielleicht verstärkt das Offline-Kaufen mich in meinem negativen Gefühl, denn damit vermeide ich die Situation, aber das ist eine andere Geschichte).

Bei all dem Gejammer ging ich heute trotzdem in die Bielefelder Innenstadt. Und fand auf einer Ladenfläche von mehr als 400 qm keinen einzigen Verkäufer, der mich ansprach. Ich glaube, es gab einen, denn der hatte diese typische Bin-beschäftigt-bitte-nicht-ansprechen-Haltung. Also drohte keine Gefahr von ihm.

Wie es in solchen Momenten dann so ist, fand ich einen schicken anthrazit blauen Anzug, der mir gefiel und nahezu perfekt passte. Es scheint so, dass mein Körper obenrum die perfekten Maße besäße, aber untenrum ein wenig zu kurz geraten sei (nein, das ist keine unanständige Anspielung). Daher muss ich die Hose kürzen lassen (nein, auch das ist keine Anspielung und schon gar nicht auf etwas Religiöses wie Beschneidung).

Also musste ich wegen der Kürzungen den einzigen Mitarbeiter aufsuchen.

Der freundliche Verkäufer sagte, dass sie für das Kürzen eine externe Firma beauftragen würden, daher dauere dieser Service eine Woche.

Ok, sagte ich, und ein Gedanke nahm seinen Gang. Wenn ich anschließend den Anzug in die Reinigung gebe, man sollte nie neue Kleidung ungewaschen tragen, dann warte ich eine weitere Woche. Insgesamt werde ich also zwei Wochen nach Kauf darauf warten müssen, den Anzug tragen zu können. So spontan erinnere ich mich nicht, wann ich zuletzt so lange auf eine gekaufte Ware warten musste.

Es ist auch seltsam. Hätte ich den Anzug nicht heute gekauft, wäre es mir egal gewesen, dass ich zwei Wochen lang keinen neuen Anzug gehabt hätte. Und hätte ich den Anzug erst in zwei Wochen gekauft und sofort tragen können, hätte ich darüber auch keinen einzigen Gedanken verschwendet. Aber in dem Moment, wo ich es kaufte, wollte ich es sofort haben. Plötzlich war da ein Gefühl der Ungeduld.

Seitdem wir online sind, habe ich das Gefühl, wollen wir etwas immer sofort und können auf nichts mehr verzichten (oder war das immer schon so?). Jedes Bedürfnis muss sofort befriedigt werden und duldet keinen Aufschub. Wenn es uns zu lange dauert, dann schauen wir uns halt woanders um. Zuerst mit den Dingen, dann bei den Menschen.

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