Besser als mein Lehrer

Ein paar Gedanken von gestern hängen noch ein wenig lose an meinem Hinterkopf und flattern wild um mich herum, als wollten sie mich auf etwas aufmerksam machen. Ich glaube, das ist unvermeidbar, über das Leben eines anderen nachzudenken, um dann ins eigene zu stolpern. Gestern schrieb ich über Peter Scholze und darüber, was wir für uns (oder nur ich für mich) aus seiner Biographie mitnehmen können. Meine gesamte Beschreibung konzentrierte sich auf seine Ausdauer, seine Leidenschaft, seine Art, Dinge sich anzueignen – und dann fiel mir eine Episode aus meiner Schulzeit ein und das, was ich bei Peter Scholze zu betrachten vergessen hatte.

In der 9ten Klasse bekam ich Mathe-Differenzierung. Wofür dieser Unterricht sein sollte, daran erinnere ich mich nicht. Nur daran, dass der Mathelehrer sagte, wir wollen BASIC programmieren. Ich kann gar nicht beschreiben, wie groß meine Freude darüber war. Eines jener unglaublich seltenen und kaum auftretenden Momente, die höchsten alle tausend Jahre stattfinden, trat ein: Ich freute mich seit langem auf den Schulunterricht!

Ich hatte mich so sehr auf den Unterricht gefreut, dass es nur als vollkommene Enttäuschung enden konnte. Seitdem weiß ich, dass ich meine Erwartungen niemals so hochschrauben sollte, dass sie der Enttäuschung nahekommen.

Vorspiel

Meine Freude war nicht unbegründet. Mit 13 Jahren sah ich das erste Mal bewegte Pixel auf meinen eigenen Bildschirm als Spiel herumschwirren. Meine Freunde wollten das Spiel sofort spielen, ich jedoch wollte unbedingt ein Spiel programmieren können. Um Spiele zu schreiben, musste man Assembler programmieren können (Maschinencode). Da das jedoch am Anfang viel zu schwer sein würde, entschloss ich mit etwas Einfacherem zu beginnen und brachte mir BASIC bei.

Daher freute ich mich, dass ich in der Schule mehr über Programmierung, mehr über BASIC lernen würde.

Das Drama beginnt

Der Unterricht begann sehr seltsam. Unserer Lehrer verteilte merkwürdige Computer, die eher einem Taschenrechner glichen. Als ich das Ding einschaltete, stellte ich zu meiner Überraschung fest, das Display war monochrom!

Aber das sollte nicht der einzige Schock sein.

Nachdem wir uns alle mit dem Ding vertraut gemacht hatten, gingen wir endlich zur Programmierung über. Dazu nahm der Lehrer sich ein Buch, stellte sich an die Tafel und schrieb die Aufgabe auf, während er sie vorlas.

Würfle 100 Mal mit einem Spielwürfel und zähle, wie häufig die Würfelaugen 1 bis 6 geworfen werden.

Bevor die Kreide den Satz beenden konnte, hatte ich schon die Lösung.

Das konnte es doch nicht sein?! Ich wartete, dass der Mathelehrer etwas Weiteres dazu schreibt. Aber es kam nichts. Also begann ich.

Die Entzauberung

Fertig! Nach 2 Minuten hatte ich das BASIC Programm fertig geschrieben. Das Tippen auf einer so kleinen Tastatur war ich nicht gewohnt, daher brauchte so viel Zeit.

Mein Lehrer kam und schaute sich mein Programm an. Blätterte in seinem Buch. Schaute sich wieder mein Programm an. Das ging einige Male so hin und her. Das kam mir seltsam vor. Warum tat er das?

Plötzlich merkte ich, dass mein Lehrer keine Ahnung von Programmierung hatte. Und dann kam sie, eine tiefgreifende und nachhaltige Erkenntnis, die nach den Eltern die Lehrer vom unantastbaren Podest enthob und zu Sterblichen machte: ICH WAR BESSER als er!

Ich hatte wie jeder Schüler schon mitbekommen, dass es einige Lehrer gab, die nicht ganz richtig im Kopf waren, dennoch waren sie in ihrem Fach uns Schülern überlegen. Das war eine völlig neue Sicht auf etwas, das ich eigentlich nicht sehen wollte. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Das geht doch nicht! Lehrer wissen immer mehr als ihre Schüler und sind auch besser! Es war verstörend und beängstigend zugleich.

Das sieht richtig aus.

Ok, kann ich die nächste Aufgabe haben?

Es gibt keine andere Aufgabe für heute.

Aber, dachte ich mir und stand leicht unter Schock, der Unterricht hatte doch gerade erst begonnen. Was sollte ich den Rest der Stunde machen?

Dieses Drama wiederholte sich in jeder Stunde. Am Ende des Halbjahres entdeckte ich meinen nächsten Schock in diesem Fach: ich fand ein »gut« anstatt eines »sehr gut« als Note in meinem Zeugnis.

Die Abwendung

Als der Mathe-Differenzierung Unterricht wieder begann, fragte ich, warum ich so schlecht benotet worden bin, obwohl ich besser als alle anderen war und immer sofort und als erste die Aufgabe löste.

Weil, sagte er, du in dem Rest der Zeit nicht mehr dem Unterricht gefolgt bist.

Nicht dem Unterricht gefolgt? Welchem Unterricht? Was hätte ich verfolgen sollen? Ich hatte keine Aufgabe, und mein Lehrer beschäftigte sich nur noch mit den anderen Schülern, weil die die Aufgaben nicht lösen konnten. Ich wurde ignoriert. War abseits. Mir selbst überlassen.

Ich hatte meine Aufgaben immer so toll gelöst und wurde dafür links liegen gelassen, als würde ich bestraft werden. Zu allem Überfluss erzählten mir meine zwei Schulkameraden, die die Aufgaben gemeinsam immer erst am Ende der Stunde lösten und dann noch suboptimal, dass sie beide eine eins bekommen hätten. Sehr gut!

Bei diesem Lehrer lernte ich weder BASIC oder sonst irgendetwas zu programmieren. Völlig frustriert und demotiviert verweigerte ich mich dem Unterricht und bekam (glaube ich mich zu erinnern) eine schlechtere Note.

Statt mich zu fördern, mich zu motivieren erreichte dieser Lehrer das genaue Gegenteil.

Der Abschluss

In der Oberstufe, 2,5 Jahre später, hatten wir statt Mathe-Diff. Das Fach »Informatik« und bekamen glücklicherweise einen neuen Lehrer, der als einziger mehr als ich auf meinem Gebiet konnte und von dem ich einiges lernte. Ich beschloss, Informatik zu studieren. Mein Informatik-Studium beendete ich mit der Note »sehr gut«.

Epilog

Man sollte den Einfluss des Umfelds nicht unterschätzen bzw. vernachlässigen.

Peter Scholze bekam während seiner Schullaufbahn einige Lehrer, die ihn begleiteten, die ihn unterstützten und förderten. Geschadet hat es ihm nicht. q.e.d.