Auf der Suche nach der verlorenen Wartezeit der Patienten

Patient kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: geduldig warten im Wartezimmer.

Wusste ich auch nicht, obwohl ich Latein in der Schule hatte. Aber das ist der Unterschied zwischen Theorie in der Schule und der Praxis im Leben bzw. beim Arzt.

Was ich auch nicht wusste: Zu der Arztuntersuchung gehört ebenso das unabdingbare Ritual des Wartens. Quasi das Vorspiel. Ein kontemplativer Moment des Auf-sich-Besinnens und In-sich-Kehrens.

Es ist eine Art Meditation. Das wissen nur ganz wenige.

Ich meine, mein Arzt kennt mich besser als ich mich selbst. Er weiß, dass ich im Herzen gerne länger im Wartezimmer sitze, um mich zu entspannen. Stressiger Job und so. Daher bekomme ich häufig einen Termin weit vor meiner Behandlungszeit. Wenn ich all die anderen Patienten im Wartezimmer sehe, dann sehe ich, ich bin nicht alleine. Das ist gut zu wissen. Vermutlich auch eine versteckte Kapitalismuskritik.

Es ist eine Art Therapie. Das weiß eigentlich keiner.

Natürlich ich auch nicht. Vor allem als undankbarer Mensch weiß ich diese kleine Oase der Entspannung fernab allen Alltagsstresses nicht zu schätzen. Da ich nun so ein Mensch bin, führe ich wunderliche Diskussionen mit den Angestellten des Arztes. Die eine ging so.

»Hallo, ich möchte einen Termin für eine Blutuntersuchung.«
»Sind Sie krank?«
»Nein, ich mache das regelmäßig ein Mal pro Jahr.«

»Wie ist Ihr Name?«
»Civelek. Ich buchstabiere: Caesar-Ida-Viktor-Emil-Ludwig.«
»Wie ist Ihr Vorname?«
»H-a-k-a-n.«

»Hier steht, Sie sollten alle halbe Jahre eine Blutuntersuchung durchführen lassen.«
»Wirklich? Wieso?«
»Steht hier nicht. Müssen Sie Ihren Arzt fragen.«

Ich bin irritiert. Bin ich krank und weiß es nicht? Ich meine, ist man denn je gesund? Nur ein Kranker behauptet doch gesund zu sein!

»Erstaunlich, der Arzt sagte, meine Werte seien in Ordnung.«

»Wann können Sie denn?«
»Freitagmorgens.«

»Kommen Sie um 9 Uhr 25.«
»Ok, muss ich dann lange warten?«
»Eine halbe Stunde.«
»Warum sagen Sie nicht gleich«, ich denke nach und schmeiße eine ebenso lächerliche Zahl ein, »halb zehn?!«, dann fällt mir ein, was ich eigentlich sagen wollte: »Oder geben mir stattdessen die richtige Zeit an?«

Unsere Blicke treffen sich in dem Raum zwischen uns. Der Raum verkürzt sich. Ich sehe einzelne Partikel darin sich elektrostatisch aufladen und ein Schwarzes Loch entstehen, aber ich weiche nicht ihrem Blick.

»Dann kommen Sie halt nach 9 Uhr 30.«

»Was soll das denn jetzt?« Eben war ich noch irritiert, jetzt mehr beleidigt und ein wenig empört. Vielleicht ist sie es auch.

Irgendwie komme ich mir vor, als sei ich ein Blödmann, ein Problem, etwas Lästiges. Das mit dem Blödmann möchte ich auch nicht abstreiten, aber sollte mein Arzt nicht mir ein vertrauensvolles Gefühl geben? Ok, ich bin ungenau: Sollten die Mitarbeiter meines Arztes nicht ebenso vertrauensvoll gegenüber dem Patienten agieren?

Ja, ich weiß, ich bin ein wenig unfair, aber wir haben alle unsere Probleme und wenn sie kein Verständnis mir gegenüber aufbringt, warum sollte ich ihr gegenüber mich anders verhalten. Ich meine, ich kann einen halben Tag deswegen nicht arbeiten.

Ok, sie hat bestimmt Anweisung, die Termine so zu legen, dass das Patientenzimmer immer genug Nachschub bietet. Es wäre betriebswirtschaftlich fatal, wenn ein Arzt mal Leerlauf hätte. Außerdem kommen spontan Patienten, die nicht einkalkuliert sind, oder sie werden unerwartet gesund, ohne den Termin abzusagen. Trotzdem würde ich erwarten, dass eine Arztpraxis nach ein paar Jahren genug Erfahrung sammelt und die Termine besser organisiert bzw. die Spontanpatienten und Spontanheilungen in die Termine einpreist.

Sie schaut mich immer noch scharf an. Die macht keine Gefangenen. Am liebsten würde ich sie in ein Wartezimmer schicken und dort einfach mal warten lassen!

Das bringt mich auf eine Idee: Ich zitiere ein Dutzend Ärzte zu einem Diktat. Lasse sie dann in einem überfüllten Raum warten. Eine Stunde, zwei Stunden und vielleicht eine dritte Stunde. Anschließend müssen sie einen Aufsatz über die verlorene Zeit verfassen.

Was meine Blutabnahme betrifft, so befürchte ich, wird sie mit einem Pflock durch mein Herz durchgeführt werden. Spätestens, wenn jemand dies hier aus der Praxis liest.

Ich denke, dass alles nützt nichts, das Sich-Aufregen oder Schwarzsehen. Ich sollte mich auf die Wartezeit vorbereiten, um sie sinnvoll zu nutzen. Vielleicht mit einem Buch. Vielleicht mit einem Studium an der FernUni Hagen. Oder, ich lasse mir eine Pizza ins Wartezimmer liefern.

photo by pixabay

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