Lektionen in Demut

»Das Leben ist eine langanhaltende Lektion in Demut.«
Twitter

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Blick von der Terrasse des AdLib Clubs auf die Frankfurter Skyline mit untergehender Sonne. Beeindruckend. Man weiß nie, wohin der Blick in die Ferne führt. Manchmal so weit, dass man in sich selbst hineinblickt. Manchmal nur auf das Abbild auf dem Display seines Smartphones. (An dieser Stelle frage ich mich immer, was Max Frisch aus »Homo Faber« gemacht hätte, wenn er Menschen mit Smartphones erlebt hätte.)

Wir haben unser alljährliches Cluster-Event, diesmal in Frankfurt (das Cluster bündelt verschiedene Bereiche im Unternehmen). Und so, wie es üblich ist, feiert man gemeinsam, sich und alle anderen, als Dank für das Geleistete und als Motivation für die Zukunft. Wie üblich kommen vor der Feier die Vorträge.

Eines dieser Vorträge handelt von »Demut«. Ein Gastvortrag eines prominenten Mannes. Ein wichtiges Thema. Als der Name »Gandhi« in diesem Zusammenhang fällt, höre ich gespannt zu. Ich werde jedoch von den plakativen Sprüchen und den aufgepimpten PowerPoint-Folien abgeschreckt. Die Art und Form der Darstellung finde ich unangemessen für ein Wort wie »Demut«.

Vielleicht hat der Präsentator Vorgaben, die er in seine Präsentation einfließen lassen muss, oder er traut uns nicht viel zu. Egal, woran es lag, vielleicht hätte er selbst mutiger sein müssen (ironischerweise geht es beim Vortrag auch um Mut).

An mehr Details erinnere ich mich nicht. Würde mich jetzt jemand fragen, was Demut denn bedeute, ich müsste darüber nachdenken und Gefahr laufen, die Frage unbeantwortet zu lassen. Aber das Thema holte mich diese Woche wieder ein und erinnerte mich an mein Zitat auf Twitter über Demut am Anfang dieses Beitrags.

Donnerstag. Ray ruft mich an.

»Hakan!« Er lacht. Beim Lachen hört man keinen Akzent. »Ich hab dem X mein Kundennotebook übergeben.« Er lacht immer noch. Seltsam.

»Wieso?«

»Ich bin raus.«

»Ha, ha. Toller Witz.«

Ich glaube ihm kein Wort, wieso denn auch! Er ist seit zwei Wochen beim Kunden, bei dem ich auch bin. Allerdings arbeite ich jetzt zwei Jahre dort. Außerdem gibt es weit und breit niemanden, der geeigneter für die Aufgabe ist als er. Kaum einer verfügt über ein so fundiertes Know-how, was die SAP CRM Billing Integration mit dem SAP ERP Controlling betrifft. Daher darf er diesen Kunden parallel zu einem anderen Kunden beraten.

»Nein«, sagt er und seine Stimme wird ernst, »ich habe es eben von Y erfahren.« Der Kunde hatte also mit unserem Verantwortliche gesprochen und nicht direkt mit Reyhold.

»Schade.« Ich bin so überrascht, dass ich nicht weiß, was ich noch sagen kann. Verstehen tue ich es so wieso nicht.

Er nennt ein paar Gründe. Termine verschoben, weitere Kleinigkeiten. Es klingt so, als würde die parallele Arbeit für den anderen Kunden ein Problem darstellen. Er nimmt es mit Humor.

»Vielleicht tut es ja mal gut, aus einer hohen Flughöhe auch mal auf den Boden zu fallen.«

Das klingt fast schon tragisch wie bei Ikarus, der der Sonne zu nahe kam, und daher der Wachs, der seine selbstgebauten Flügeln zusammenhielt, schmolz.

Er macht eine Pause und dann fällt ihm etwas ein: »Demut!«

Nun lacht er wieder, eine Andeutung an den Vortrag in Frankfurt.

»Passiert halt«, sagt er, obwohl es ihm noch nie zuvor passiert ist.

Er klingt wie jemand, der sich nicht unnötig beklagt, der die Entscheidung des Kunden – unabhängig davon, ob er sie für richtig, falsch, fair, unfair oder was auch immer erachtet – akzeptiert, sich selbst nicht für so wichtig nimmt und nach vorne blickt, um sich neuen Themen zu stellen

Ich weiß genau, was er meint und in welcher Situation er sich befindet. Witziger weise kam ich vor zwei Jahren auf ein Projekt, dass Ray als Teilprojektleiter leitete. In der zweiten Woche flog ich raus, obwohl es niemand geeigneteren mit SAP CRM Service + Contact Center (IC) + UI Technologien + Performance-Optimierung als mich gab. Die Projektleitung wollte mich nicht (der Kunde schon).

Das überraschte mich, und irgendwie fühlte ich mich überrumpelt, da ich mich fest im Sattel sah. Ich hatte mir auch nichts zu Schulden kommen lassen – auch ich brauche schon mehr als zwei Wochen dafür. Aus meiner Sicht lag die Schuld woanders.

Als Kollegen und Vorgesetzte davon hörten, überraschte sie es ebenso. Es verärgerte meinen Vorgesetzten dermaßen, dass er, als sie nachher feststellten, dass ich der einzige Experte auf diesem Gebiet bin und mich brauchten, mich nicht freigab.

Aus heutiger Sicht hätte mir nichts Besseres passieren können, denn mit meinem jetzigen Kunden bin ich sehr zufrieden. Das andere Projekt ist »tot«. Daher kam Ray auch zu meinem Kunden. Man könnte es fast Karma nennen.

»Ich weiß, was du meinst! Du erinnerst dich an das andere Projekt, wo ich rausgekickt wurde?«

Wir lachen.

»Vielleicht wollte das Universum das Gleichgewicht wiederherstellen? Oder«, fuhr ich fort, »das Universum möchte uns sagen, dass wir niemals gemeinsam ein Projekt machen dürfen! Wie bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und seinem Vize, die niemals gemeinsam in einem Flugzeug fliegen dürfen.«

»Ich bin die Nummer 1 und du der Vize!«

Er lacht.

Demut darf man nicht unbedingt mit Bescheidenheit verwechseln.

»Mir egal, Hauptsache wir fliegen nicht zusammen!«

»Ok«, sagt er, »wir müssen irgendwann den Bann des Universums brechen und ein Projekt zusammen machen!«

»Du willst das Universum besiegen? Das klingt nach einer anderen Form des »Muts« –  Hochmut!«

Wir beenden das Telefonat mit einem gemeinsamen Lachen.