Auf der Heimfahrt

An beiden Rändern der Berliner Straße reihen sich Bäume zu einer schönen Allee auf. Dazwischen stehlen sich Sonnenstrahlen hindurch und bilden auf der Straße kleine Pfützen aus Licht. Ich bin auf der Heimfahrt von Gütersloh in Richtung Bielefeld-Brackwede als ich zwischen diesen versprengten Lichtern eine Frau mit Kinderwagen und einem Grundschuldkind sehe. Sie steht dort auf der Gegenseite mitten im Nichts wie angewurzelt und wartet auf eine Gelegenheit, die Straße zu überqueren. Die Straße, auf der 70km/h gefahren wird und auf der zu diesem Zeitpunkt starker Feierabendverkehr herrscht.

Wieso, frage ich mich, geht sie nicht die paar Meter weiter hoch, um dort über die Ampel sicher die Straße mit ihren Kindern zu überqueren. Sie ist keine 50 Meter von der Kreuzung entfernt. Ich schaue nach vorne und sehe zu viele Autos verteilt entlang der Straße, als dass sie eine Lücke finden könnte, um hinüber zu gehen.

Wieso geht sie überhaupt das Risiko ein, vor allem mit ihren Kindern? Die Ampel müsste auf Rot umschalten und dann ein Stau bis zu ihr sich bilden, damit sie und ihre Kinder eine Chance hätten, sicher über die Straße zu kommen.

Warum geht sie die paar Meter nicht einfach bis zur Kreuzung weiter? Ich verstehe sie immer noch nicht. Dann kommt mir eine andere Frage in den Sinn, die vielleicht auch schon die Antwort auf meine eigene Frage sein könnte: Wie lange steht sie schon dort, und wie lange wird sie dort noch stehen bleiben?

Während sie immer kleiner in meinem Rückspiegel wird, denke ich mir, dass sie vielleicht einen Moment zu lange dort gewartet hat und sich bewusst oder unbewusst sagt: Jetzt bleibe ich hier, solange bis die Straße frei wird.

Das wird sie bestimmt irgendwann. Es scheint, dass sie sich aus einer Laune heraus in eine Situation hinein manövriert hat, aus der sie nicht so einfach heraus kommt. Aus einem Verharren wird plötzlich ein unveränderliches Darauf-Beharren. Das Verrückte an der Sache ist, die Frau könnte jederzeit sich umentscheiden und niemand bekäme es mit.

Man erkennt den Mist, den man selbst verzapft, am besten an anderen. Ich kenne das von mir, mich in Situation verfahren und trotzdem weitermachen, als gäbe es kein Zurück. Dieses Sich-Festfahren funktioniert nicht nur gut auf der Straße, sondern viel besser im Kopf, denn dort sieht es niemand, nicht mal man selbst.

So entdeckte ich mich verzweifelt und verärgert in Situationen, bei denen ich mich fragte, was der Blödsinn sollte. Irgendwo war ein Wiederstand, der sagte, nein, du kannst das nicht ändern, das muss so bleiben und du weitermachen.

Ebenso gut funktioniert es natürlich, wenn ein anderer Mensch einen auf etwas Bestimmtes hinweist. Berühmt sind dafür Situationen im Haushalt zwischen Mann und Frau, bei denen die Frau – zu Recht! – sagt, mach das doch so. Dann macht man das nicht so, vor allem nicht, solange die Dame zuschaut.

Seitdem ich diese Haltung bei mir entdeckt habe, gelingt es mir immer mehr, solche Situationen besser zu erkennen und mich daraus herauszulösen.

Übrigens: Weiß ist nur eine Projektionsfläche für schwarz.