Gehirne, die ohne Körper weiterleben


Das, was vom freundlichen Professor Simon Wright in der Serie Captain Future übrig blieb, war nur sein Gehirn. Als der alte Wissenschaftler todkrank wurde, rettete ihn sein Freund, indem er sein Gehirn von seinem Körper trennte. Das Gehirn überlebte, und Captain Future baute Prof. Simon Wright einen Spezialbehälter, das Fliegen, Sehen, Sprechen und sich verteidigen konnte.

Ich musste sofort an ihn denken, als ich heute einen Artikel im Spiegel-Online las (ebenso an das Einmachglas mit dem Kopf von Nixon bei Futurama, aber das passt nicht so ganz).

Was so geistreich und witzig in einer Comic-Serie war, nimmt einen anderen Charakter in der Realität an. Denn Neurowissenschaftlern an der amerikanischen Yale Universität ist es erstmals gelungen, Gehirne von Schweinen ohne Körper 36 Stunden am Leben zu halten. Diese Nachricht des außerkörperlichen Lebens klingt eher nach schauriger Science-Fiction- oder mehr nach einem Horrorfilm.

Lebendig begraben! war eher der Gedanke, der in meinem Kopf aufschreckte, denn etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Ein Gehirn, das weder sieht, noch hört, noch riecht oder irgendetwas fühlt – außer Angst. Denn es befindet sich in völliger Dunkelheit und Isolation. Das Gehirn weiß nicht, dass es körperlos ist und niemand kann es ihm sagen!

Ich las weiter.

Die EEG Messungen an den Gehirnen der Schweine zeigten keine Aktivitäten, die auf ein Wachsein hindeuteten:

»Zwar versichert Sestan, dass sich in den von ihm konservierten Schweinegehirnen keinerlei Bewusstsein mehr regte. Er und seine Mitarbeiter brachten Elektroden auf der Oberfläche der Organe an und leiteten damit ein Elektroenzephalogramm ab. Die EEG-Linie des enthaupteten Schweins erwies sich als flach wie die eines tief-komatösen Patienten. Keine der für den Wachzustand charakteristischen Schwingungen war zu sehen.«
(Quelle: Spiegel-Online, Stand 01.04.2018)

Das beruhigte mich nicht wirklich. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Gehirne ohne Körper auch in einen bewussten Zustand versetzt und darin gehalten werden können.

Irgendwann werden irgendwelche Wissenschaftler dieses Verfahren anwenden, um bei anderen Lebewesen die Gehirne am Leben zu halten bis sie letztlich beim Mensch ankommen. Und dann geht etwas los, was heute niemand absehen oder benennen kann.

Zuerst werden es die todkranken Menschen sein, die nichts mehr zu verlieren haben.

Dann werden sich die Wissenschaftler überlegen müssen, wie sie mit dem Gehirn ohne Körper kommunizieren können. Irgendwann werden sie eine Schnittstelle (Interface) zum Gehirn bauen. Dieses Interface wird vermutlich mit einem Computer kommunizieren und das Gehirn in eine wunderbare, bizarre Welt werfen.

Und je mehr Menschen ohne Gehirne in dieser Welt überleben, desto besser werden die Verfahren und desto länger werden diese Gehirne am Leben gehalten. Und vielleicht werden diese Gehirne länger leben als die Gehirne mit Körpern, weil die Wissenschaftler für optimale Versorgung des Gehirns sorgen.

Haben wir dann ein Gehirn, das nie altert? Und das nie an Hirnschlag, Alzheimer oder was auch immer leiden kann.

Spätestens, wenn das Gehirn in dieser Welt funktioniert, werden auch andere Menschen aufbegehren. Menschen, die vielleicht von ihrem Körper geplagt, gehandicapt oder auch nur ehrgeizig sind und Geld haben.

Der Spiegel-Artikel endet damit, dass der technische Fortschritt eine erneute Revision des Todesbegriffs erforderlich mache. Das ist eine sehr bescheidene Forderung, betrachtet man, welchen dramatischen Eindruck und Auswirkungen ein körperloses Gehirn auf eine Gesellschaft (und vielleicht auf den Glauben – kann ein Geist ohne Körper eine Religion ausüben?) haben kann.

Faszinierend und grauenvoll zugleich.

photo by jesse orrico on Unsplash

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