Angst, die Aufmerksamkeit erzeugt, die Angst erzeugt, die Aufmerksamkeit erzeugt…

Das Leben ist Asymmetrie. Ich erinnere mich diesen oder einen ähnlichen Satz von Thomas Mann gelesen zu haben. Stiglitz hätte ein »ebenso Informationen« hinzugefügt. Der Satz faszinierte mich sofort, denn es drückt für mich einen fortwährenden Kampf gegen das Gleichgewicht aus. Gleichgewicht bedeutet Stillstand und somit Tod.

Es gibt aber auch schlechte Formen des Ungleichgewichts, wie die der Verteilung des Vermögens oder eines, das von den bestimmten Akteuren wie ein Hamsterrad immer wieder am Laufen gehalten wird. Manchmal ungewollt und manchmal gewollt.

Ein simples Beispiel aus meinem Alltag. Ich dusche häufig zur Freude meiner Mitmenschen. Beim Duschen benutze ich Duschgel. Das häufige Duschen und Duschgel führen zu einer Austrocknung meiner Haut. Daher creme ich mich nach dem Duschen ein. Dadurch täusche ich meinem Körper vor, dass es »fettig« genug ist, und mein Körper reduziert die Produktion von Hautfett, was wiederum zu einer trockeneren Haut führt, die wiederum mehr Cremes erfordert. Eigentlich ein tolles Geschäft für die Creme & Body-Lotion Unternehmen.

Das Beispiel klingt vielleicht übertrieben und selbstverschuldet, aber das Prinzip dahinter ist universell.

Ein anderes Beispiel. Pestizide. Die Anwendung in der Landwirtschaft führt zur Resistenz der bekämpften Schädlinge. Daher muss die Dosis des Pestizids erhöht oder ein stärkeres Pestizid eingesetzt, das sich sofort auf die Schädlinge auswirkt. Irgendwann kann kein Bauer mehr ohne Pestizide etwas ernten.

Das Prinzip gilt genauso für multiresistente Keime, die durch Antibiotikaeinsatz überleben und weitere Antibiotikabehandlungen erfordern. Im Prinzip sind das Trainingsprogramme, um die aggressivsten und gefährlichsten Keime oder Schädlinge zu züchten, die so in der Natur nie vorkommen würden. Es ist ein Wettrennen, in dem es nur Verlierer zu geben scheint.

Es geht weiter. Anderes Thema, gleiches Prinzip. Man exportiert Waffen an Länder, die damit Krieg führen. Dies führt dort zur Destabilisierung und Gegenwehr, die dann weiteren Einsatz von Waffen und anderen Mitteln zur Folge hat. Man braucht bessere, teurere und vor allem viel mehr Waffen, die noch mehr Schaden anrichten.

Diese führen, wie sich das jeder denken kann, zu weiteren Destabilisierungen und noch mehr Gegenwehr. Das instabile System produziert weitere Bewegungen, die größere Kreise ziehen: Flüchtlinge. Die Flüchtlinge flüchten meistens in Länder, in den es keine Kriege gibt und wo sie sich ein besseres Leben erhoffen. Europa scheint voll davon. Und obwohl der Krieg weit entfernt von Europa zu sein scheint, schwappt die Bedrohung ins eigene Land über.

Plötzlich wird die Berichterstattung über den Krieg und die Kriegsflüchtlinge anders wahrgenommen. Man ist betroffener als angenommen.

Man stellt fest, dass diese Themen für hohe Aufmerksamkeit in Form von Einschaltquoten oder mehr Leser, mehr Klicks etc. sorgen. Also erhöht man die Berichterstattung und ungewollt(?) die Bedrohung. Mit jedem neuen Bericht lernen die Zuschauer, wovor sie Angst haben müssen und konsumieren immer mehr dieser »Informationen«. Eine Angst, die nach Nahrung sucht. Ein Angst, die sich vom eigentlichen Kern weit entfernt. Eigentlich wollte das niemand, nur die bekannten Verdächtigen.

Jeden Tag hören und vor allem sehen wir bestimmte Verkettungen von Informationen, Ereignissen und Menschen: Krieg, Flüchtlinge und <füge hier ein Wort deiner Wahl ein>. Das sind keine positiv besetzten Bilder (und spontan fallen mir auch keine ein). Wie dem auch sei. Diese sich ständig wiederholenden Bilder erzeugen Vorstellungen und damit vielleicht Vorurteile oder Sorgen oder schüren auch Ängste – vielleicht berechtigt oder auch übertrieben.

Aber das ist an sich egal, denn »alle« profitieren dadurch: der Export, die Politiker, die Medien etc. und sogar ich, wenn ich hierdurch mehr Klicks bekomme.

Solange der Mensch sich um seinen Arbeitsplatz oder Zukunft sorgt, bleibt er selbst ein Getriebener. Und vielleicht denkt er, er würde nur die Wahrheit ans Licht bringen. Aber das ist so eine Sache mit der Wahrheit, denn woher habe ich sie? Wenn ich jeden Tag Berichte über kriminelle Clowns sehen würde, nähme ich fälschlicherweise an, dass alle Clowns kriminell seien.

Heutzutage funktioniert das viel einfacher: Man schaut nur die Sendungen an oder ruft sich im Internet nur die Seiten ab, die die eigene Meinung festigen (Confirmation Bias). Oder Facebook »lernt«, dass dich »Clowns« und »Kriminalität« interessieren, also wird ein ähnlicher Artikel in deiner Timeline vorgeschlagen.

»Angst ist ein sehr großes Geschäft«, schreibt Frank Stauss und führt in seinem lesenswerten Artikel weiter aus:

»Wir sollten wissen, dass wir Angst haben sollen. Wir sollen Angst haben, weil es ein sehr großes Business ist. Für Parteien, für Konzerne, für die Klickraten in Redaktionen, für die Titelseiten von Tageszeitungen, für die Einschaltquoten von Talkshows, für den Verkauf von Sicherheits- und Selbstschutztechniken, für Werbetreibende und viele andere. Wir werden instrumentalisiert und manipuliert, um mehr Angst zu haben, nicht weniger.«
(Quelle: Frank-Stauss.de, Stand 11.05.18)

Wenn Angst ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist, dann muss man natürlich dafür sorgen, dass sie ständig präsent ist, indem man zur Not selbst für Nachschub sorgt.

Natürlich muss man dabei auch darauf achten, dass beim Publikum keine Gewöhnung auftritt. Ein Mittel dagegen ist die Erhöhung der Dosis, in dem man immer von neueren und schrecklicheren Gefahren berichtet.

Gleichgewicht bedeutet Tod, schrieb ich eingangs. Ein Gleichgewicht kann ebenso gut kippen. Ein Mensch, der von Angst getrieben wird, wird niemals eine gute Lösung für alle finden.

photo by AK¥N Cakiner
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