Die Banalisierung der Blöden oder »Einfach krank!«

Der Winter ist plötzlich dem April gewichen und treibt seltsame Blüten. Es raschelt im Gebüsch. Ein Echo hallt dumpf durch den Blätterwald nach und verbreitet Empörungswellen. Das Gansta-Rapper-Duo Kollegah und Farid Bang vollbrachte das schäbige Kunststück, den Körper der Holocaust-Opfer auf ein banales Fitness Attribut zu reduzieren (der Link führt zum gesamten Text des Lieds »0815«, den man gelesen haben sollte), um sich selbst groß hervor zu tun.

Seitdem schlägt das Ereignis Wellen. Sorgt für Proteststürme. Spült täglich irgendwelche Meldungen von Künstlern, die kritisieren, und manche gaben sogar ihre Echos zurück. Noch nie habe ich mich so viel mit einem Preis beschäftigt, der mich so wenig interessierte.

Bevor ich missverstanden werde: Der Vergleich war abgeschmackt. Die Proteste und die Distanzierung der Künstler und der Medien richtig und wichtig – nur stelle ich mir die Frage: Was hat es gebracht?

Wird irgendein Fan von Kollegah oder Farid Bang deren Alben in Zukunft nicht mehr kaufen? Und wer von diesen Fans interessiert sich für Marius Müller Westernhagen oder Campino oder Helene Fischer?

Denken die Fans nicht eher, wer sind all diese alten Knacker, die da »von oben« gegen »uns« sind? Werden sie nicht vielmehr in ihrem Denken bestätigt? Erreicht man nicht mit allem eher das Gegenteil?

War das vielleicht nicht eher eine sehr gute Werbung und Blaupause für andere zur Nachahmung?

Und vor allem: War das nicht alles absehbar? Wieso boykottierte niemand die Echo-Verleihung? Wieso lehnte niemand den Preis auf der Verleihung ab? Wieso alles im Nachhinein? Und wieso suchte man nicht vorab den Dialog mit dem Rapper Duo?

»Wäre es [nicht] viel klüger, eine Debatte mit sogenannten „Influencern“ wie Kollegah und Farid Bang zu führen, statt von oben herab mit erhobenem Zeigefinger auf sie einzuprügeln«, schreibt die Welt. Das Zitat stammt aus dem Artikel »Die Kollegah-Debatte muss endlich fair geführt werden!« (Quelle: Welt.de, Stand 22.04.2018), das überzeugendste, was ich bisher über dieses Thema gelesen habe.

Übrigens führte diese Debatte der Lehrer Jörg Heeb mit seinen Schülern, in dem er das Bild eines Bodybuilders links neben dem Bild eines Auschwitzinsassen projizierte.

Dann trat etwas ein. Betretenes Schweigen. »Einfach krank«, sagte eine Schülerin, und ein anderer formulierte diesen eindrucksvollen Satz:

»Der Bodybuilder quält sich freiwillig für seinen Körper. Der Mann aus Auschwitz sieht so aus, weil er von anderen gequält wurde. Außerdem hat der überhaupt keine Muskeln mehr. Der stirbt sicher bald!« (Quelle : Facebookseite von J. Heeb, Stand 22.04.2018)

Das Bild der coolen Rapper und des Bodybuilder dominiert in den Köpfen der meisten Fans und überlagert negative Bilder. Worte bzw. Kritik verändert dann nur wenig. Sie drängen sie sogar weiter auf die Seite der Rapper.

Der Lehrer brachte seine Schüler zum Denken, ohne zu bewerten oder abzuwerten. So vermied er den Reflex der »Selbstverteidigung«. Das Umdenken begann selbstständig und freiwillig in den Köpfen der Jugendlichen und wird unter diesem Eindruck nachhaltiger sein als alles andere.

Was wäre gewesen, wenn jemand diese beiden Bilder auf dem Echo präsentiert hätte…

25.04.18 Eilmeldung!!!

The Gang Bang hat den Echo gekillt (ist das korrekter Slang?)! Der Spiegel meldet, dass der Musikpreis Echo komplett abgeschafft werden soll. Damit gebührt den beiden ewiger Ruhm – wobei, ein Preis, der durch die beiden so einfach »zu Fall« (nichts persönliches Bro) gebracht werden, kann kein festes Fundament gehabt haben.

Dieser Artikel löscht sich in 5, 4, 3, … Sekunden.

photo by Olenka Kotyk

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