Borderline

In meinen wildesten Herbstträumen entblättern sich Menschen wie Bäume. Zurückspulen in der Zeit um einige Jahre… Abends an einem kalten Freitag. Die Sonne hat den Tag auf dieser Seite der Scheibe verlassen. Die Nacht wagt sich hinaus, während ich mit aufgedrehter Heizung alleine im Wohnzimmer sitze. Es ist trotzdem kalt. Das Telefon klingelt und ein kleiner Ruck geht durch meinen Körper – sie ist es nicht.

Mein Körper sackt wieder in sich zusammen. Es ist Lena. Enttäuschung. Irgendwie absurd, denn Lena mit ihren wunderschönen blauen Augen bleibt ein ferner Traum. Sie sitzt irgendwo in Berlin, und wir sind uns nie begegnet. Ich wollte, aber sie nicht. War ihr zu weit. Wieder so eine Erfolgsgeschichte. Scheint ein vertrautes Muster in meinem Leben zu sein.

So schön sie auch ist, meine Gedanken kreisen aber um eine andere. Warum ruft sie mich nicht an? Machen mich ganz wirr und schwindelig. Geht sie heute Abend nicht aus? Warten ist die größte Folter. Und nichts zu tun auch. Lieber etwas falsch machen und sie anrufen, als gar nichts. Mit wem trifft sie sich? Dann hätte ich Gewissheit und die Fragen würden verschwinden. Bestimmt mit einem anderen Typen!

Eine endlose Kaskade von Fragen ohne Antworten – eigentlich will ich die Antworten auf meine Fragen nicht hören, denn ich kenne sie, will sie nur nicht wahrhaben. Und ich weiß, dass die Antworten – da mache ich mir nichts vor – die alten durch neue ersetzen. Mein Kopf befindet sich in einer Endlosschleife, aus der ich alleine an diesem Tag nicht mehr herauskomme – denke ich, aber es kommt anders.

»Sie hat sich noch nicht gemeldet, richtig?«

Ich höre das hoffnungsvolle noch in ihrer Frage aufflackern. »Nein. Ich meine… ja, keine Nachricht von ihr.«

Dann reden wir. Mehr ich als sie. Mehrere Stunden bis tief in die Nacht. Ich bin so sehr mit dem Erzählen über sie beschäftigt, dass ich sie vergesse. Lenas Art, Gespräche zu führen, ist einzigartig. Als ich das ihr gegenüber erwähne, lacht sie. Sie hätte als angehende Psychologin gelernt, Menschen zuzuhören. Dann lacht sie wieder und fügt schnell ein triumphierendes »…und zu analysieren« hinzu.

Ich muss auch lachen. Mit einem Lachen habe ich an diesem Tag am wenigsten gerechnet. Ich erinnere mich, wie sie noch während ihres letzten Semesters von ihrem Psychologiestudium erzählte. Ich erwischte sie abreisebereit auf ihren Koffern. »Ich habe einen Knacks«, sagte sie nicht ganz ernst. »Den habe ich von meiner Mutter.« Und das klang dann doch ein wenig ernster. Die übrigens eine Psychotherapeutin mit Praxis sei. Wow, Sigmund Freud hätte sich an dieser kleinen, gestört klingenden Geschichte herzlich erfreut.

»Borderline!«

»Äh,… was?« Sie unterbricht mich so abrupt, dass ich für einen Moment verwirrt bin wie jemand, der gerade aus seinem Schlaf aufgeweckt wurde.

»Das, was du erzählst, klingt nach Borderline. Sie sucht immer wieder deine Nähe, und wenn sie die hat, dann stößt sie dich wieder ab.« Lena macht eine kurze Pause. Ich bin irritiert. Warum war mir das selbst nicht aufgefallen?!

»So fügt sie sich selbst Leid zu.« Wieder eine Pause.

»Daraufhin meldest du dich nicht mehr bei ihr und das bestätigt ihr, dass du nur oberflächlich, sexuell an ihr interessiert bist.«

»Sie,… sie bringt sich selbst in eine Situation, die sie selbst herbeiführt hat und die dann genauso passiert, wie sie will?« Das Karussell in meinem Kopf scheint sich schneller oder in eine andere Richtung zu drehen. »Damit kontrolliert sie doch die Situation und durchlebt genau das, was sie will, oder?«

»Ja und nein. Menschen, die an Borderline leiden, haben häufig große Angst vor dem Alleinsein.«

»Das klingt nach einem Problem mit Nähe und Distanz.«

In den 90er Jahren las ich zwei Bücher von Wolfgang Schmidbauer: »Die Angst vor Nähe« (Amazon Werbelink) und »Hilflose Helfer: Über die seelische Problematik der helfenden Berufe« (Amazon Werbelink). Erinnerungsstücke erscheinen daraus und scheinen wie kleine Puzzle das große Rätsel um Bahars (jetzt habe ich ihren Namen doch erwähnt) Verhalten, das mich immer irritierte – ich wurde nie schlau aus ihr – greifbarer zu machen.

Sie fügt sich selbst Schmerzen hinzu. Dann ein Klick im Kopf. Nein, ich habe keine Verletzungen an ihrem Körper gesehen. Mehr weiß ich zu dem Zeitpunkt über Borderline nicht. Vielleicht, frage ich mich, ist eine Ferndiagnose am Telefon über eine andere Person doch nicht das Wahre, aber das sage ich Lena nicht…

Es war weit nach Mitternacht gewesen und draußen herrschte Stille als wir damals auflegten. In der Ferne hörte ich ein paar Besoffene schiefe Lieder herumgrölen. Ich erinnere mich genau an den Abend. Gedämpftes Licht. Ein leichtes Flackern des Fernsehers im Hintergrund. Achtlos dahingeworfene Bücher und Klamotten überall, wo noch Platz im Wohnzimmer war. Essensreste in Tellern. Offene Schokoladentafeln – dass sich darin noch Schokolade fand, grenzt an ein Wunder.

In einem Chaos eine gewisse Ordnung zu erkennen, das dem Ganzen einen Sinn gab, tröstete mich in diesem Augenblick. Schon wieder flackerte etwas wie Hoffnung auf.

Aber dann trafen weitere Fetzen aus dem Gelesenen in mein Bewusstsein auf: Es gehörten immer zwei zu einem Paar! Wie also passte ich in ihr Muster? War ich auf meine Weise gestört? Vermied Nähe, indem ich mich auf Frauen wie Bahar einließ?

Das Karussell drehte sich an jenem Abend in eine weitere Richtung, die mir ein wenig Unbehagen bereitete. Ich wollte mehr über Bahar erfahren. Aber plötzlich dachte ich nicht mehr über sie nach, sondern über mich – und das gefiel mir ganz und gar nicht.

Ich sah Bahar lange nicht mehr. Nach ein paar Jahren lief sie mir dann doch über den Weg.

photo by Gabriel Matula on Unsplash

Bücher & Links

Bei den nachfolgenden Links handelt es sich um Werbe-/Affiliate Links. Solltest Du über diesen Link etwas kaufen, dann bekomme ich dafür eine Provision, ohne das es Dich einen Cent mehr kostet.

Schmidbauer - Die Angst vor Nähe
Angst vor Nähe
Wolfgang Schmidbauer
»Die Angst vor Nähe«
(Amazon Werbelink)

Leseprobe:

»Viele Menschen, die unter einem Mangel an Nähe leiden, sind überzeugt, daß ihnen etwas fehlt, um beziehungsfähig zu sein. Sie wollen die Fähigkeit zur Partnerschaft erwerben, in Kursen, durch Bücher, durch Selbsterfahrungsgruppen oder durch Psychotherapie. Ich will hier eine andere Richtung zeigen. Einsame, Verlassene tun ständig etwas gegen Kontakt und Nähe. Oft ist ihnen das nicht bewußt. Freilich werden Menschen, die unter dem Mangel an Nähe leiden, von der Analyse seiner Ursachen nicht satt. Aber möglicherweise gewinnen sie mehr Mut zu ihren eigenen Gefühlen, zu einer Empörung gegen eine Welt, die mit ihrem Verlangen nach ungehemmtem Leistungswachstum ihre eigenen Schonräume zerstört.«

Schmidbauer - Hilflose Helfer
Hilflose Helfer
Wolfgang Schmidbauer
»Hilflose Helfer: Über die seelische Problematik der helfenden Berufe«
(Amazon Werbelink)

Textauszug aus Amazon:

»Die Hilflosigkeit von Helfern entspringt ihrem überstrengen altruistischen Ideal der sozialen Hilfe. Was rigide Ideale im Leben des einzelnen und im Zusammenleben von Gruppen und Völkern anrichten können, ist das Thema dieses erfolgreichen Klassikers«

3 Gedanken zu “Borderline

    Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

    Reposts