Ausdauer oder Der Schlüssel zum Erfolg

Ausdauer ist ein Wort, das ich häufig mit Sport assoziiere. Kondition ist ein anderes Wort dafür, über dessen fehlende Existenz bei mir ich mich häufiger beschwert habe.

Ich bin heute bei strahlendem Sonnenschein und klarer Luft laufen gegangen. Wieder war ich nicht sehr erfolgreich. Denn ich habe die Eigenart, immer zu schnell zu laufen, vor allem, wenn Menschen vor mir auftauchen. Dann möchte ich sie überholen. Ist es Ungeduld oder ein innerer Ansporn? Was es auch ist, diese kurzen »Sprints« vermasseln mir meinen ganzen Lauf.

Dabei weiß ich es besser. Gestern hielt ich sogar meiner kleinen Schwester einen kleinen Vortrag darüber, über das Leben.

Vorspiel

»Viele Menschen machen den Fehler, zu schnell zu viel zu wollen und verausgaben sich sofort. Dann verlieren sie die Lust.« Dann fuhr ich fort: »Nimm dir jeden Tag ein bisschen Stoff vor und arbeite es durch. Ok?«

Sie nickte. Wissen tut sie es wie jeder, der lernen muss, aber nicht will. Also wie ich.

»Vieles im Leben gleicht einem Marathon«, sagte ich bedeutungsschwanger, »doch viele von uns wollen es durch einen Sprint abkürzen und schnell hinter sich bringen.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie überzeugt habe. Es muss diesen »Klick« im Kopf auslösen. »Du musst einfach nur geduldig sein und durchhalten, das ist das Geheimnis«, sagte ich abschließend.

Ja, ich bin altersweise sofern es die Probleme der anderen betrifft. So abgedroschen es klingen mag, aber dieses Durchhalten übte schon immer einen besonderen Reiz auf mich aus, und ich glaube fest daran.

Ich wusste schon früh, dass ich kein Genie bin, und viele meiner Mitschüler fand ich damals in der Schule klüger als mich. Aber es gab zwei Dinge, die ich früh herausfand: Verleitet von schnellen Erfolgen ohne große Mühen fehlte einigen von ihnen Durchhaltevermögen. Sie verloren schnell das Interesse.

Das andere betraf mich und war eine Fortführung meiner ersten Erkenntnis: Wenn ich lang genug an einer Sache dranbleiben würde, dann werde ich die meisten von ihnen irgendwann einholen und überholen. Nicht alle. Das reichte mir.

Hier war wieder dieser Wettbewerbsgedanke. Das sich messen und vergleichen wollen mit anderen. Wenn ich laufe, scheint es irgendwo in meinem Körper nachzuhallen. Ein Echo aus der Vergangenheit, das mich immer wieder einholt, auch wenn ich nicht davor weglaufe.

Den Vergleich mit anderen habe ich schon länger verworfen. Ich fand heraus, dass ich dadurch andere über- und mich unterbewertet hatte.

Und immer, wenn ein Rückfall droht, denke ich an dieses Bild vom langen Lauf. Und, dass ich einfach an der Sache dranbleiben muss, also einfach durchhalten. Und dann tauchen diese beiden Geschichten auf, über die ich immer schreiben wollte, weil ich glaube, dass sich darin eine tiefe Wahrheit verbirgt. Klingt kitschig, doch wäre es nicht so, dann würden diese beiden Geschichten nicht fortwährend in meinem Bewusstsein auftauchen und mich erinnern.

Die erste Geschichte hat vordergründig mit Laufen und Ausdauer zu tun, während die Zweite sich im Kopf abspielt.

Die unerbittliche Verfolgung eines Ziels

Henning war keine Sportskanone, im Gegenteil! Im Sport wurde er als einer der Letzten gewählt, während ich am anderen Ende zu den Ersten gehörte. Wenn wir aber in der Unterstufe während der Pause Fangen spielten, dann war er ein unerbittlicher und unangenehmer »Jäger«, der immer gewann. Er verfolgte eine sehr einfache und überaus erfolgreiche Strategie, die für uns als die Gejagten zermürbend war.

Immer, wenn er mit dem Fangen an der Reihe war, dann suchte er sich einen von uns aus und hörte einfach nicht auf, ihn oder sie zu verfolgen, bis er erfolgreich war. Er ließ sich von nichts und niemanden davon ablenken. Schnell lernten wir, dass wir keine Chance hatten, ihm zu entkommen. Daher ergaben sich die meisten von uns und ließen sich schnell fangen.

Noch erstaunlicher als seine überwältigende Taktik fand ich die Tatsache, dass niemand von uns sie nachahmte, obwohl wir alle sie sofort begriffen hatten. Wir alle waren zu bequem und ein wenig träge. Natürlich wollten wir auch unseren Spaß an dem Spiel nicht verlieren.

Man brauchte eigentlich nicht viel, um erfolgreich zu sein. Nichts Außergewöhnliches oder Neues, das nie dagewesen wäre. Im Prinzip kann man erfolgreiche Menschen kopieren, um selbst erfolgreich zu sein, weil es zu wenige Kopien gibt.

Heute noch verblüfft mich Hennings Lauf, seine Art, sich auf ein Ziel zu konzentrieren und zu verfolgen.

Was trieb Henning an? Warum wechselten wir im Gegensatz zu ihm schnell unsere »Ziele«, um irgendwann zufällig jemanden zu fangen? Ich glaube, die nächste Geschichte könnte zu einer Antwort beitragen.

Die Suche nach der Lösung

Es gab eine Zeit, in der Schließfächer beim Fitness-Studio noch mit nummerierten Schlüsseln geöffnet und geschlossen wurden.

Ich stand vor so einem Schließfach mit einem Schlüssel in der Hand. Das einzig offene war mein vor Erstaunen geöffneter Mund. Ich bekam das Schloss nicht auf. Zwei Mal hatte ich es versucht. Beim ersten Mal sucht man die Schuld bei sich. Beim nächsten Mal bei den anderen.

Das ist der falsche Schlüssel, kombinierte ich blitzschnell und wollte schon zum Trainer, um mir den richtigen Schlüssel aushändigen zu lassen. Dann fiel mir auf, dass es nicht so viele Fächer gab und vermutlich eins der Nachbarschlösser sein müsste. Ich steckte den Schlüssel systematisch in die Fächer und fand nach einer Weile das passende Schloss.

Nachdem ich mit dem Training fertig war, gab ich dem Trainer den Schlüssel und nannte ihm die richtige Nummer des Fachs.

»Du hast alle Fächer ausprobiert.« Er lachte, und als er sah, dass ich ihm nicht ganz folgen konnte, fügte er noch hinzu: »Die meisten wären sofort zu mir gekommen und hätten sich beschwert.«

Vordergründig klingt das nach einer banalen Geschichte, aber hinter der Art, wie ich mit dem »Problem« umging, stecke ein Grundprinzip meines Handelns. Anstatt sofort zu jemandem zu gehen, der die Lösung liefern könnte, suchte ich selbst so lange, bis ich die Lösung fand. Ich wusste eins, ich werde die Lösung finden. Es war nur eine Frage der Zeit. Die Dauer spielte für mich keine Rolle.

In diesem Moment dachte ich an die Geschichte von der Frau namens Renee, über die ich vor neun Jahren in Malcom Gladwells Buch »Überflieger« (Amazon Werbelink) las.

Renee nahm an einer Untersuchung Prof. Schoenfelds teil, in der er forschte, wie Studenten Mathematikaufgaben lösten. Während andere nach 30 Sekunden bis 5 Minuten aufgaben (der Durchschnitt lag bei 2 Minuten), saß Renne 22 Minuten an der Aufgabe. Da hatte sie nämlich die Antwort gefunden. Renee blieb die 4 bis 44-fache Zeit im Vergleich zu den anderen an der Aufgabe dran. Und hätte sie die Lösung nicht nach 22 Minuten gefunden, dann hätte sie einfach weiter gesucht. Gladwell schreibt zusammenfassend (S. 216 u.):

»Wir glauben oft, man müsse ein Genie sein, um Mathematik zu kapieren – entweder man hat ›es‹, oder man hat es eben nicht. Schoenfeld ist dagegen der Ansicht, es sei weniger eine Frage der Fähigkeiten als eine Frage der Einstellung. Wer bereit ist, sich anzustrengen, kann Mathematik beherrschen. Erfolg ist das Ergebnis von Ausdauer, Hartnäckigkeit und der Bereitschaft, 22 Minuten lang an einem Problem abzuarbeiten, das die meisten Menschen nach 30 Sekunden hinwerfen würden.«

Was für die Mathematik gilt, gilt genauso für vieles andere im Leben.

photo by pixabay

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