Wie geht es dir?

Ich wollte etwas Frisches, Lebendiges in meiner Wohnung, die Fruchtfliege war schon lange weg (herzliche Grüße, von wo auch immer du das liest!).

Gesagt, getan.

Da stand der Haufen von Etwas neben meinem Notebook in einem Bierglas angefüllt mit Wasser. Ich glaube, der korrekte biologische Fachausdruck dafür lautet »Blumen«.

Ich saß an meinem Esstisch mit aufgeklapptem Notebook, obwohl ich mir immer vorgenommen hatte, nie auf dem Esstisch mit meinem Notebook zu arbeiten, als eine WhatsApp Nachricht von einer Bekannten eintrifft. Niki meldet sich, wieder.

»Wie geht es dir?«

Eine Frage, die mich aufregt, weil ich sie als zu persönlich und in bestimmten Kontexten als unehrlich, belanglos und gekünstelt empfinde. Eine Entwertung und Banalisierung. Kurzum: Nervig. Niki nervt ohnehin.

Ich verstehe die Frage, aber was bezweckt der oder die Fragende? Will jemand darauf eine ehrliche Antwort in fünf Minuten hören oder in fünf Worten gequetscht lesen?

Die Frage klingt für mich wie eine Verlegenheitsfloskel, völlig uninspiriert und unangemessen, wenn sie von Leuten kommt, die ich kaum kenne und auch nicht kennenlernen will – bei Freunden oder Menschen, mit denen ich ein tiefgründigeres Gespräch von Angesicht zu Angesicht geführt habe, ist es etwas völlig anderes (ja, FaceTime geht auch).

»Gut, danke und dir?«

Und wenn es mir nicht gut ginge? Soll ich höflicherweise dennoch gut sagen? Dann würde ich doch lügen. Das mag ich ganz und gar nicht.

Zu allem Übel begebe ich mich in den von mir angeprangerten Sumpf, in dem ich mit einem unverfänglichen »und dir?« selbst Interesse vorheuchle. Aber hier nicht nach dem Wohlbefinden zu fragen, fände ich auch unangemessen.

Ich weiß nie, wie ich auf diese Frage reagieren oder antworten soll. Das macht mich ein wenig verlegen und ärgerlich.

Und in gemeinen Momenten überlege ich mir, ob ich nicht etwas wie »Mir geht es sehr, sehr schlecht. Ich brauche jemanden, der mich in den Arm nimmt und sehr lange festhält« sagen sollte, nur um ihre Reaktion darauf zu sehen und sie in eine ähnlich unangenehme Situation zu bringen.

Aber in der Realität verlässt mich der Mut. Papiertiger.

Ich blicke zu den Blumen in dem Bierglas. Nur nach einem Tag lassen sie schon die Köpfe hängen.

Ich tippe.

Ich fühle mich ein wenig wie diese Blumen: leicht verwelkt und müde, dufte aber dennoch gut.

photo by pixabay

6 Gedanken zu “Wie geht es dir?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Reposts

Mentions