Beraten vs. Verkaufen

Alfredo ist mein Klischee des italienischen Pizzabäckers: schwarz gelocktes Haar, laut und stark gestikulierend in hochgekrempelten Ärmeln. Vielleicht inszeniert er für uns eine Show, weil er denkt, dass wir dieses südländische Temperamente von ihm erwarten. Vielleicht sehen wir auch nur das, was wir sehen wollen oder können.

Er gesellt sich wieder zu uns an den Tisch. Small Talk in gebrochenem Deutsch. Kenne ich von meinen Eltern. Er fragt uns, was wir so machen, wie der Job bei unserem Kunden läuft. Während er uns unterhält, schaut er, wie uns sein Essen schmeckt, denn das zählt für ihn.

Ich bin dabei, mir ein Stück von der vorgeschnittenen Thunfisch-Pizza mit Peperoni in die Hand zu nehmen. Ich lasse mir nämlich die Pizza vorschneiden. Als ich Alfredo das erste Mal darum bat, schaute er mich entsetzt an, als hätte ich seine Pizza vergewaltigt oder sein Restaurant entweiht.

Für ihn sind wir Berater ohnehin merkwürdige Leute, von denen er nur weiß, dass wir teuer sind und schnelle Autos fahren, aber bis heute versteht er nicht (wie meine Eltern), was zum Teufel wir da machen. Beratung? Wer zahlt für Beratung!

Ich verstehe ihn, denn die Beratung die er kennt und bekommt, spielt sich in irgendeiner Bank, im Handyshop oder vielleicht in der Apotheke nebenan ab. Solange man nichts kauft, zahlt man nichts.

Er scheint das von Beratern zu halten, was ich von Investmentbankern halte. Nur im Gegensatz zu ihm habe ich Recht, denn bisher konnte mich kein Investmentbanker widerlegen (die Tatsache, dass ich bisher noch keinem real begegnet bin, tut nichts zur Sache!).

Vom heilenden Glauben

»Wie geht es dir denn«, frage ich ihn und beiße ein Stück von der Pizza ab.

»Ach«, sagt er und hebt den Arm zu einer wegwerfenden Geste, »ich werde krank. Muss Medikamente holen.«

Sie schmeckt köstlich. Wir lassen uns die Peperoni extra drauf machen. Zur Winterzeit beugt sie gegen Erkältungen vor. Daran glaube ich fest. Wenn nicht, dann hilft mir der Glaube daran; es wirkt dann als Placebo. So oder so, die Peperoni wirken, auch wenn sie nicht wirken.

Meine Nase beginnt zu laufen. Ein Zeichen, dass mein Körper sich aufheizt.

Dann verschwindet er.

Ich denke mir nichts dabei – die Pizza lenkt mich auch zu sehr ab. Das Problem bei leckerem Essen ist, dass ich mehr esse als ich sollte. Überdosiert. Mein Bauch beginnt sein Klagelied einzustimmen. Du Arsch, denke ich mir, während ich mich vollfraß, ging es dir nicht schnell genug, und du konntest nicht genug davon bekommen!

»Kaffee?«

Die Frage meines Kollegen ist rhetorischer Natur. Wir gehen immer nach dem Essen einen Kaffee trinken. Nur dass ich dann immer zu voll bin, um noch Kaffee in mich hineinzubekommen. Das nächste Mal, nehme ich mir vor, esse ich mindestens ein Stück weniger. Diese kleine Lüge, die ich mir nahezu jedes Mal aufsage, besänftigt meinen Bauch ein wenig.

»Vorsicht!«

Der Milchkaffee schwappt ein wenig über den Rand und eine Erinnerung kippt in mein Bewusstsein: mein Wochenende.

Mein Wochenende mit Dr. Google

An jenem Morgen des erinnerten Wochenendes wachte ich auf, was mir bisher an jedem Morgen meines Lebens gelang. Doch etwas stimmte nicht. Nein, diesmal wachte ich nicht als Blödmann auf, sondern etwas stimmte mit meinem rechten Ohr nicht.

Aus irgendeinem Grund versuchte ich, Druck auf meinen Ohren aufzubauen, als könnte ich damit das Kaputte aus meinem Ohr heraus ploppen lassen. Aber ich konnte keinen Druck aufbauen. Plötzlich war ich wach. War das schlimm? Musste ich mir Sorgen machen?

Ich zog meine Socken an und eilte zum Notebook. Klappte es auf und konsultierte Dr. Google. Für die Apotheke war es noch zu früh.

Auf meine Anfrage »druckausgleich im ohr nicht möglich« bekam ich mehrere Seiten von HNO-Ärzten, Apotheken und Foren aufgelistet. Beratung ging anders.

Nachdem ich mehrere Seiten mir durchgelesen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass mein rechtes Ohr erkältungsbedingt keinen Druck mehr aufbauen konnte. Wenn ich richtig lag, würde es in wenigen Tag wieder von selbst verschwinden. Wenn das nicht eintraf, nahm ich mir vor, zum Arzt zu gehen.

In der Zwischenzeit wurde es draußen hell. Ich zog mich warm an und ging direkt zur Apotheke. Sicher ist sicher, denn Google besaß trotz immensen Wissens offiziell keinen Doktortitel.

Besuch der Apotheke

Morgens ist erstaunlich viel los. Eine Dame steht im weißen Kittel wie ein Arzt hinter der Theke und begrüßt mich seriös. Ich erzähle ihr von meinem Ohr. Sie hört mit beiden Ohren zu. Wartet, bis ich zu Ende erzähle und verschwindet in den hinteren Raum mit den hohen Regalen, die voller Verpackungen mit Medikamenten sind. Dann kommt sie zurück und legt eine Verpackung auf den Tisch.

»Sie können die Tabellen jederzeit einnehmen.«

»Also egal, ob vor oder nach dem Essen?«

»Ja.«

»Und wie häufig am Tag?«

»So oft sie wollen.«

Da werde ich stutzig. Ein Medikament, dass man jederzeit und so häufig man will, zu sich nehmen kann? Was ist denn das?! Und dann macht es Klick! bei mir.

»Bitte keine homöopathischen Mittel!«

Sie blickt mich irritiert an, sagt aber nichts.

»Die wirken nicht.« Ich schaue zurück. Trotz meines Ohrs bin ich voll einsatzfähig.

»Aber«, sagt sie, »sie helfen Ihnen, Ihre natürlichen Kräfte zu aktivieren.«

Wie bitte?! Jetzt hat sie mich doch überrascht. Ich muss mich einen Moment sammeln. Placebo und so. Mir ist jetzt klar, dass ich nicht ernsthaft krank bin, denn das eben war keine Beratung, sondern ein Verkauf.

Beraten oder Verkaufen – Der kleine Unterschied

Ich hätte Alfredo von dieser Episode erzählen können, um ihm den Unterschied zwischen Beraten und Verkaufen ein weniger plastischer veranschaulichen zu können. Es war halt wie die sprichwörtliche Schlagfertigkeit, die erst nach ein paar Stunden eintraf.

Stünde ich hinter der Theke, dann hätte ich als Berater Folgendes meinem Kunden geraten:

Wenn ein Druckausgleich nicht möglich ist, dann gibt es dafür mehrere Ursachen. Die Naheliegendste zu dieser Jahreszeit ist, dass Sie eine Erkältung haben.

Normalerweise geht das in wenigen Tagen von selbst weg.

Falls der Druckausgleich in den nächsten Tagen nicht möglich ist, dann sollten Sie zum Arzt gehen.

Wenn Sie dennoch etwas gegen Ihre Erkältung möchten, kann ich Ihnen diese Medikamente empfehlen. Eins ist auf homöopathischer Basis, das andere ist von (hier irgendein bekanntes Erkältungsmittel einsetzen).

Post Scriptum

Die »Beratung« dieser Dame bleibt mir ein Rätsel und war bisher weitestgehend ein Einzelfall in dieser Form. Allerdings höre ich häufiger über Empfehlungen von homöopathischen Mitteln. Ein Mittel ohne nachgewiesene Wirkung ist – milde formuliert – Geldverschwendung, egal ob homöopathisch oder pharmazeutisch. Die Beratung der Apotheken ist wichtig und wird vielen Menschen geschätzt. Sie sollte niemals zu einem Verkaufsgespräch verkommen.

Am darauffolgenden Tag konnte ich ohne irgendwelche Mittel wieder den Druck in meinem rechten Ohr ausgleichen.

 

In diesem Sinne, bleibt gesund!

4 Gedanken zu “Beraten vs. Verkaufen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Reposts