Frau mit übergroßem Schal im Schritt

Für den Hintern gibt es den Pulli und für den Oberkörper den Schal – Kleidungsstücke zur Abdeckung bzw. Ablenkung vermeintlich ungünstiger Körperstellen. Obwohl ich mir bei einigen Schals nicht sicher bin, ob sich dahinter nicht weit mehr versteckt. Ich glaube, überdimensionierte Schals haben Zugang zu einer anderen Galaxie, weil darin Teile oder ganze Frauen verloren gehen und nach Jahren wieder auftauchen. Zugegeben, diese Schals sehen sehr warm und kuschelig aus, deshalb muss ich sie nicht um meinem Hals tragen, aber als Sofadecke schätze ich sie sehr (als Mann sind mir Fashion Must-haves ein Rätsel, die nicht gelöst werden müssen). Eine mir unbekannte und sehr dezente, weil kaum auffällige, Variante beim Tragen dieses besonderen Schals lernte ich diese Woche beim Essen kennen. Ich hätte die Dame gerne gefragt, ob das ihr eigenwilliger Stil ist oder lediglich purer Zufall.

»Hast du es auch gesehen?«

Chris lächelt wie ich, blickt aber in eine andere Richtung. Im Gegensatz zu mir ist er ein zurückhaltender Mensch, der nicht jedes Ereignis an die große Glocke hängt oder daraus einen Artikel macht und dann im Internet veröffentlicht, sondern für sich behält. Ich warte gespannt auf seine Antwort.

»Was meinst du denn«, fragt er zurück.

Ist er nur höflich oder es ist ihm unangenehm, darüber zu sprechen oder hat er es wirklich nicht gesehen?

»Die Dame, die eben vorbeigelaufen ist mit dem…« Ich mache eine Pause und nicke mit dem Kopf, damit er meinen Satz vervollständigen kann, doch er scheint nicht zu wissen, wovon ich spreche. »…mit dem Schaaaaaal im Schritt?!«

Das letzte Wort meines Satzes breitet sich als ungläubige Überraschung in seinem Gesicht aus.

Als ich die mondäne Frau eben an unseren Tisch vorbeilaufen sah, konnte ich es im ersten Moment auch nicht glauben und dachte, ich hätte mich getäuscht.

Mir fiel sofort ihr zufriedenes Lächeln auf, das ihren Mund umspielte und dann das Teil um ihren Hals. Ein übergroßer Schal mit buntem Karomuster, der wie ein Orden auf ihrer Brust lag und sich in dezent-anmutigen Kurven an ihrem Körper herunter schlängelte, bis es sich plötzlich in ihrem Schritt verfing – um genauer zu sein: Die langen Ausfransungen an der Spitze klemmen zwischen den Zähnen ihres verschlossenen Reißverschlusses.

Eine unerwartete Wendung und neue Erfahrung für mich. Also ich schaue normalerweise dort nicht hin, also wenn Kleidung alles abdeckt…

Irgendwie beschäftigt mich der Gedanke, wie es zu diesem Vorfall kommen konnte. Bei uns Männern ist das schnell erklärt. Ich muss kurz schmunzeln (rot werde ich zum Glück nicht mehr), denn ich gehöre zu diesen Männern, die es geschafft haben, einen Stofffetzen aus dem Reißverschluss herausschauen zu lassen – Hallo Welt!

Aber der umgekehrte Fall?! Es gelingt mir nicht, mir eine Situation für ihr besonderes Reißverschluss-Verfahren vorzustellen. Daher: Was wäre, hätte sie es bewusst gemacht. Das wäre doch provokant! Vielleicht sogar Kunst, weil sie uns Männern unverhohlen den sexistischen Spiegel vorhält und uns zeigt, dort wandert und reduziert sich euer Blick?!

Und wäre die Psychoanalyse nicht ausgestorben, würde die Psychoanalyse vielleicht die Angst der Männer vor Kastration ergänzen oder diese Frau als »Frau mit Haaren auf den Zähnen« bezeichnen (spricht man dann von Penisneid?!) oder ihr gar einen heimlichen Wunsch nach Penetration andichten. Der Schal als Phallussymbol!

Frage: Können Männer auch »Haaren auf den Zähnen« haben oder wäre es nur redundant, weil wir Männer überall Haare haben (können). Jetzt mal unter uns. Als Berater bin ich Schlipsträger, und ich mag den Humor meiner Krawatte: Seriös wirken, während man die ganze Zeit dezent aufs Gemächt zeigt.

Während Chris noch immer irritiert schaut und die Kollegen am Tisch damit ansteckt, weil sie ihre Teller leer sind, frage ich mich, ob ich sie – natürlich dezent – darauf hinweisen soll. Aber dann fällt mir ein, wie seltsam dieses Gespräch verlaufen würde:

»Werte Dame, ich habe etwas in ihrem Schritt entdeckt.«
Worauf sie verzückt entgegnet: »Oh, wie aufmerksam von Ihnen.«
»Sie hätten das gleiche an meiner Stelle getan.« (Selbstlos heroisch)

Oder: »Mir gefällt ihr frecher Schal wie er sich elegant Zugang zu ihrer Hose verschafft.«
»Sie Charmeur!«
»Ich weiß.« (Bescheidenes Lächeln)

Ich glaube, im Essen war etwas Verstörendes drin! Man liest ja viel über das Kantinenessen, aber schmecken tut man nichts. Wir stehen auf und bringen unsere Tabletts weg. Wieder kreuzen sich unsere Wege.

Soll ich einen Blick riskieren? Sowas macht man nicht! Der Gedanke ist schneller als die moralische Instanz.

»Nein.« Ich schüttel den Kopf.

»Was ist?«

»Ähm, nichts.«

Ich drehe mich zum Ausgang und sehe das Ende ihres Schals in der windstillen Kantine flattern.

photo by pixabay

PS. Meinen Splen, dass Kleidungsstücke etwas verbergen, habe ich seit dieser Begegnung.


2 Gedanken zu “Frau mit übergroßem Schal im Schritt

    Reposts

    • Hakan von C

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