Aufladen


Mein Akku ist schwach und hält kaum einen Tag durch. Und je älter mein Smartphone wird, desto häufiger nehmen diese Momente zu und dauern an. Häufig fühle ich mich genauso (ich fühle mit dir Bro!). Vielleicht muss ich mein Smartphone bald durch ein Neues ersetzen. Den Akku tauscht kaum jemand mehr aus, und bei meinem alten Model dürfte der Akku teurer als mein Smartphone sein (nicht wertvoller).

Heute aber lasse ich das Smartphone zu Hause am Kabel hängen, damit es sich in Ruhe aufladen kann. Irgendwann wird es mir ebenso ergehen. Akku leer, hänge am Kabel. Eine Kurzbeschreibung meines Lebens, ohne dass klar ist, ob es sich auf mein ganzes Leben bezieht oder nur auf einen (Lebens-)Abschnitt.

Ich verlasse das Haus. Es ist seltsam. Ich habe jedes Mal das Smartphone dabei und denke gar nicht daran. Doch jetzt, wo an der Stelle eine Leere klafft, fühlt es sich merkwürdig an. Ich komme mir – nackt und hilflos vor, was völlig bescheuert ist (aber nicht so bescheuert wie darüber öffentlich zu schreiben).

Hängen am Kabel

Seltsam – früher, also damals, als die Telefone niemals heller als ihre Besitzer leuchteten und fest mit der Wohnung verbunden waren (hahaha, festgekettet), ja, was machte man da ohne ein mobiles Telefon im Hosentaschenformat?

Ach ja, es gab diese gelben Blöcke mit einer Tür. Kleine Zellen mit vielen Fenstern, damit niemand Platzangst bekam und niemand dem Gespräch zuhören konnte. Freiwillig oder unfreiwillig. Sie nannten sich »Telefonzellen«. Und noch heute gibt es Menschen, die öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn mit diesen privaten, abgeschlossenen Kabinen verwechseln.

Anruf der Ex

Damals also, als die Telefone überall ein festes Zuhause hatten, nutze ich mein Telefon tatsächlich zum Telefonieren, um Menschen zu erreichen, mich mit ihnen zu verbinden und zu kommunizieren.

Und jetzt? Verloren unsere Telefone ihr Zuhause, ihre Funktion, ihre Bestimmung, ihren Sinn und damit ihren Halt? Jetzt fürchtete man, jemanden – oder schlimmer, etwas zu verpassen.

Damals also, als ein Telefon über Jahre oder Jahrzehnte hinweg ein Zuhause hatte, telefonierte ich stundenlang wie an diesem ganz normalen Sonntag. Meine damalige Ex-Freundin rief mich an.

Ihr Versuch, die Beziehung zu beenden, scheiterte, daher machte ich für sie mit mir Schluss (ja, so einer bin ich). Wir blieben uns eine Zeitlang freundschaftlich verbunden und telefonierten ab und zu. Damals hing ich häufiger am Telefonkabel. Ernährte mich von persönlichen Gesprächen und den zwischenmenschlichen Tönen darin.

(Ich weiß, was Du denkst! Hätte es damals WhatsApp gegeben, hätten wir uns sehr viele Nachrichten geschickt, und ich hätte versucht, zwischen den Zeilen nicht-existente Botschaften für mich zu entschlüsseln. Also nur eine Variante des Abhängens von heute.)

Aufgeladen

Meinem Nachfolger, ihrem Freund, gefiel dies allerdings nicht, aber er nahm es widerwillig hin. Nur an diesem einen Sonntag machte er etwas, dass sie so wütend wurde und zum Hörer griff, um mich anzurufen.

Wir telefonierten, und wie!
Eine Stunde.
Zwei Stunden.
Dann waren es drei.
Irgendwann sechs.
Und am Ende mehr als acht Stunden am Stück bis kurz vor Mitternacht, bis mein Akku den Geist aufgab. Wir beide waren hellwach.

Ihr Freund gab nach unzähligen Versuchen, sie mittendrin telefonisch zu erreichen, viel früher auf. Geladen. Was es war, konnte sie mir nicht wirklich erklären. Wollte sie ihm eine Lektion erteilen? Oder suchte sie nur einen Vorwand, um mit mir zu sprechen? (Da war es wieder, das Verbiegen der Wahrheit zu meinen Gunsten. Als ob sie nicht wüsste…)

Vollgeladen

Wir waren beide überrascht, wie schnell die Zeit verging. An jenem Tag hätten wir einfach weiter machen können als würde es kein Morgen geben. Wir beide wussten nicht mehr, worüber wir noch sprechen wollten oder hätten können oder bereits gesprochen hatten. Das war auch egal.

Das war schön.

Ich bin wieder zurück. Habe eine Erinnerung mitgebracht. Mein Smartphone vollgeladen hängt immer noch am Ladekabel. Von alleine kommt es davon nicht los. Ebenso wenig kann es sich selbst aufladen. Oder Kaffeetrinken gehen.

photo by pixabay

2 Gedanken zu “Aufladen

    Reposts

    • Hakan von C

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