Besinnliches an verkaufsbesoffenen Tagen


Der Schnee fällt aus einem weißgrau bedeckten Himmel. Ich sitze in meinem warmen Wohnzimmer vor meinem Notebook und werfe einen Blick aus dem Fenster: eine verträumte Landschaft aus schneeverdeckten Dächern und Bäumen. Irgendwo da draußen, sage ich mir, lauert die Kälte. So sehr ich auch den Winter wegen warmer Daunenjacken, dicker Pullover, großer Schals und cooler Boots mag, so sehr hasse ich Kälte in jeglicher Form. Vor allem fröstelt es mich bei der Vorstellung, dass verwirrte Schneeflocken an meinem Nacken dahinschmelzen. Igitt!

Ich blicke wieder auf mein Display, das im Wettlauf mit dem Schnee heller und weißer leuchtet. Schwarze Buchstaben treten aus dem Text eines Artikels hervor.

Was bedeutet die Arbeitszeitverlängerung für Dich?

Der Artikel beginnt mit »Zwölf Stunden pro Tag, 60 Stunden pro Woche.« auf dem österreichischen Mosaik-Blog.

In dem lesenswerten Text geht es um die Einigung der FPÖ und ÖVP auf eine Erhöhung der Maximalarbeitszeit. Also um eine – wie es so schön seitens der beiden Parteien heißt – »notwendige Flexibilisierung der Arbeitszeiten«. Berechtigterweise stellt der Autor des Artikels Benjamin Opratko daraufhin die Frage: »Sind wir denn wirklich zu unflexibel?«

Diese Frage habe ich in meinem letzten Artikel beantwortet.

Erwähnenswert finde ich die Antwort von Benjamin Opratko auf eine weitere Frage, die er im Artikel aufwirft: Die große Mehrheit der Menschen möchte nicht länger arbeiten. Warum aber wählen sie dann Parteien, die genau das durchsetzen wollen? Seine Antwort:

»Vor allem, weil darüber im Wahlkampf kaum berichtet wurde. Die Medien haben gemacht, was Kurz und Strache wollten: Sie haben monatelang über „Islamkindergärten“ berichtet oder darüber sinniert, wie stark man die Mindestsicherung für Asylberechtigte kürzen sollte.«

Ein weiteres Grau im Schatten der Flexibilisierung

Während ich den Artikel weiterlese, kommt mir ein anderer Gedanke. Die »Flexibilisierung« der Arbeitszeit kann Arbeiter überfordern, ausnutzen und zu verdeckter Mehrarbeit führen – was aber auch noch möglich wäre, wenn es keine gute gesetzliche Regelung geben würde, wäre ein möglicher Missbrauch.

Ich könnte mir vorstellen, dass mit der sogenannten Flexibilisierung Mitarbeiter gefügig oder unliebsame Arbeitnehmer mürbe gemacht bzw. aus dem Unternehmen gedrängt werden können.

Ich erinnere mich an den verstörenden Artikel auf Zeit-Online zu H&Ms Flex-Verträgen mit ihren Arbeitnehmern.

Flex-Verträge sind Arbeitsverträge mit beispielsweise 10, 15 oder 20 Mindeststunden pro Woche. Das flexible daran sind laut Artikel die Arbeitszeiten. Der Arbeitnehmer wisse in diesem Fall nicht, wann und ob und wieviel er arbeiten wird.

Aus Unternehmenssicht sehr flexibel.

Aus der Arbeitnehmersicht, der auf das Geld (das bei einer 40 Stunden Woche kaum für das Überleben reiche) und geregelte Arbeitszeiten angewiesen ist, ziemlich fatal.

Alleine durch die Einteilung der Schichten hat der Vorgesetzte Macht durch Gestaltungsspielraum. Im Zeit-Online Artikel wird ein H&M Mitarbeiter zitiert:

»Kollegen sollten zweimal am Tag kommen: vormittags vier Stunden arbeiten, dann drei Stunden Pause, anschließend noch mal vier Stunden arbeiten.«

Man kann also Mitarbeiter mit Mehrstunden und besserer Stundenverteilung »belohnen«, z.B. 8 Stunden an drei aufeinander folgenden Tagen. Unbequeme Mitarbeiter teilt man mit nur jeweils vier Stunden für sechs Tage in der Woche ein.

Was ist Dir heilig am Sonntag?

Bei den sechs Tagen fällt mir Heiligabend ein, der dieses Jahr auf einen Sonntag fällt und daher die Frage, ob und welche Läden am Sonntag öffnen, heiß diskutiert wurde.

Mich wundern Diskussionen dieser Art. Ich muss dann an den Menschen denken, der arbeiten muss, weil es einige Menschen gibt, die zu dumm sind, an den restlichen sechs Tagen zwischen 8 und 22 Uhr einzukaufen. Gibt es keine Empathie mehr? Oder ist Asozial das neue Wir. Dumme Frage. Heilig allein ist der Konsum – ich Dummerchen. (Erstaunlich, Mitarbeiter sind also nicht nur Kostenfaktor, sondern auch Konsumenten, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Kettenreaktion und die Folgen für uns

Ich finde es erstaunlich, wie wenig Menschen über die Implikationen oder Folgen solcher »Wünsche« nachdenken oder – viel schlimmer – ihnen ist wohlmöglich egal, weil sie der Meinung sind, dass es sie selbst nicht betrifft.

Nehmen wir die Ladenöffnung am Sonntag. Würden alle Kaufhäuser, Discounter etc. am Sonntag wie an regulären Tagen öffnen, würde dies eine Kette von Ereignissen nach sich ziehen, die irgendwann nahezu jeden von uns betreffen würden.

Zuallererst wären natürlich die Mitarbeiter der Läden direkt betroffen. Man darf aber nicht vergessen, dass ein Laden u.a. mit frischen Lebensmitteln versorgt werden muss. Daher müssten die Lieferanten auch einen weiteren Tag arbeiten. Damit würde die Arbeit des einen Ladens direkt auf die Unternehmen in der Lieferkette durchschlagen, die wiederum weitere Unternehmen beeinflussen. Plötzlich sind die Straßen voller, mit LKWs, die liefern und Autos, Bussen, die die Mitarbeiter und Kunden befördern.

Und was ist mit den Eltern oder Alleinerziehenden? Kindergärten und Schulen haben geschlossen. Plötzlich ist da nicht mehr nur der Samstag, sondern auch der Sonntag, der irgendwie für die Kinder organisiert werden muss. Vielleicht müssen Kindergärten und Schulen eines Tages ihr Angebot erweitern.

Hast Du etwas Zeit für mich?

Im schlimmsten Fall – der maximalen Flexibilisierung – werden die Menschen irgendwann kaum mehr Zeit füreinander haben, weil ihre Jobs im unterschiedlichen Takt und Länge schlagen. Der eine hat Sonntag frei (ich bin Optimist und glaube, dass es freie Tage geben wird), andere Mittwoch, während ein weiterer nur am Freitag kann.

Und die Kinder, wann kann man mit denen gemeinsam am Frühstückstisch sitzen? Bleibt die Familie dadurch nicht noch ein Stückchen auf der Stecke?

Ach ja, ich vergaß: Zu Weihnachten sitzen alle gemeinsam vor dem Tannenbaum… – wäre es da nicht toll, wenn die Läden länger oder an Heiligabend geöffnet hätten, damit gestresste Eltern in Ruhe Geschenke kaufen könnten, der Kinder wegen.

Abspann

Ich schaue wieder aus dem Fenster: eine gedämpfte Winterlandschaft. Morgen muss ich früh hinaus und meinen Wagen vom Eise befreien. Ich mag die Ruhe am Sonntag, wenn die Welt sich ein wenig langsamer dreht.

photo by pixabay

Quellen & Links

mosaik-blog.at: Das bedeutet die Arbeitszeitverlängerung für Dich: 8 Fragen und Antworten
URL: http://mosaik-blog.at/12-stunden-tag-60-stunden-woche-schwarz-blau-arbeitszeitverlaengerung/, Stand 10.12.2017

zeit.de: “Wer einen besseren Job findet, der geht
URL: http://www.zeit.de/arbeit/2017-10/h-und-m-arbeitsbedingungen-kritik-betriebsrat-kuendigung/komplettansicht, Stand 10.12.2017

dortmund24.de: Diese Supermärkte haben Heiligabend in Dortmund geöffnet – trotz Sonntags
http://www.dortmund24.de/dortmund/diese-supermaerkte-haben-heiligabend-in-dortmund-geoeffnet-trotz-sonntags/, Stand 10.12.2017

3 Gedanken zu “Besinnliches an verkaufsbesoffenen Tagen

    Reposts

    • Hakan von C

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