Flexible Arbeitszeiten mit der Brille eines Beraters

Ich eile durch den Morgen, um der Kälte zu entkommen. Seitdem ich intervallfaste fühlt sich der Morgen ein wenig kälter an.

Etwas Oranges dringt durch die Morgendämmerung: Zwei Männer in Warnwesten verteilen fast schon dantesk Flugblätter mit rotem Kopf am Eingang zur Firma meines Kunden.

Der Arbeitgeber wolle wieder zurück zur 40 Stunden Woche gehen, steht darin. Begründet werde dies mit dem Fachkräftemangel. Schuld daran, kontert die Gewerkschaft, sei das Unternehmen selbst, denn sie hätte zu wenig Menschen ausgebildet.

Der Mythos vom Fachkräftemangel

Ich muss kurz nachdenken. Alle Jahre wieder wie ein Wintermärchen taucht der Begriff Fachkräftemangel auf und soll für verschiedene Probleme als Erklärung dienen.

Ein simpler Indikator für einen Mangel ist Geld, in diesem Fall die Löhne. Wenn die Nachfrage höher als das Angebot ist, dann sinken die Löhne. Im Umkehrschluss bedeutet das, gäbe es einen Fachkräftemangel, dann würden die Reallöhne deutlich steigen, was sie aber seit Jahren nicht tun. Der Fachkräftemangel bleibt ein gut vermarktbarer Mythos.

Bielefeld – Nordamerika und umgekehrt

An einem Sonntag zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Bielefeld – Hannover. Abflug nach München. Zwei Stunden im Flughafen herumsitzen.

21 Uhr 45 Boarding Flug Lufthansa nach Mexiko mit meinen Beraterkollegen. Ich sitze bequem im Flieger. Business Class. Muss man mal erlebt haben. Aber trotz des Komforts schlafe ich kaum.

Wir landen pünktlich. Hoffen alle, dass der eigene Koffer auf dem Rollband liegt. Passkontrolle. Danach Suche nach dem Fahrer. Niemand wichtiges kann Englisch. Ich bin müde und alles ist zu warm und zu stickig. Dann finden wir endlich einen Fahrer. Eine Stunde Fahrt zum Kunden steht uns bevor. Wir müssen pünktlich sein.

Ankunft. Koffer im Nebenraum verstauen, Notebook im Meetingraum auspacken. Kaum sind wir angelangt, sitzen wir auch schon beim Kunden unseres Kunden aus Deutschland. Meine Beraterkollegen und mir stehen eine Woche Workshop bevor. Es wird ein einseitiges Vortragen mit kundenseitigen Fragen, von denen viele nicht dazu geeignet sind, uns anzunähern.

Wir blicken in lustlose Gesichter. Eine Spur von Ablehnung hängt an ihren Mundwinkeln. Ankämpfen gegen die Vorbehalte des Kunden. Dann kaputt ins Hotel. Thema und Takt der Woche sind gesetzt. Sie spielen unsere Musik. Es ist kein Ohrwurm und doch geht es nicht weg.

Schönes Hotel. Schöner Garten. Ein Swimming Pool. Am Rande scheint die Sonne erbarmungslos und irgendwie schön, wenn man die Muse hätte.

Am Ende eines langen Tages setzen wir uns an den Pool und bestellen uns ein Bier. Dann die obligatorische Aufnahme mit dem Smartphone und Upload auf Facebook. Den Moment geschönt festhalten und zugleich Freunde und Kollegen neidisch machen – und vielleicht im Rückblick sich selbst. Die Menschen dahinter sieht niemand. Erst Tage später erkenne ich auf einem Selfie, wie fertig wir aussehen.

Auf dem Zimmer ein paar Stunden an den Folien feilen, die Strategie ändern, auf den Kunden zuschneiden. Der Kunde ist König mit Starallüren. Dann liege ich todmüde im Bett und kann nicht schlafen. Wache um 3 Uhr auf. Kann nicht mehr einschlafen. Scheiß Zeitverschiebung!

Der Workshop geht trotzdem weiter. Wieder acht Stunden vortragen, diskutieren, Verständnis zeigen, die Seele massieren und sich selbst dabei auf der Strecke lassen. Und trotzdem, einige wichtige Teilnehmer haben keine Lust und sind nur genervt. Sie wollen die neue Software nicht, mit der sie selbst arbeiten können. Wieso auch, jetzt müssen sie nur ihren Dienstleister anrufen und kommandieren. Eine eigene Software behindert sie nur daran. Jetzt Boss und nachher Arbeiter, das geht nicht.

Am Ende jeden Tages interne Besprechungen und weiteres Vorgehen. Abends wieder an den Folien feilen. Morgens geht auch.

Das macht keinen Spaß. Wir können nichts für die Entscheidung ihres Managements. Wir sind genervt und gereizt. Den Kunden können wir nicht anschreien, also zicken wir uns gegenseitig an.

Mittwoch. Ich bin durch, kann mich etwas ausruhen und setze mich ins Abseits, nach ganz hinten und lehne mich nur für einen kurzen Moment an die Wand. Dann schrecke ich auf. Kontrollverlust. Ich war eingenickt und konnte nichts dagegen tun. Ein Glück, niemand hat es gesehen.

Durchpreschen durch die weiteren Tage. Alles unterliegt einem straffen Zeitplan. Alles andere kostet unnötig viel Geld. Trotz der Zeitverschiebung können wir uns keine Verschiebung leisten. Wieso kann man nicht einige Menschen in ein Flugzeug verfrachten und in die Vergangenheit schicken, dorthin also, wo alles besser war? Zum Mond schießen ist keine Option.

Wir schleichen uns durch zermürbende Diskussionen. Konzentrationsschwäche. Und dann endlich freitagsmorgen Rückflug. Fast hätte ich es verpasst. Diese verdammte Zeitverschiebung!

Fliegen ist manchmal wie eine Zeitreise. Du reist von Ort zu Ort in verschiedene Zeiten in verschiedene Kulturen mit unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Erwartungen und Ängsten und vor allem Ärger. Die einzige Konstante auf diesen Reisen: Du kommst nirgends wirklich an. Und der Widerstand. Eigentlich wollen wir helfen.

Eine Stunde Fahrt vom Kunden zum Flughafen. Knapp 12 Stunden Flug nach München. 2 Stunden warten auf den Flug nach Hannover. Eine Stunde Flug mit anschließend einstündiger Fahrt nach Bielefeld. Die Flugzeiten werden zur Hälfte als Arbeitszeit gezählt. Immerhin. Der Rest ist mein Vergnügen. Vom Samstag bleibt nicht viel von mir übrig. Wochenende.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten: 50 Stunden Woche

Juli 2004. Die Lösung für den Fachkräftemangel ist immer die Gleiche: Arbeitnehmer müssen länger arbeiten. Damals schlugen Wirtschaftsexperten eine Anhebung – pardon, eine Flexibilisierung der Arbeitszeit auf eine 50 Stunden Woche vor.

Wieder beim Kunden in Deutschland

Montag geht es weiter. Der nächste Kunde, aber bitte nicht nacheinander, sondern parallel! Warum schlagen die Wirtschaftsexperten nicht paralleles Arbeiten vor?

Jemand muss nach Russland. Warum? Der Kunde ist unzufrieden mit der Software. Man munkelt, es hätte nicht wirklich etwas mit der Software zu tun. Wer fliegt?

Ich kann zum Glück nicht. Betreue den Kunden in China. Morgens telefonieren, da sie dort bereits Nachmittag haben. Von der chinesischen Höflichkeit merke ich nichts. Im Gegenteil, keine Begrüßung und keine Verabschiedung und ein merkwürdiger Ton als sei ich lästig und wertlos.

Statusmeeting. Können wir nicht die Betreuung für China intensivieren? Dann die zündende Idee: Hey, wieso fliegt ihr nicht einfach nach China? Ich möchte so höflich wie mein chinesischer Kunde antworten, doch jemand kommt mir zuvor. Wir können nicht kurzfristig nach China fliegen, dazu bräuchten wir ein Visum. Den zu bekommen dauere in der Regel bis zu vier Wochen. Zündende Idee ausgebrannt.

Statusmeeting Mexiko. Wie wars? Offene Punkte, Probleme, weitere Todos. Ich habe keine Zeit für diese Meetings. Ich muss die Fehlerliste des chinesischen Kunden abarbeiten, und darf sie sogar selbst lösen. Alles natürlich mit Priorität very high und Maximum Management Attention.

Nach dem Mittagessen mit Kanada telefonieren. Ein weiterer, wichtiger Kunde. Ein angenehmes Gespräch. Der Kunde ist professionell und sehr engagiert. Im Gegensatz zu anderen wollen sie die Software, weil sie sie brauchen, denn sie selbst arbeiten damit und sonst kein anderer.

Abends, wenn die wichtigen Menschen Zeit haben, kommt das nächste Meeting, intern beim Kunden. Das zuvor waren lediglich die Kunden unseres Kunden. Wieder wiederholen des bereits gesagten ohne richtiges Vorankommen. Kommunikation ist natürlich wichtig.

Tag vorbei. Essen. Vielleicht Sport. Duschen. Ins Hotelbett. Fühlt sich an wie gestern und wie morgen. Laufen wie im Hamsterrad. Das geht mehrere Wochen so.

Zwischendrin Abwechslung. Ein bekannter Projektleiter meldet sich aus einem anderen Projekt. »Kannst du kurzfristig nach England kommen? Wir haben hier ein dringendes Problem und der soundso kann nicht.«

Aha, ich bin zweite Wahl. Und warum ist alles immer so dringend und muss direkt vor Ort erledigt werden? Geht nicht, als Türke brauche ich ein Visum. Wieder rettet mich das Visum.

»Hmm…« Die Gedanken rattern in seinem Kopf. Suche nach anderen Möglichkeiten. Am Ende bekomme ich die Software als Textfile zugeschickt, um sie abends zu analysieren. Am Wochenende habe ich auch noch keine Arbeit, also passt es super. Niemand zwingt mich. Die unsichtbare Hand an meinem Hals bilde ich mir nur ein – wie alle anderen.

Ich schicke meinen Kommentar zu der Programmierung und bekomme schnell eine erfreuliche Rückmeldung, wie zufrieden der Kunde mit meiner Arbeit sei. Vor allem hätte ihn die »Ferndiagnose« beeindruckt. Alle sind glücklich, denn ich habe Reisekosten gespart. So also geht es auch.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten: 45 Stunden Woche

Oktober 2010. Sechs Jahre nach der Expertenbewertung mit der 50 Stunden Woche rechnen Experten mit längeren Arbeitszeiten. »Sogar bis zu 45 Stunden pro Woche könnten bald zur Regel werden.«

Also bedeutet länger kürzer als gefordert, aber länger als aktuell gearbeitet wird.

München – Kein Wintermärchen

Langsam kehrt eine trügerische Ruhe ein als es plötzlich heißt: »Du musst nächste Woche für zwei Wochen nach Barcelona.«

Wieder ein wichtiger Kunde. Anscheinend habe ich alle wichtigen Kunden. Also bin ich wichtig, habe aber nichts zu entscheiden. Bin ich deswegen unwichtig? Ich muss mal einen Experten konsultieren!

Barcelona ist eine der tollsten Städte. Warme Temperaturen und Menschen. Ich beschließe, dort über das Wochenende zu bleiben. Als ich zurück bin, klopft Südkorea an die Tür.

Die Erde dreht sich schneller.

Auf meinem Rückflug aus Südkorea sehe ich meinen ehemaligen Kollegen in der Halle des Münchener Flughafens. Vermutlich war er beim Kunden, bei dem wir gemeinsam vor einem Jahrzehnt die Software eingeführt hatten.

München an einem kalten Wintermontag. Es ist spät, es ist dunkel, es sind minus zehn Grad – gefühlt mehr. Mehrere Berater mit Rollkoffern warten im hartgepressten Schnee an der Bushaltestelle, um ins Hotel befördert zu werden.

Nach unserem Projektleiter sei ein Taxi zu teuer für uns alle. Ich habe keinen Wintermantel an, stehe nur in dünnem Anzug da und vermeide das Zittern. Die Kälte frisst sich durch die wenigen Schichten meiner Kleidung durch. Aber ich wehre mich. Würde ich jetzt nachgeben, würde ich die Kontrolle über meinen Körper verlieren.

An jenem Tag bin ich seit 4 Uhr morgens wach. Fuhr früh nach Hannover und flog gemeinsam mit meinen Kollegen nach München. Bis wir beim Kunden ankamen, war der halbe Tag gelaufen. Also arbeiteten wir abends länger. An den anderen Tagen starteten wir früher. Jeden Tag ungesund viele Stunden unter Dauerstress.

Ich erinnere mich, wie wir gemeinsam über mehrere Stunden hinweg uns die Haare an einem Problem rauften. Dann brachen wir ab, weil es wieder so spät wurde.

Als ich morgens mir eben jene Haare unter der Dusche wusch, fiel mir die Lösung an. Sie war so lächerlich simpel, dass ich es nicht glauben konnte, aber nach so vielen Stunden Arbeit war geistig niemand mehr von uns in der Verfassung gewesen, auf diese Lösung zu kommen. Hätte ich viel früher mit der Arbeit aufgehört, dann hätte ich nicht nur viel schneller die Lösung gefunden, sondern sehr viel Arbeitszeit gespart.

Aber es ging nicht nur um schnelle Lösungen. Es ging um den persönlichen, fast schon heroischen Einsatz bis zur Schmerzgrenze. Denn dann, aber nur dann, konnten wir dem Kunden gegenüber zeigen, dass wir wirklich alles für ihn getan hatten.

Krankheit als Auszeit von der Arbeit

Auf dem Hotelzimmer lasse ich mir ein heißes Bad ein. Es hilft nur vorübergehend. Das Projekt mit seinem harten Anschlag kostet uns alle sehr viel Kraft und führt uns an unsere Grenzen. Was ist der Sinn?

Am Mittwoch bin ich dran mit Fieber und bleibe im Hotelbett kleben. Zu meinen Füßen an der Wand hängt ein übergroßes Kreuz mit einem leidgeprüften Jesus. Das gibt es nur in Bayern.

»Ich weiß«, sage ich, »wir leiden alle auf unsere Weise.«
»Ich weiß, warum ich all das Leid auf mich genommen habe.«

Eine unausgesprochene Frage schwingt darin, an dessen Ende wie an einem losen Faden eine Antwort flattert.

Das ist das erste und bisher das einzige Mal, dass ich an einem Arbeitstag mich komplett krank melde. Normalerweise wurde ich wie jeder gute Berater viele Jahre hintereinander im Urlaub krank, wenn das Adrenalin sank.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten: Längere 8 Stunden Tage

November 2017, ein Evergreen kehrt zurück. Manchmal in anderem Gewand: »Wirtschaftsweise fordern das Ende des Acht-Stunden-Tags.«

Diesmal jedoch sind die Experten ein wenig weiser geworden, denn es geht nicht mehr nur um den Fachkräftemangel, sondern die Digitalisierung erfordere eine andere, flexiblere Arbeitsweise. Der Mitarbeiter solle innerhalb der Woche mehr als 8 Stunden am Tag arbeiten dürfen. Immerhin bliebe damit die Wochenarbeitszeit gleich.

Krass, das wäre mal revolutionär!

Flexibilisierung der Arbeitszeiten: Mein Kunde vor Ort

Neuer Kunde, neues Glück. Ich bin Heimschläfer für eine Weile. Ja, das gibt es auch. Jeden Morgen fahre ich zu einem Kunden und abends wieder heim. Manchmal früher. Alles ist etwas langsamer – solider. Qualität ist dem Kunden sehr wichtig, und das spürt jeder.

Das Unternehmen hatte seit längerem die Gleitzeit eingeführt. Die Mitarbeiter können in einem gewissen zeitlichen Rahmen um die Kernarbeitszeit herum flexibel kommen und gehen. Frühaufsteher wie ich fangen bereits zwischen 7 und 8 Uhr an, manchmal sogar vor sieben. Andere hingegen bringen morgens ihre Kinder zum Kindergarten oder Schule und arbeiten dafür bis 17 oder 18 Uhr.

Ebenfalls kann jeder Mitarbeiter bis zu 10 Stunden pro Tag arbeiten, wenn es die aktuelle Situation erfordert oder um sich selbst ein flexibles Polster aufzubauen. Stunden werden dabei auf dem Stundenkonto angesammelt und können ausgezahlt oder abgefeiert werden.

Unvorstellbarer Weise hatten alle Unternehmen, bei denen ich in den letzten Jahren als Berater tätig sein konnte, ähnliche, flexible Modelle. Krass, oder?!

Am Ende der Weisheit

Wenn der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt Flexibilität fordert und sagt: »Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet.« – was also meint er damit?

Bedeutet es, die Arbeit hört einfach nie auf? Oder deutet er damit an, dass man nicht mehr ins Büro muss, weil man von überall jederzeit arbeiten kann? Also plädiert er für Homeoffice?

Ja, nein, natürlich nicht.

»So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest.«

Wie oft wollte ich Zuhause abends oder morgens telefonieren oder eine Mail lesen und traute mich nicht. Ich tat es dennoch, still und heimlich. Und anstatt das Brot morgens mit einem Fluch zu belegen, zauberten mir die Inhalte der Mails ein Lächeln ins Gesicht.

Nein, es geht um den Schutz des Arbeitgebers und nicht des Mitarbeiters, ich Dummerchen!

Daher verstehe ich auch nicht, warum die Arbeit nach der Arbeit Zuhause weitergehen muss. Was gibt es, das man nicht innerhalb der geregelten Arbeitszeit schafft oder nicht am nächsten Morgen erledigen kann? Bei Notärzten und Feuerwehrmännern verstehe ich das oder in bestimmten Projektphasen. Das klappt bereits jetzt bei allen Kunden, bei denen ich tätig war.

Von einem Berater wie mir hätte ich schon mehr Verständnis erwartet. Irgendwie bin ich von mir enttäuscht und funktioniere nicht so, wie ich sollte.

Etwas geknickt lese ich weiter. Im vergangenen Jahr haben die Beschäftigten 1,8 Milliarden Überstunden geleistet, davon sei die Hälfte unbezahlt.

Und wie viele Stunden wurden nicht gemeldet und fielen unter den berühmten Frühstückstisch? Nennt man das Schwarzarbeit, wenn heimlich gearbeitet wird und es dann als Freizeit deklariert? Müsste es dann nicht Weißarbeit heißen… oder zählt das Lesen einer Mail am Frühstückstisch als Arbeitszeit? Vielleicht sollte ich meine Perspektive wechseln – ich wechselte die Spur.

Spurwechsel mit Erholung

Es gab Zeiten, da habe ich meine Eltern beneidet, die nach der Arbeit nach Hause kamen und Ihre Arbeit nicht mit nach Hause nahmen. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Horrorfilm, wo das Opfer kreischend weglief, aber niemals entkam, denn ich stand auf der Stelle – die unsichtbare Hand, ihr wisst schon.

Der »Horror« war nicht da draußen, sondern in meinem Kopf. Es gab für mich keinen Schutzraum, kein Panic Room, kein Rückzugsort.

Aber ich lerne – ungern, da ich im Grunde alles weiß und der Rest nur eine Variation des Gleichen ist – so flexibel bin ich dann doch: Arbeiten im Extremen muss nicht nur begrenzt sein, sondern vor allem auch Sinn machen.

Als das Hamsterrad seine Türen wieder öffnete und zum Tanz aufforderte, nahm ich an und versuchte Korrekturen aus dem Inneren heraus. Doch war ich kein griechischer Held, kein Sisyphos. Ich kündigte und wechselte zu einem besseren Arbeitgeber.

Diese Freiheit hat nicht jeder, und mir fiel es auch nicht leicht. Irgendwann werde ich diese Freiheit nicht mehr haben. Bei 55 hört die Flexibilität auf, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, eingestellt zu werden.

Aber noch habe ich Zeit bis das »Später« als »Zu Spät« an mir vorbeirast.

Merke: Wann immer dich jemand um Flexibilität bittet, dann frage ihn, was er selbst dafür aufzugeben bereit ist, denn sonst nimmt er es für Selbstverständlich und fordert beim nächsten Mal mehr.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten, aber diesmal anders

Kürzlich Freitagabend. In einem Schlosshotel im Süden. Treffen der Führungsebene. Gediegen. Ein Gespräch mit einem Partner über die Ausrichtung und Strategie der Firma.

»Wir müssen flexibler werden.«

Wann immer ich dieses Wort höre, beschwört es alte Geister herbei. Verdeckte Mehrarbeit. Ehrlich, ich will auch keine bezahlte Mehrarbeit. Ich arbeite automatisch (zu) viel. Wenn mir die Arbeit Spaß macht, ist es für mich keine Arbeit. Das gibt es auch.

Es ist einer der wenigen Momente, wo ich aus dem »Wir« etwas mehr als nur ein ausschließendes »Ihr« heraushöre: Es ist ehrlich gemeint und keine Einbahnstraße.

Denn, das hat mein Arbeitgeber verstanden, ein nachhaltiges Wachstum nicht nur im digitalen Umfeld – die Anforderungen jüngerer Generationen unterscheiden sich von meiner Generation – erfordert ein zeitgemäßeres Arbeitsmodell auf Arbeitgeberseite. Sonst bist du nicht mehr attraktiv für Mitarbeiter. Als dringendes Beispiel hob der Partner die Integration von Mitarbeitern, die Eltern werden, hervor. Eine junge, schwangere Frau nickte zufrieden.

Werden Unternehmen nicht flexibler, dann werden sie sehr wahrscheinlich ein Problem bekommen, weil sie gute Mitarbeiter nicht halten können und/oder keine neuen sich für offene Stellen bewerben. Da könnte man natürlich an Mehrarbeit in der Stammbelegschaft denken. Damit könnte der Druck auf die Mitarbeiter steigen und die Spirale weiterdrehen. Eine Folge davon dürften krankheitsbedingte Ausfälle sein.

Steigt die Mehrarbeit für einen Mitarbeiter, so könnte dies dem Arbeitgeber kurzfristig helfen und Kosten sparen (und ihn bestätigen, nicht zu viele Menschen selbst auszubilden, um den Druck nachher zu erhöhen), aber langfristig dürfte dieser Arbeitgeber im Wettbewerb um die besten Köpfe – eine scheußliche Formulierung, mein Körper möchte auch gewollt werden – verlieren.

Wenn es einen Mangel gibt, dann ist er hausgemacht.

Der weise Spruch am Ende

Was bleibt am Ende übrig? Der Kunde in München ist immer noch sehr zufrieden. Das tröstet. Kanada arbeitet bis heute mit der Software. Vertrag läuft allerdings am Jahresende ab.

Ein einfacher Mann (also ich), sagte mal:

Wer seiner Zeit hinterher hinkt, dem kann es schnell passieren, dass er beim Blick in die falsche Richtung denkt, er sei ihr voraus.

Gerne wäre ich weise, leider fehlt mir dazu die Expertise.

Quellen & Links

07.07.2004 im Handelsblatt online: Ifo-Chef fordert mehr als 40 Stunden
URL: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wirtschaftsexperten-fordern-50-stunden-woche-ifo-chef-fordert-mehr-als-40-stunden/2358756.html, Stand 26.11.2017

24.10.2010 im Zeit online: Experten rechnen mit längeren Arbeitszeiten
URL: http://www.zeit.de/news-102010/24/iptc-bdt-20101023-13-26937954xml, Stand 26.11.2017

12.11.2017 im Welt online: Wirtschaftsweise fordern das Ende des Acht-Stunden-Tags
URL: https://www.welt.de/wirtschaft/article170529775/Wirtschaftsweise-fordern-das-Ende-des-Acht-Stunden-Tags.html, Stand 26.11.2017

12.11.2017 im SPON Wirtschaftsweiser hält Achtstundentag für “veraltet”
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/wirtschaftsweiser-haelt-acht-stunden-tag-fuer-veraltet-a-1177631.html, Stand 26.11.2017


3 Gedanken zu “Flexible Arbeitszeiten mit der Brille eines Beraters

    Reposts

    • Hakan von C

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