Man wird doch wohl noch…

Konfuzius sagt: »Hört endlich auf, mich ständig falsch zu zitieren!«

In einem sehr persönlichen Interview gestand der Großmeister mir gegenüber seine Sorgen über den Umgang der Menschen mit seinen Lehren und generell der Wahrheit. Allerdings gestand er auch, wie froh er darüber sei, nicht von Gauland zitiert worden zu sein.

Wer lang genug suche, sagte der Lehrmeister, der finde zu jedem Thema irgendjemanden, der sich irgendwann für irgendetwas oder dagegen aussprach. Manchmal sogar in ein und derselben Person.

Im Internet, fuhr er fort, sei dies heutzutage ein Kinderspiel. Jedoch, mahnte er, solle man zwischen dem, was jemand sagt, was jemand meint und was andere verstehen, unterscheiden. Denn das Herz hört immer besser als der Verstand zu begreifen vermag.

Ich erinnerte mich an eine Talkrunde mit Gauland im Ersten oder ZDF – welche Sendung es war, daran erinnerte ich mich allerdings nicht. Sie glichen sich zu sehr in Themen, Gästen und dem Gesagten. Gleicher Inhalt mit anderem Label.

In dieser Sendung am Abend saß Gauland und wiederholte, dass die Deutschen stolz auf die Leistung deutscher Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg sein durften.

Ich zuckte irritiert auf. Stolz, Zweiter Weltkrieg, Holocaust.

Doch bevor meine Gedanken sich zu etwas Greifbaren sortieren konnten, setzte er nach. Mitterrand hätte die Tapferkeit der deutschen Soldaten auch gelobt.

Mitterrand? Franzose, Sozialist und überzeugter Europäer! Also das Gegenteil von Gauland.

Hier stimmte etwas nicht und lief schief, sagte mir mein Gefühl. Auch, wenn alles, was er sagte, sachlich korrekt war, war es falsch.

Intuitiv versteht der Mensch vieles mehr als er in Worte fassen kann. Das Gesagte ist immer mehr als nur die Worte, die benutzt wurden. Ebenso wichtig für die Aussage ist derjenige, der es sagt. Wenn Mitterrand etwas sagte, legitimierte es Gauland nicht, das gleiche zu sagen oder gleichbedeutend zu sein.

Bevor das Gemisch aus Gedanken und Gefühlen zu einem greifbaren Protest heranreifen konnte, ließ die Moderatorin das Gesagte so stehen und ging weiter im Text.

Ich vergaß das Ganze, bis ich diesen Text auf Bildblog las. Darin liest der Autor nach, was Mitterrand tatsächlich in seiner Rede gesagt hatte und kommt zu dem Ergebnis:

»Der damalige französische Staatspräsident lobte in seiner Versöhnungsrede 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag zwar die Tugenden des deutschen Volkes und auch den Mut der Soldaten. Doch nirgendwo auch nur im Ansatz die „Leistungen deutscher Soldaten“ in den Weltkriegen. Gaulands Behauptung ist keine Verdrehung oder eine Missinterpretation. Es ist ganz einfach: Gauland lügt.«

Wieso hatte das niemand zuvor geprüft? Lebte das Geschäft von der Empörung statt von Aufklärung? Wo blieb der tolle Faktencheck? Im Prinzip konnte jeder irgendetwas behaupten, was niemand hinterfragte.

Eine beunruhigende Weiterentwicklung des »Man wird doch wohl noch sagen dürfen«.

Falsche Zitate dürfte Gauland nicht mehr so leicht benutzen können. Die Krönung wäre allerdings, das richtige Zitat im falschen Kontext zu nutzen. Ich warte jetzt gespannt darauf, dass jemand Andrea Nahles mit »In die Fresse« zitiert:

Mein Interview schloss Konfuzius mit den Worten ab:

»Triffst du einen Menschen, mit dem zu reden sich lohnt, und du redest nicht mit ihm, so hast du einen Menschen verfehlt.

Triffst du einen Menschen, mit dem zu reden sich nicht lohnt, und du redest mit ihm, so hast du deine Worte vergeudet.

Der Weise verfehlt weder einen Menschen, noch vergeudet er seine Worte.«

photo by pixabay


2 Gedanken zu “Man wird doch wohl noch…

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