Let’s Talk About Sex mit Buffer Overflow

Sex Reden

»Die Männer«, sagte sie mit kokettem Augenaufschlag, »wollen immer nur über Sex reden. Das langweilt mich.« Ihr Blick schweifte abwesend in die Ferne, als sehnte sie sich nach etwas Unerreichbarem.

Was für ein Glück für mich!

Reden konnte ich, aber über Sex? Auch wenn ich enttäuscht war, fühlte ich mich erleichtert. Über Sex zu reden fand ich immer ein wenig schwierig, vor allem, wenn man gerade die Dame kennengelernt hatte und sie am liebsten – respektvoll – in den Himmel vögeln wollte. Das Gespräch musste sich ergeben.

Ich war mir nie sicher, ob man beim Sex miteinander redete und wenn ja, was sagte man da? Oh, ah, du fühlst dich so gut oder so geil an. Oder: Du bist so wunderschön. Wer angeben wollte, sagte: Mein Gott, bist duhhh eng (ein gedehntes »du« ist wichtig, damit das »eng« knapp ausfällt).

Und wieso fiel mir dieser abgenutzte Schrott jetzt wieder ein?!

Ich fürchtete, sollte es zu Sex kommen (ich Optimist!), würde mir mein Unterbewusstsein einen Streich spielen und genau diese Worte in einem unpassenden Moment in meinen Mund legen (Pessimist).

Eine Frau hatte mir davon erzählt. Ja, das Gespräch ging über Sex und die Dos und Don’ts, wobei das Letztere die größere Neugier mit den Lachmuskeln weckte. Seitdem geisterten diese Worte in meinem Kopf herum und verlangten nach Spaß – wobei, als ich selbst hörte, dass ich mich gut anfühlte, gefielen mir diese Worte.

Also, was, wenn man wirklich so empfand.

Ein dumpfer Sound drang aus der Disco und begleitete uns ein paar Schritte auf unserem Weg durch die Nacht. Vögel begannen aufzuwachen und den Morgen anzukündigen.

Ich war müde und gleichzeitig aufgedreht – oder aufgekratzt. Mir fehlte die Muse, in mich hinein zu horchen und meine Gefühle differenziert zu analysieren.

Aber wenn ich sie ansah, stolperte mein Herz sofort über ihre Grübchen direkt in meine Hose, und ich blickte verlegen weg. Jedoch ließ ich mir nichts davon anmerken und gab den coolen Typen. Souverän, unnahbar und alles unter Kontrolle, Baby.

»Magst du Literatur oder Kunst?« Ich suchte ein Thema, über das wir hätten reden können – eigentlich eins, mit dem ich sie beeindrucken konnte. Welche Frau wurde nicht schwach bei einem dieser Themen. Und ich, Baby, hatte beide drauf! Warum ich ein »oder« dazwischen schob, wusste ich nicht. Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, schob sie ein »Ja« dazwischen.

»Was denn jetzt von beidem?« (Ist die dumm?)

»Was hast du heute gemacht, erzähl mir davon.«

Kommt ein Mann von der Arbeit nach Hause… echt jetzt? Ihr spontaner Themenwechsel überraschte und irritierte mich.

Es war Freitag und ich Student. Da ich freitags kaum Vorlesungen hatte, hielt ich mich häufig in der Bibliothek auf. Ich hatte die Klassische Moderne und Thomas Mann für mich entdeckt. Wann immer ich Zeit hatte, ging ich in die Bibliothek der Literatur-Fakultät und stöberte in der Sekundärliteratur zu Thomas Mann und seinen Werken. Ich war auf der Suche nach einer Antwort auf meine Frage: Wie konnte ein Mensch so formulieren und solche Werke schreiben?

Davon erzählte ich und schaute zu ihr, als hätte sie eine Antwort darauf.

Meine Begeisterung löste sich in dem Schatten zwischen ihren Augenbrauen auf.

»Dann«, fuhr ich schnell fort, »ging ich in meine Biologie-Vorlesung. Neurowissenschaften!« Ich machte eine Pause als sei es ein Cliffhanger und beobachtete sie. Hatte ich wirklich eine Biologie-Vorlesung besucht?

Keine Reaktion.

Gut, dachte ich mir, aber auch kein Zeichen von Desinteresse. Also fuhr ich fort. »Das Thema war Schizophrenie.«

Plötzlich begann ich über die Dopaminhypothese zu sprechen. Hörte mich Worte wie »Neurotransmitter« und »Dopamin« aussprechen und steigerte mich mit »Dopaminüberangebot im limbischen System« in fachlichen Kauderwelsch, als wäre ich Dozent oder würde in einer Prüfung sitzen.

Während ich mich über mich selbst wunderte, wie ich all das Zeug mir gemerkt hatte, holte ich für eine kurze Einführung in die Anatomie des Gehirns aus. »Das limbische System musst du wissen…«

»Was studierst du eigentlich.«

»Ähm…« War das eine Vollbremsung oder Fahrt gegen die Wand? Wo blieb der Teil mit dem Angeschmachtet-Werden und den bewundernden Blicken?

Strg + Alt + Del.

»Informatik. Also Naturwissenschaftliche Informatik.«

»Irgendwas mit Computern, oder?«

»Ähm, ja… fast. Also mein Studienfach setzt sich aus den klassischen Naturwissenschaften und der Informatik zu–«

»Was ist deine Lieblingsstellung?«

Was?!

Ich verstand gar nichts.

Meine CPU lief heiß. BUFFER OVERFLOW. Der Kühler hyperventilierte. Hatte sie mich eben das gefragt, was ich verstanden hatte?

In Gedanken versuchte ich, Ordnung in das Chaos zu bringen, in das sie mich geworfen hatte. Ein »buffer overflow« war ein Überlauf des Puffers, verursacht durch einen Speicher, der die dafür reservierten Daten nicht erfassen konnte. Ein Fehler im Programm, der zu einem der häufigsten Sicherheitslücken in der Software führte.

Das Tolle an diesem inneren Zustand war, dein Gehirn beschäftigte sich so sehr mit sich selbst, dass es deinem Körper keine verräterischen Signale geben konnte – nach außen hin war ich immer noch der Coole!

»Öhm…«

In ihrem Mundwinkel versteckte sich ein Lächeln.

Hatte sie mich gehackt?

Hatte ich das, was sie eingangs gesagt hatte, zu wörtlich genommen?

Entging mir die Botschaft zwischen den Zeilen?

Was hatte ich übersehen?

Meine Gedanken kreisten immer wieder um die gleichen Fragen ohne eine Antwort zu finden. Wie ging noch mal die Tastenkombination mit dem Affengriff? Und überhaupt! Weiß SIE überhaupt, was sie will?!

Ich lernte gleich zwei Dinge über mich und viel mehr über Frauen: Ich war ein kluger, belesener und vielschichtiger Mann mit scharfsinnig-analytischen Fähigkeiten und ein Vollidiot! Eine wilde Mischung, die das Höschen jeder Frau zu Freudentränen rührte.

Das Ihr Vorspiel hatte begonnen.


2 Gedanken zu “Let’s Talk About Sex mit Buffer Overflow

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