Die Butterblumen des Bösen

Herr Hanswurst zählte seine Schritte als er durch die sommerlichen Gärten schritt. Eins, zwei, drei… als ihn ein Summ, Summ, Summ aus den Takt brachte.

Er blickte sich um, und seine hellbraunen Augen bohrten sich tief in die Landschaft. Aber er sah nichts. Nur Wiesen mit gelb gesprenkelten Blumen, die sich sanft im Wind wogen.

Also von neuem. Ein, zwei, drei… – summ, summ, summ. Herr Hanswurst zuckte und hielt den Atem. Da war es wieder dieses störende Summen! Wieder blickte er um sich und während seine Augen sich verengten und den Horizont absuchten, ballten sich seine Fäuste. Trotzdem sah er wieder nichts. Was hätte er auch sehen sollen, denn er wusste nicht, wonach er suchen sollte.

Gut, sagte er sich und setzte seinen Marsch fort. Vier, fünf,… summ, suMM, SUMM und dann ein PENG! Etwas knallte gegen seinen Kopf.

Ich bin getroffen!

Seine Hände schossen abwehrend hoch. Zu spät. Er fasste sich an die Stirn. Vorsichtig tastete er sich vor. Pfützen aus Schweiß hatten sich zwischen den kleinen Erhebungen dort oben gebildet. Sein Blick schnellte atemlos über die Wiesen.

Dort sah er nichts. Oder doch?! Eine gelbe Blume wackelte auffällig hin und her. Er fixierte die sie und sah nur Rot. Diese verdammte Butterblume! Dir werd ich es zeigen!

Mit erhobener Faust stürzte er sich auf das grelle Gewächs und trat wie ein Wilder darauf ein. Und während seine Füße wie Dampfwalzen auf das wehrlose Geschöpft niedersausten, pumpten sich seine Halsschlagadern so stark auf, dass sein Kopf purpurrot zu leuchten begann und kleine Adern auf seinen Schläfen blau-violett wie überquellende Flüsse hervortraten.

Erschöpft trat er zur Seite, sackte seufzend im Stehen in sich zusammen und schaute an die Stelle, wo einst das Gelb gefunkelt und ihn verhöhnt hatte.

Er atmete tief ein und richtete seinen Körper auf. Wischte die Schweißperlen von seiner Oberlippe ab, um anschließend mit ruhigen Schritten weiter zu gehen.

Eins, zwei, drei… – summ, summ, summ. Vor Schreck zuckte Herr Hanswurst zusammen, während sein Herz sich trocken in seinem Hals hoch schlug. Was, wieso… woher?!

Aus den Augenwinkeln sah er zu der Wiese auf die gelbe Fläche. Entdeckte dort eine tanzende Butterblume, die sich über ihn lustig machte. Ich-muss-sie-alle-töten!

Er tat es.

Eins, zwei, drei – er hielt inne, horchte, doch kein Summen, vier, fünf, sechs, das störte. Der Gedanke an eine butterblumenfreie Welt erfüllte sein Herz mit Freude. Sieben, acht, neun, bis hundert und dann rückwärts. Bei jeder Bewegung tanzten seine Arme locker von seinen Schultern herab und rechts und links wogen sich seine Hüften auf dem Weg. Ach wie schön war das doch!

Aber plötzlich begann er sich zu langweilen, und eine Leere machte sich in seinem Herzen breit. Schuld daran waren wieder die Butterblumen.

Jetzt begann er die Butterblumen umso mehr zu hassen und sehnte sich heimlich nach ein paar Butterblumen, an denen er seinen Hass ausleben konnte.

Alle anderen Pflanzen sah er nicht. Also säte er heimlich, obwohl das niemanden interessierte, überall in der Stadt Blumensamen aus.

In seinem Herzen keimte Hoffnung auf.

Jeden Morgen lief er voller Freude durch die Straßen und sommerlichen Gärten und suchte vergeblich nach den aufblühenden Blumen. Doch er fand nichts. Es war kein Verlass auf diese verdammten Butterblumen!

Der Herbst mit seinem schmutzigen Gelb trat ein und erinnerte ihn an seinen schmerzhaften Verlust. Eine unerklärliche Schwere legte sich bleiern um das ruhelose Herz des Hanswursts. Eines Morgens wachte er auf und war tot.

Im nächsten Frühling des nächsten Jahres begannen die Butterblumen überall aus dem Boden zu sprießen. Und alle Menschen, die diese gelbe Pracht sahen, fragten sich, wer all diese schönen Blumen hierhin gepflanzt hatte.

Obwohl es nie Nebel gab, sagte jemand: »Bestimmt ein Umweltaktivist in einer Nacht und Nebel Aktion.« Doch niemand fand es je heraus, denn Herr Hanswurst nahm das Geheimnis mit ins Grab. Alle waren sich aber in einem einig: »Das muss ein Mensch mit gutem Herzen gewesen sein.«

photo by pixabay

2 Gedanken zu “Die Butterblumen des Bösen

    Reposts

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.