Himmel und Hölle

Grausam verunstaltete Wesen mit herabhängenden Hautfetzen in einem qualvoll zerrissenen Gesicht auf einem abgeschlachteten Körper, der wundrot pulsierte und in verfaultem Dunkelbraun schimmerte.

Als Kind fürchtete ich mich vor der Hölle. Nicht, weil ich ein schlechter Mensch war oder Angst vor den schrecklichen Strafen hatte. Nein, ich fürchtete mich vor eben jenen Gestalten.

Und wenn ich sie sah, wusste ich, jetzt kennen sie auch mich und wissen, wo sie mich finden werden.

Dann schlichen sie sich nachts durch meine Gedanken hindurch in mein Zimmer und lauerten auf mich. Ich zog die dünne Decke über meinen Kopf und versuchte, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken.

Jetzt bin ich erwachsen.

Zwar lehrt mich die Hölle irrationaler Weise immer noch in einem dunklen, einsamen Zimmer das Fürchten, aber ich halte nicht viel von der Bestrafung im Jenseits.

Was mir jedoch gefällt, ist die Vorstellung von Menschen, die zu Lebzeiten gepeinigt wurden oder denen es schlecht erging und die jetzt im Himmel ihr Seelenheil finden und dort eine glückliche Zeit verbringen.

Für diese Menschen hoffe ich, dass es den Himmel wirklich gibt.

Aber mir liegt das Diesseits näher, denn manchmal ist der Himmel oder die Hölle ebenso auf Erden und manchmal ein und derselbe Ort, häufig menschengemacht.

Daher gefällt mir die Parabel von »Himmel und Hölle«, die ich vor fast 13 Jahren im Buch »Die Reise mit Paula*« (*Amazon Werbelink) von Irvin D. Yalom las. Ich hörte eine abgewandelte Version davon kürzlich im Radio auf WDR5.

Meine Version geht so:

»Der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel isst«

»Der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel isst«
aus William Shakespeares »Komödie der Irrungen«

Ein Rabbi bat Gott darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen.
Gott schickte ihm den Propheten Elija.

Elija führte den Rabbi in einen Raum mit einem großen Tisch. In der Mitte des Tisches stand ein riesiger Topf mit einem köstlichen duftenden Gericht darin, der dem Rabbi das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Doch dann sah er die gequälte Menschen, die totenstill um den Tisch saßen. Entsetzlich ausgemergelte Körper mit verzweifelten Ausdruck auf einem totenkopfähnlichen Gesicht.

An ihren Handgelenken war ein Löffel mit sehr langem Stiel angekettet. Obwohl der Löffel bis zum köstlichen Topf reichte, war er zu lang, um ihn an den eigenen Mund zu führen. Niemand von ihnen konnte jemals etwas essen.

Das war die Hölle.

Der Prophet führte den Rabbi in den Raum nebenan, der genauso aussah wie der erste. Auch dort stand ein Tisch mit dem gleichen Topf köstlichen Essens in der Mitte. Ebenso saßen Menschen mit angeketteten Löffeln um den Tisch.

Aber in diesem Raum herrschte Freude und Glück. Diese Menschen waren wohlgenährt. Sie redeten und lachten miteinander.

»Ich verstehe nicht«, sagte der Rabbi.
»Schau genau«, sagte der Prophet. »In diesem Raum haben sie etwas gelernt.«

Der Rabbi schaute hin und sah, wie sich die Menschen gegenseitig ernährten.

Das ist der Himmel.

Vom Glück auf Erden

Was mir besonders an dieser Parabel gefällt: Himmel und Hölle können gleich und gleichzeitig überall sein. Es ist der Mensch und sein Umgang mit seinen Mitmenschen, der den Unterschied zwischen Himmel und Hölle ausmacht. Ebenso hängt das Glück des Einzelnen von einem anderen Menschen ab.

Aneinander gekettet

Die Parabel ließe sich variieren.

Statt der Löffel könnten die Menschen am Tisch an den Gelenken aneinander gekettet sein. Denn unsere Schicksale sind miteinander verknüpft. Niemand lebt und handelt im luftleeren Raum. Jede Handlung hat unmittelbare Auswirkungen auf Mitmenschen, ob nah oder fern. Der »Starke« kann sich nur eine Weile auf Kosten der anderen durchsetzen. Irgendwann sitzt er alleine am Tisch und hat am Ende alles verloren.

Himmel und Hölle müssen keine der Orte außerhalb von uns sein, sondern in uns, in denen wir nicht passiv »teilnehmen«, sondern Teil dessen sind bzw. sein können.

Daher kann jeder von uns etwas dafür tun, um sich und andere glücklicher oder unglücklicher zu machen.

Natürlich schreibt sich das gut und leicht. Daher versuche ich (bescheiden), niemandem zu schaden…

 

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Quellen & Links

Irvin D. Yalom: »Die Reise mit Paula« (Amazon Werbelink).
Die Parabel ist auf Seite 43 in der 5ten Ausgabe aus dem Juni 2000 zu finden.

 


3 Gedanken zu “Himmel und Hölle

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