Ein Einschulungstest oder die zweifelhafte Bewertung eines Kindes

»Ich muss dir etwas erzählen«, sagte die Mutter der 6-jährigen Paideia zu mir. Sie sprach die Worte eine Spur zu hastig aus, als sei sie aufgeregt oder aufgebracht. Ich verkniff mir ein Was hat sie wieder angestellt.

Die 6-jährige Paideia hatte ihren Einschulungstest erfolgreich hinter sich gebracht. Und doch ragten aus dem Blatt mit dem Ergebnis kleine Nadeln heraus, die bei jeder Erinnerung daran in das Herz ihrer Mutter stachen und einen anhaltenden Schmerz hinterließen.

Unruhiger Schlaf

Am Tag des Tests, erzählte mir ihre Mutter, hätte die kleine Pat (wie sie manchmal liebevoll auch genannt wird) einen unruhigen Schlaf gehabt.

War sie aufgeregt wegen des Termins gewesen oder bahnte sich eine Erkrankung an?

Aber das spielte keine Rolle, auch, wenn es von Bedeutung hätte sein können.

Durchstreichen mit ungewollter Perfektion

Die Dame, die sie testete, sagte zu Pat, sie solle so schnell wie möglich die Gesichter durchstreichen, die Freude zeigten. Es ginge darum, zu sehen wie gut sie Gefühle erkennen könne, teilte sie der Mutter mit.

Paideia malte auf die smileyhaft gestalteten Gesichter ein »X«. Ihre Kreuze strichen mit perfekter Linienführung die Freude aus den Gesichtern. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, immer sorgfältig und sauber zu arbeiten.

Aber das zählte nicht. Beim Einschulungstest ging es um die quantitative Erfassung von Leistung. Dass andere Kinder nur mit einer Linie durchstrichen und schon alleine deswegen schneller waren, zählte nicht. Die eigene Unpräzision ist niemals ein Thema. Dennoch war Pat eine der schnellsten. Sie fand 20 Gesichter. Nur eine vor ihr hätte 21 geschafft, sagte die Dame noch schnell.

Aha, dem Kind zeigen, dass andere besser als sie seien, um sie zu motivieren?

Ich war ein wenig gehässig und vielleicht unfair, aber diese Form des Lobes musste ich mir unbedingt merken. Eignet sich hervorragend, um Erwachsene zu loben, während man ihre Leistung süffisant herabsetzte. Eigentlich GENAU mein Humor!

Hätte die feine Dame den Test auf einem iPad oder Handy gemacht, wäre Pat unschlagbar gewesen. Sie machte schon seit ein paar Jahren erstaunliche Bilder mit dem Handy Eltern. Und wenn ich sie ein Spiel darauf spielen sah, dann navigierte sie sich sehr geschickt durch satt aufblitzende Bildschirme in atemberaubender Geschwindigkeit, bevor mein Gehirn in der Lage war, ein Abbild auf meiner Sehrinde zu schaffen.

Aber das interessierte niemanden. Der Test wird nicht den Lebensumständen angepasst, die Kinder haben sich dem Test anzupassen.

Der nächste Test – alles im Griff?

Pat bekam einen Stift und sollte ihren Namen aufschreiben. Sie umfasste den Griff zusätzlich mit ihrem rechten Mittelfinger – etwas, dass viele Kinder anfangs taten und mit dem richtigen Stift leicht zu vermeiden wäre.

Die Dame, darauf trainiert, auf solche Details zu achten, forderte sie auf, den Stift nur mit Daumen und Zeigefinger zu halten.

Pat ist ein sensibles Kind, das in dem Ton der Dame eine Kritik heraushörte. Eingeschüchtert und etwas demotiviert, versuchte sie ihren Stift in vorgegebener Weise zu halten. Doch ungewohnt führte sie die Linien auf dem Blatt zittrig aus. Das mochte sie nicht und schämte sich dafür. Sie hatte gemerkt, dass sie nicht dem entsprach, was diese fremde Frau von ihr erwartete.

Wieder schrieb die Dame etwas auf.

Vielleicht war es auch die Anspannung der Mutter, die mit zunehmend kritischem Blick eine Abwertung und Fehlberurteilung ihres Kindes sah. Und welches Kind möchte die eigene Mutter enttäuschen. Kinder haben dafür feine Antennen.

Für Paideia passierte dort etwas, das sie nicht verstand. Sie wusste nicht, dass es hier um ihre Zukunft ging. Verstand auf kindlicher Ebene, dass sie schuld daran war. Sie begann sich immer unwohler zu fühlen. In ihrem inneren braute sich etwas zusammen. Etwas, dass ihr zu sagen schien, das hier ist nicht richtig und gefällt mir nicht. Dann plötzlich wollte sie nicht mehr schreiben.

»Wow, stark!« Ich freute mich über ihre mutige Reaktion. Als Kind hätte ich das nie gewagt.

Die Dame aber erkannte hier wieder Potenzial. Ob ihr Kind sich häufiger so verhielte?

Ja, wenn sie etwas nicht wolle, dann täte sie es nicht. Das, was ich als starken Willen, Durchsetzungsfähigkeit, als Hören auf die eigenen Gefühle und Fühlen, dass die Situation so nicht in Ordnung ist – also alles, was ich als Stärke bezeichnen würde, stieß bei der Dame auf ein Defizit. Geringe Frustrationstoleranz. Man könnte sie doch therapieren!

Momentaufnahmen einer uninspirierten Kamera

Ich fiel an einem sonnigen Tag in Bielefeld aus allen Wolken. Der Stift in meiner Hand verharrte an dem vierten Arm meiner Krake. Meine Toleranzschwelle war erreicht.

Nein, ich war nicht im Himmel gewesen. Ebenso war ich kein Tester für die Beurteilung von Kleinkindern für die Grundschule. Das muss es sein. Menschen bilden soziale Gruppen mit Menschen die einen ähnlich sozialen, kulturellen und auch Bildungsstand haben, sprich: Ich musste auch therapiert werden, denn ich verstand diese Frau nicht!

Für mich waren ihre standardisierten Tests wie die Momentaufnahmen einer uninspirierten Kamera. Situativ, statisch und unangemessen, ohne Individuum. Ein Test zur Operationalisierung und Normierung von völlig unterschiedlichen Kindern, gepresst auf das gleiche, einheitliche Maßband.

»Mangel an Ausdauer und Konzentration« schrieb die Dame auf.

Was? Pats Mutter hatte weiter erzählt. Ich schweifte ab und war unkonzentriert, weil zu viele Fragen angetrieben durch Unverständnis und Ärger sich in meinen Kopf drängten.

Hatte diese Dame je darüber nachgedacht, wie sie selbst durch ihre Art den Test beeinflusste? Vielleicht hätte sie selbst auch den Test mit den Gefühlen auf Gesichtern erkennen machen sollen.

Ich schüttle meinen Kopf. »Unfassbar!« Nein, ich sollte mich nicht aufregen. Setzte den Stift an, vervollständige den Arm und begann, feine Saugnäpfe auf die Unterseite der Arme meiner Krake zu zeichnen.

Falschherum oder nur eine Frage der Perspektive?

Paideia schrieb dann doch etwas. Ihren Namen.

»Sehen Sie das?« Die Dame richtete ihr Wort an die Mutter, als Pat zu ihr schaute. In diesem Moment musste sich Paideia wieder schlecht gefühlt haben, denn sie wurde nicht gelobt, sondern es würde über sie mit ihrer Mutter gesprochen. Sie musste gespürt haben, dass wieder etwas nicht stimmte – und vielleicht gefolgert haben, dass etwas mit ihr nicht stimmte.

Wo werden solche Menschen pädagogisch wertvoll ausgebildet, fragte ich mich.

Die Schrift war in Spiegelschrift geschrieben und auf dem Kopf stehend, also um 180° gedreht. Das war ganz schlimm!

Die Mutter jedoch, die ihr Kind besser als jeder andere Mensch kannte (dazu gehörte alles, was sie je gemacht und getan hatte), erinnerte sich und sagte: »Schauen Sie, sie haben Sie zum Schreiben aufgefordert und wollten etwas von ihr sehen, daher hat sie das Wort so geschrieben, damit Sie es besser lesen können.«

Das, was jeden normalen Menschen mit ungeübtem Blick überraschen und zum Umdenken bringen würde, beeindruckte die Dame nicht. Das Kind hatte ihren Namen nicht korrekt geschrieben. Alleine das war nur von Bedeutung und ausschlaggebend.

Wieder notierte sie etwas. Auch diesmal hörte ich nicht hin. Es wurde mir zu blöd. Ich merkte nur, wie die kleine Pat uns zuhörte und mit dem Malen aufhörte.

Die Krake mit vier Armen

»Mama«, sagte sie, hob den Stift, nahm ihren Mittelfinger vom Griffel und setzte auf dem Papier auf. »So ist doch richtig.« Ihr Gesicht wirkte angespannt und hoch konzentriert, während ihre Augenbrauen dunkel in ihr Gesicht sanken. Sie wollte unbedingt zeigen, dass sie richtig mit dem Stift umgehen konnte.

»Ja Schatz.« Die streichelte über Pats Haare und platzierte ihr langes Haar geschickt mit dem Mittelfinger hinter dem Ohr.

»Schau mal was ich gemalt habe!« Ich hielt Pat meine Karte mit der Krake vors Gesicht. Sie schaute auf und sich mein Bild ernst an, während sich ihr Mund zu kräuseln begann.

»Ein Oktopus mit vier Armen statt acht«, sagte ich (ich war zu faul gewesen, acht Tentakeln zu zeichnen) und nahm das Bild wieder weg. Ihre Augenbrauen huschten hoch und zogen ein Lächeln mit sich. Dann senkte sie den Kopf und malte weiter. Ihre Haare lösten sich vom Ohr und fielen wie kleine Tentakeln herunter, streiften sanft mit ihren Spitzen über das Blatt. Sie war wieder in ihre Welt eingetaucht.

»Man muss schon«, sagte ich zu der Mutter, »selbst intelligent genug sein, um die Intelligenz anderer zu erkennen.« Ich senkte den Kopf über meinem Blatt und begann mit der Schraffur der Krake. »Die Frau war halt nicht intelligent genug für Pat.«

Jetzt lachte sie auch. Dann folgte ein übereinstimmendes Schweigen.

Ich vertiefte mich wieder in meine Zeichnung. Blickte auf und schaute zu der Mutter, um irgendetwas zu sagen, als mein Blick auf das Blatt der Kleinen fiel.

Ich erkannte etwas. War das etwa meine Krake?

Ich brachte ein eloquentes »Häh?!« heraus und deutete der Mutter an, auf Pats Blatt zu schauen. Sie hatte tatsächlich meine Krake nachgemalt! Vier Tentakel rankten gewunden wie auf meinem Bild aus ihrem topfartigen Kopf heraus, aus dem die Krake mit zwei großen Augen neugierig in die Welt schaute!

Sie hatte nur wenige Sekunden auf mein Bild geschaut und aus dem Gedächtnis in kurzer Zeit alles mit beeindruckender Präzision und Linienführung nachgemalt.

Wäre Paideia eine Krake, dann hätte sie mindestens 12 Arme und hielte in jedem einen Stift, mit dem sie gleichzeitig unglaubliche Bilder malen könnte.

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