Quizduell oder Meine mündliche Abi Prüfung an der Disco Tür

»Ich habe auch Abitur.«

Ich mag Klugscheißer, vor allem, wenn sie dümmer sind als ich. Trotzdem antwortete ich ihm in einem so ruhigen und selbstverständlichen Ton als wäre das Abi etwas Vergleichbares wie ein Führerschein oder eine Eintrittskarte mit Vorverkauf an der Abendkasse. Denn nicht nur ich hatte Abi, sondern nahezu alle, die ich kannte.

»Beweis das!«

Orte der Abwesenheit

Sein scharfer Ton verwunderte mich im ersten Augenblick. Hatte ich ihn beleidigt? Würde er das auch andere fragen oder sie infrage stellen? Die ganze Zeit über blieb ich freundlich, auch wenn er immer wieder kleine Spitzen stumpf in meine Richtung lenkte.

Aber ich mag das auch, wenn aus meiner Freundlichkeit eine Schwäche abgeleitet wird (hatte ich das mal erwähnt?).

Zu meiner Zeit als Schüler auf einem gehobenen Gymnasium liefen mir häufiger Gestalten mit ähnlichen verbalen Äußerungen entgegen. Damals war ich Ausländer und drehte mich am Rande eines nahezu perfekt geschlossenen Kreises. Eines Kreises, in dessen Kern kaum jemand hineingelassen wurde. Und je weiter sich jemand vom Kern entfernte, desto mehr löste sich die vertraute Realität auf und sammelte sich zu den Rändern hin zu schaumigen Vorurteilen.

Jene Orte der Abwesenheit manifestierten sich im Alltag als absurde Begegnungen, und ich war mittendrin.

Warten auf Einlass

Ich stand an der Treppe auf dem Weg nach unten. Musik dröhnte dumpf nach oben. Jeden Sonntag sammelten sich die coolen Kids der Oberstufen Bielefelder Gymnasien vor dem far out (Disco in Bielefeld).

Und jetzt gehörte ich zu den cooleren Kids, denn ich war Student und mächtig stolz. Erstes Semester an der Uni Bielefeld!

Leider wussten die anderen coolen Kids wie dieser Oberstufenschnösel nichts davon. Hier hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass ein eklatanter Informationsdefizit auf seiner Seite herrschte bzw. ich hier mit meinem Wissen ihm voraus war. Ich ließ mich davon nicht beirren. Informationen teilte ich gerne, ebenso aus (ja ich war jung und mein Geist – ach, lassen wir das).

Die Abi Prüfung oder wer stellt hier die Frage

Was es auch war, in diesem Moment war ich nicht gewillt, ihm irgendetwas zu beweisen.

»Stell mir eine Frage, anhand dessen du beurteilen kannst, dass ich Abitur habe.«

Wäre er schlau gewesen, dann hätte er an meiner opulent geschwungenen Ausdrucksweise erkennen können, dass die Schublade, in die er mich gesteckt hatte, irgendwie nicht passte.

Aber das mag ich auch, wenn mich jemand in die unterste Schublade steckt, dann muss er sich ganz schön tief bücken (ja, ich bin ein Mensch, der vieles mag!).

Ich schaute ihn gespannt an, hatte ich in meinen Augen den Spieß umgedreht. Seine Augenbrauen schnellten hoch und spitzten seinen Mund. Er verharrte in dieser Position deutlich zu lange.

»Was ist, traust du dir es nicht zu?«

»Doch, doch! Ich muss nur nachdenken.«

Und er dachte nach.

Verwirrter Mann
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Ich lauschte der Musik. Dum, dum, dum. Bässe vibrierten durch die Wände. In meinem Kopf stimmte ich ein helles Dum-di-dum-di-dum, als wäre es die Begleitmusik einer Quizshow. Und die Zeit ist vorbei!

»Was ist die Ableitung von e2

Ein breites Grinsen und ein Paar gespannte Augen. Jetzt stand ich unter Beobachtung.

Ich war etwas – enttäuscht. Hielt er mich für so dumm? Seine Frage konnte jeder aus der Oberstufe beantworten! (Und vielleicht war seine Frage genau deswegen klug, aber damit wollte ich mich nicht beschäftigen.) Unter diesen Umständen wollte ich ihm nicht die Freude machen, und ihm direkt antworten.

»e ist gleich der Summe von 1 durch 0 Fakultät + 1 durch 2 Fakultät + 1 durch 3 Fakultät bis 1 durch n Fakultät mit n gleich unendlich.«

Seine Augenbrauen schnellten so stark nach oben, dass es sein gesamtes Gesicht unnatürlich nach sich zog. Es sah aus, als würde sein Gesicht vor etwas flüchten.

Mit solch einer Antwort hatte er anscheinend nicht gerechnet. Es klang nach Mathematik und dennoch fremd.

Ich konnte sehen, wie die Räder in seinem Kopf zu rotieren begannen und wie Mühlen meine Worte in kleinere, verständliche Portionen zu mahlen versuchten.

Aber trotz seiner rauen Oberflächlichkeit waren die Mühlsteine seines scharfen Verstandes viel zu glatt. Statt feiner Erkenntnisse setzte sich ein grobes Gefühl in ihm fest – etwas Zwiespältiges und Paradoxes: etwas verstanden zu haben, ohne es zu verstehen.

Aber irgendetwas in seinem Kopf sagte ihm, dass ich mehr über Mathematik wusste als er erwartet hatte oder er selbst verstehen würde. Während er versuchte, diesen inneren Widerspruch aufzulösen, malten seine Augen Kreise. Er wirkte angespannt.

»Das war die geometrische Reihe zur Approximation der Ableitung der Eulerschen Zahl«, sagte ich.

Wieder schnellten seine Augenbrauen hoch. Diesmal bei den Worten »Ableitung« und »Eulersche Zahl«, denn diese erkannte er wieder.

Und doch fehlte ihm etwas für das Gesamtverständnis. Zumindest interpretierte ich sein weiteres Schweigen auf diese Weise.

Doggy Bag to Go

»Ich hätte dir auch eine Formel zur Berechnung des Umfangs eines Stierhodens nennen können, und du hättest nicht mehr verstanden.«

Er lachte.

Was das Lachen betraf, der eigentliche Witz an meinen Antworten war: Tatsächlich bestanden sie aus zusammengesetzten Teilen meiner letzten Analysis Vorlesung im ersten Semester an der Uni Bielefeld. Einer Vorlesung, in der ich genauso wenig wie er verstanden hatte. Das ging nahezu alle Studenten in der Vorlesung so, denn Mathe war das härteste im Informatik Studium. Aber, die mathematischen Teile meines Satzes waren für sich wahr, nur zusammen ergaben sie eine Halbwahrheit.

»Wenn du dich schon für schlau hältst«, sagte ich ihm noch, »dann solltest du mindestens so schlau wie dein Gegenüber sein.« Es war so wichtig, seinem Gegenüber immer etwas wie diesen erdachten Satz des Konfuzius mitzugeben – eine Art doggy bag to go.

Ich zwinkerte ihm zu und ging. Doch ich fühlte mich nicht als Sieger oder überlegen, eher amüsiert und leicht unterfordert, vielleicht sogar ein wenig beleidigt.

3 Dinge, die ich lernte

In jenem Moment verstand ich jedoch, dass es nicht wichtig war, die Wahrheit zu kennen oder auszusprechen – denn dazu müsste der andere sie auch kennen –, sondern etwas zu sagen, das wahr oder klug klang oder zumindest nicht nach einer Lüge. Und vielleicht war er mehr darauf bedacht, nicht selbst als Idiot dazustehen, statt an der Wahrheit interessiert zu sein.

Damals fand ich viel über Menschen und Kommunikation heraus, dass ich nicht glauben wollte und dass mich immer wieder in Erstaunen versetzen sollte. Ich extrahierte die folgenden Punkte für mich heraus:

  • Der Wahrheitsgehalt meiner Antwort war (nahezu) irrelevant
  • Ich musste nicht direkt antworten und konnte eine Frage trotzdem beantworten
  • Ich musste nicht alles wissen, nur ein ganz wenig mehr als mein Gegenüber

Die gefühlte Wahrheit oder wieso Inhalte irrelevant sind

Als ich ihm eine Formel nannte, verstand er zunächst nichts.

Zugegeben, ich kannte die Formel, hatte sie in der Vorlesung gesehen und anschließend im Tutorial zur Vorlesung hergeleitet und bewiesen. Trotzdem verstand ich sie auch nicht. Anhand meiner Antwort ahnte er, dass ich doch mehr über Mathematik verstand, als er angenommen hatte. Die Überraschung sorgte nach der Unter- für eine Überschätzung.

Trotzdem konnte er mit meiner Ausführung nichts anfangen.

Mit meinen darauf folgenden Kommentar lieferte ich eine Erklärung meiner Antwort (die Kommentarfunktion im real world – bitte liken), die eine Art Auflösung darstellte. Darin verwendete ich Worte aus seiner Frage wieder und mischte noch weitere Worte hinein, die meine Ausführung bedeutender klingen ließen: Ich wiederholte sein Wort »Ableitung« und ersetzte das von ihm verwendete »e« durch »Euler«, denn dafür stand der Buchstabe.

Da er diese beiden Worte kannte, weckten sie seine Aufmerksamkeit, und er filterte sie heraus, um sie anschließend zu bewerteten. Die anderen Worte in meinem Satz fielen durch sein Raster. Wären sie aus seiner Sicht falsch gewesen (sehr wahrscheinlich hatte er sie irgendwann einmal gehört), hätten sie sich im Filter verfangen, und er hätte sich nur auf den Teil meiner Antwort gestürzt (niedermachen hat die höhere Priorität!).

Mein Stierhoden Vergleich diente zur Auflösung der Situation. Er konnte lachen. Inhaltlich hatte sie nichts mit der Lösung seiner Frage zu tun. Ich bin mir sicher, hätte ich sofort mit Stierhoden-Satz in abgewandelter Form geantwortet, hätte ich einen ähnlichen Eindruck gemacht. Denn ich hatte sein in Frage stellen meiner Bildung in eine andere Frage auf anderer Ebene abgeleitet: Der Frage, ob er überhaupt in der Lage war, meine Antwort zu verstehen.

Stellte man sich also geschickt an, wäre der Inhalt bzw. der Bezug zur Fragestellung egal.

Im Grunde wusste ich über Mathematik nicht viel mehr als er. Nur dieses »ein wenig mehr« machte in dieser Situation den deutlichen Unterschied.

Die Auflösung

Übrigens, die Lösung habe ich immer noch nicht verraten. Die Ableitung von ex ist ex. Ist damit klar, was die Ableitung von e2 ist? Was ist aber mit meiner Antwort gewesen, war sie jetzt richtig oder falsch…?

Die Musik wurde lauter. Das far out hatte seine Tür geöffnet. Ich ging die Treppen zur Disco hinunter, mich weiteren Herausforderungen stellen.

Titelbild credit: Designed by Freepik

7 Gedanken zu “Quizduell oder Meine mündliche Abi Prüfung an der Disco Tür

    1. Richtige Antwort 😀

      Wenn die Ableitung von e2 = 0, dann ist auch klar, was die Ableitung von ex ist.

      Danke fürs Mitmachen 🙂

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