Wie ich mich Menschen öffnete und es in die Hose ging

Der Tag war jung und lauerte ungezogen am Morgen, während die Sonne sich noch hinter Wolken versteckte und milde Schatten auf meinen Garten warf. An jenem Tag beschloss ich generös, offener gegenüber Menschen zu sein und öffnete mich weit mehr als mir lieb war.

Es klingelte an der Tür.

Unten bei meinen Eltern.
Sie waren aus.

Also musste ich hinunter.

Damals gab es noch kein Smartphone, in das man fragen konnte »Wo bist du?«. Damals waren noch Überraschungsbesuche wirkliche Überraschungen. Das hat sich aber nicht durchgesetzt und wurde mit dem Aufkommen des Smartphones abgeschafft.

Aber damals kamen Menschen, die sich »Freunde« nannten unangekündigt vor deine Haustür, um dir eine Freude zu machen. Bei manchen jedoch hatte ich den Eindruck, sie wussten nichts mit ihrer Zeit anzufangen und dachten sich, schlagen wir auch deren Zeit tot, denn kostbarer als unsere konnte es nicht sein.

Ich hasste es, runter zu gehen, denn damals gab es auch keine elektrischen Türöffner – also in dem Zwei-Familienhaus, in dem wir wohnten.

Ich hasste es, die Tür zu öffnen und freundlich mit den Menschen vor der Tür zu quatschen, die meine Ruhe nicht respektierten und störten. Ich war nicht der Sekretär meiner Eltern! Vor allem nervte es mich, dass ich mir immer etwas anziehen musste.

Zufällig hatte ich genug an, um vor dir Tür gehen zu können, denn ich kam gerade aus dem Bad. Begannen so nicht Horrorgeschichten? Geh nicht an die Tür!, rief erwartungsgemäß eine innere Stimme voller finsterer Vorahnung. Aber unglücklicherweise war ich gut gelaunt und zu einem Plausch aufgelegt – was sonst nie meine Art war.

Aber damals war ich noch jung, probierte einiges aus, das in die Hose ging.

Ich öffnete die Tür.

Die Freunde meiner Eltern standen draußen. Direkt vor mir die Frau und schräg daneben ihr Mann, eingerahmt im Hintergrund von ihren beiden abseits stehenden Töchtern. Ihre Haut war braun gebrannt von der türkischen Sonne. Sie kamen also frisch aus dem Urlaub.

»Hall-oooh«. Mit einen ausgedehnten »oh« am Ende des Hallos, das wohl freundlich und harmlos klingen und ihre Überraschung verbergen sollte, begrüßte mich die Frau.

Und bevor sie weitersprechen konnte, intervenierte ich mit einem »Meine Eltern sind leider nicht da«. Ich hatte gelernt ein »leider« in meine Sätze einzustreuen, was so viel bedeuten sollte, sie wären gerne hier wegen euch, sind sie aber nicht, daher bedauern sie es, wenn sie es könnten.

Ein freundliches Lächeln tauchte pflichtbewusst in ihrem Gesicht auf als wollte sie sich bedanken und zugleich verabschieden. Doch anstatt Tschüss zu sagen und die Tür zu schließen, öffnete ich meinen Mund und Worte in Form von Fragen über ihren Türkei-Urlaub purzelten ungelenkt hinaus, wie ein pummeliges Kind, denn mein Türkisch war hässlich.

Sie stoppten ihre Weg-Geh-Bewegung, die nur aus einer 1 – 2 Grad Drehung bestand.

Mit meinem broken Türkisch und trüb gefärbtem deutschen Akzent plapperte ich drauf los als wären wir die besten Freunde. Ich wollte wohl die beiden Damen im Hintergrund beeindrucken. Frisch geduscht, wohlriechend und mit wunderschön gekämmten Haaren verlangte mein Äußeres nach Bewunderung.

Zu meiner Überraschung zeigten die beiden Damen Wirkung. Es regte sich etwas in ihren Gesichtern. Vor allem die ältere der beiden schaute mich mit funkelnden Augen an und lächelte.

Angespornt durch meinen unerwarteten Erfolg, hörte ich ihren Eltern interessiert zu, lachte übertrieben und stellte aufmunternde Fragen. Man, war ich großzügig und gönnerhaft.

Mit einem Auge schielte ich nach hinten. Das Lächeln des Fräuleins versuchte etwas zu unterdrücken, und auch ihre Schwester vollführte unnatürliche Zuckungen im Gesicht. Ein Kampf gegen das Lachen?

Ich war ein wenig irritiert, lies mich davon aber nicht einschüchtern und redete. Warum eigentlich? Und während ich langsam ins Stocken geriet, sah ich ein Lächeln in den Mundwinkeln der Mutter lauern, während ihr Mann desinteressiert wegschaute. Wollte er gehen?

Im Hintergrund begannen die Töchter ihre Köpfe abrupt wegzudrehen. Ich sah Zuckungen im Bauchbereich, als würde ein Lachen wie Erbrochenes aufstoßen. Ihr könnt mich mal! Jetzt hatte ich auch keine Lust mehr, weiter zu reden.

Höfliches Verabschieden.
Ich stürmte die Treppe hoch ins Bad.

Vor dem Spiegel.

Stimmte etwas mit meinen Haaren nicht? Nein.

Hatte ich einen Popel in oder an der Nase? Nein.

Ich fletschte die Zähne. Auch nichts.

Plötzlich schoss mir das Blut in die Wangen und lies sie in knalligem Rot aufblühen. Ich hatte etwas Helles im Spiegelbild entdeckt.

Ich blickte nach unten. Ein weißer Stofffetzen schaute aus meinem unverschlossenen Reisverschluss in die Welt. Hallo!

Ok, die Damen hatten ihren Spaß mit meiner offenen Hose. Nun gut, es ging auf meine Kosten. Zahlten wir Männer eh nicht immer oder was wollte mir das Universum sagen? Vielleicht:

»Öffne dich den Menschen und halte dich bedeckt.«

Vielleicht war es das, was Frauen unter mysteriös verstanden. Oder:

»Öffne dich nicht zu früh.«

Denn sonst wird dein Herz gebrochen. Oder war es eher ein:

»Während du die Tür zu anderen Menschen öffnest, verschließe alle anderen Öffnungen.«

Irgendwann, dachte ich mir, wird mich auch diese Lektion im Leben weiterbringen.


5 Gedanken zu “Wie ich mich Menschen öffnete und es in die Hose ging

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